Manderl oder Weiberl: Bei Bachforellen aus Hochgebirgssee ist das nicht so gewiss

© /Reinhard Lackner

Fische
06/11/2015

Forscher beobachten Geschlechtsumwandlung

Die Fische in Europas Hochgebirgsseen verweiblichen. Hormonell aktive Umweltgifte, die aus der Erdatmosphäre ins Ökosysteme gelangen, lassen Fischmännchen zu Weibchen werden, berichtet ein österreichisch-spanisches Forscherteam.

Wir haben festgestellt, dass sogar in den abgelegensten Hochgebirgsseen in der Hohen Tatra sowie den Pyrenäen Fische einer dauerhaften Belastung durch Umweltchemikalien ausgesetzt sind. Diese hormonwirksamen Umweltchemikalien wirken wie das weibliche Sexualhormon Östrogen. Junge, männliche Forellen reagieren besonders auf das Umweltgift Hexachlorbenzol (HCB) sehr rasch mit einsetzender Feminisierung.“ Das sagt der österreichische Zoologie Reinhard Lackner von der Universität Innsbruck, der gemein mit einem spanischen Forscherteam erstmals über diesen Zusammenhang zwischen vom Menschen verursachten Luftschadstoffeinträgen in Seen und der Verweiblichung von Fischen berichtet. Die entsprechende Studie ist jetzt in der Fachzeitschrift Nature Scientific Reports erschienen.

Antibabypille wider Willen

HCB und andere schwer abbaubare Chemikalien gelangen aus der Luft in Hochgebirgsseen. „Wenn männliche Fische solche hormonaktiven Stoffe mit ihrer Nahrung aufnehmen, wirken diese als endokrine Disruptoren. Das heißt, die normalen, hormongesteuerten Abläufe im Körper werden gestört. Sehr vereinfachend könnte man sagen, die männlichen Fische schlucken unfreiwillig die Antibabypille,“ sagt Lackner. Weibliche Fische halten laut dem Forscher dagegen von Natur aus höhere Östrogenkonzentrationen aus.

Zwar seien aufgrund des bisher detektierten Grades der Verweiblichung die Populationen in ihrem Fortbestand in den untersuchten Seen in Spanien, Polen und der Slowakei „nicht gefährdet, auch der Verzehr solcher Fische gilt nach derzeitigem Wissensstand noch als unbedenklich, aber insgesamt ist das eine ernste Warnung. Schließlich ist das Hormonsystem von Fischen dem des Menschen sehr ähnlich. Die vielfältigen Wirkungen von Östrogen auf den Organismus sind dabei nur ein Aspekt. Organische Chlorverbindungen gelten im allgemeinen als krebserregend, fruchtschädigend und neurotoxisch. Viele ihrer Wirkungen auf Mensch und Tier sind aber weitgehend unerforscht“, sagt der Zoologe.

Lackner weiter: „Äußerlich sieht man den feminisierten Männchen so gut wie nichts an, aber wir entdeckten in diesen Tieren in eindeutigen Korrelationen zur jeweiligen HCB-Belastung unter anderem erhöhte Konzentrationen von Vitellogenin. Das ist ein Vorläufer des Eidotter-Proteines, das naturgemäß nur bei geschlechtsreifen Weibchen vorkommt“. HCB zählt zu den gefährlichsten Chemikalien überhaupt. Erst seit 2004 gelten im Rahmen des Stockholmer Übereinkommens fast weltweit Beschränkungen und ein Verwendungsverbot. Zuletzt war die lokale Freisetzung von HCB im österreichischen Bundesland Kärnten Thema.

Die Forscher gehen auf Basis der bisherigen Resultate von einem eindeutigen Zusammenhang zwischen solch hormonwirksamen Umweltchemikalien und der Verweiblichung von Fischen aus. In weiterer Folge „wollen wir besser verstehen lernen, wie die globale Zirkulation dieser Gifte in der Atmosphäre insgesamt abläuft. Bis zum Verwendungsverbot von HCB wurde diese Chemikalie sehr breit verwendet, und wie wir wissen, kommt es noch immer zu Freisetzungen“, betont der Zoologe. Insgesamt schließt die Gruppe aus den jüngsten Daten, „dass die durch Schadstoffe aus der Atmosphäre entstehende Verweiblichung von Fischpopulationen in ausgesetzten Regionen Europas sowie insgesamt in entlegenen Regionen unseres Planeten anhaltend auftritt.“

Stichwort „Verweiblichung"

Umweltchemikalien können hormonähnliche Wirkungen entfalten und männliche Fische verweiblichen. Die ersten „Intersex-Fische“ wurden in den 1980er Jahren in Großbritannien entdeckt. Verantwortlich für den Geschlechtswechsel sind Umweltgifte, die hormongesteuerte Abläufe im Körper stören. Da die bisher beobachteten Effekte hauptsächlich auf östrogenartigen Wirkungen beruhen, fasst die Wissenschaft diese Phänomene unter dem Begriff „Verweiblichung“ zusammen.

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