Leben
18.08.2016

Festival der Rothaarigen

Simply Red: Menschen mit roten Haaren feiern ihren Minderheitenstatus in Irland und Holland.

Die Augen des Wiener Fotografen Helmut Mitter leuchten noch immer, wenn er von seinem Besuch in Breda berichtet. "Das war einfach großartig." Er hatte dort an einem Wochenende so viele Rothaarige vor sich, dass er bald einzelne Typen aus der Menge auswählen und fotografieren konnte. Breda war so betrachtet ein absolutes Highlight seines Porträt-Projekts, das er vor fünf Jahren gestartet hat. Ein Mal im Jahr, an einem Wochenende Anfang September, verwandelt sich die Kleinstadt Breda in der niederländischen Provinz Nordbrabant in eine Art Hauptstadt, oder besser: in ein rotes Meer. Tausende Zeige- und Schaulustige strömen dann zum fröhlichen Roodharigendag.

Bereits am kommenden Wochenende lädt der kleine irische Hafenort Crosshaven zur inzwischen 7th Irish Redhead Convention. Auch hier gibt es die obligatorischen Fotoshootings, und dazu einen Sommersprossen-Contest sowie ein Ginger Speed Dating.

Selbstbewusst wissen sich dort jene, die in puncto Haarpracht seit Menschengedenken in der Minderheit sind, für ein paar Stunden in der Mehrheit.

Das rote Chromosom 16

Der besondere Status der Rothaarigen sorgt bis heute für Aufsehen. Man schätzt, dass nur knapp zwei Prozent der Menschheit rothaarig sind, so auch in Österreich. In England und in den USA sind es immerhin vier Prozent. Die meisten "ginger people" leben in Schottland, wo immerhin jeder Achte auf dem Kopf ein Roter ist.

Auch den Grund für ihr Anderssein kennen wir inzwischen. Genetiker führen die rote Farbe der Haare auf eine kleine Mutation auf dem Chromosom 16 zurück. Diese soll sich vor rund 50.000 Jahren vollzogen und zu einer Veränderung des Proteins MC1R geführt haben. Das für Forensiker besonders leicht identifizierbare MC1R ist ein Erbgutbaustein, der Rothaarigen andere Pigmente in ihrer Haut, ihren Haaren und Augen verpasst. Anstatt des dunklen Eumelanins wird von den Haarfollikeln der Farbstoff Phäomelanin produziert. Weshalb sie öfters Sonnenbrände, Sommersprossen und leider auch Hautkrebs bekommen.

Irmela Hannover, langjährige Mitarbeiterin des deutschen Senders WDR, hat schon vor Jahren ein lesenswertes und noch immer aktuelles Buch über sich, ihre drei Schwestern und alle anderen rothaarigen Frauen geschrieben. Zentrale Botschaft von "Frauen mit roten Haaren" (Verlag Rütten & Loening, Berlin) in einem Satz zusammengefasst: "Ich behaupte, dass Rothaarige ganz normale Menschen sind – sie sehen nur anders aus."

Hexen und Kurtisanen

Dennoch sind die Vorurteile und Mythen, mit denen sie im Leben und bei den Recherchen zu ihrem Buch oft konfrontiert war, vielfach an den Haaren herbeigezogen. Ihre Liste der Zuschreibungen ist ebenso lang wie elend: Sie reicht von der Hexe bis zu untreuen Wesen, von der Kurtisane bis zu launischen Diven.

Über die Vorurteile gegenüber rothaarigen Männer wurde bisher wenig geschrieben. Es heißt nicht, dass es keine gibt. Öfters wird erzählt, dass rothaarige Sklaven im alten Rom mehr Geld gekostet haben als andere. Mit dem Hinweis, dass sie besonders entschlossen und stark gewesen wären. Immerhin eine Legende, mit der sich als rothaariger Mann einigermaßen leben lässt. Egal, ob Mann oder Frau, eine besondere Aufmerksamkeit bekommen rothaarige Menschen, weil sie anders als die Mehrheit sind. Ein Phänomen, das auch bei anderen Minderheiten zu beobachten ist und von der Autorin Irmela Hannover bestätigt wird.

Nicht nur Simply Red

Dessen ungeachtet haben Rothaarige auch die Kunst nachhaltig geprägt. Aus der jüngeren Geschichte fällt einem der britische Soulsänger Mick Hucknall ein, der gemeinsam mit seiner Band Simply Red langsam ergraut. Auf die Schnelle taucht auch die amerikanisch-australische Schauspielerin Nicole Kidman auf; die Älteren unter uns erinnern sich eventuell noch an die italienische Schlagersängerin Milva, die von rothaarigen Kindern der 1970er-Jahre ob ihrer opulenten, angeblich nicht echten Haarpracht regelrecht gehasst wurde.

Doch wahrhaftig nachhaltig sind all die rothaarigen Frauen auf den Gemälden der italienischen, der französischer sowie flämischen Meister sowie die Logos vom Wiener Maler Gustav Klimt. Das Farbspektrum in der Natur und auch in der Malerei reicht von Mahagonirot bis zu heller Kupferfarbe.

"Feuermelder" unterwegs

Der farblichen Nähe zum Kupfer verdanken Rothaarige die alte Schmähbezeichnung "Kupferdachl". Weitere,nicht nur in der Literatur zitierte und mehr abwertend als liebevoll gemeinte Zuschreibungen: "Rotfuchs", "Titus Feuerfuchs", "Feuermelder", "Rostiger", "Pumuckl", " Pippi Langstrumpf", die Pippi vor allem für Mädchen.

Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren ist die bekannteste rothaarige Protagonistin in der Kinderliteratur, und nicht die einzige. Die Außenseiterrolle der "Fuchsfellrothaarigen" hat etwa Christine Nöstlinger in ihrem Kinderbuch "Jokel, Jula und Jericho" thematisiert.

Im anglosächsischen Raum wird noch immer die Frage diskutiert, ob "Gingerism" eine Form von Rassismus darstellt. Bei einer Online-Umfrage der Plattform www.gingerism.com sprachen sich zwei Drittel dafür aus.

Rothaarige Neandertaler

Gleichzeitig sind die Schmähungen in jüngster Zeit deutlich weniger geworden. Das berichten jedenfalls rothaarige Eltern von rothaarigen Kindern mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wenigstens bleibt ihrem Nachwuchs erspart, was sie sich selbst anhören mussten.

Trösten können sie sich eventuell mit einem anderen Phänomen: Die Haare von Rothaarigen bleiben angeblich länger rot als dunkles, blondes oder brünettes Haar. Ausnahmen bestätigen auch diese Regel.

Bleibt noch die Frage, was Rothaarige dazu sagen, dass unser Vorfahre, der Homo neanderthalensis, ein Kupferdachl war. Ein Rothaariger lächelt. Dann zitiert er die Buchautorin Irmela Hannover: "Ich behaupte, dass wir ganz normale Menschen sind – wir sehen nur anders aus."www.redheaddays.nlDas Magazin "MC1R" sowie Info und Fotos zum Rothaarigen-Tag in Breda.