Leben
02.07.2018

Ferienstart: Sich endlich treiben lassen

Essay. Für viele, die jetzt in ihre Ferien aufbrechen, ist erst wieder Aktionismus angesagt. Wie wär’s einmal mit Garnichtstun?

Die Kunst, falsch zu reisen, beschrieb der Schriftsteller Kurt Tucholsky so: „Wenn deine Frau vor Müdigkeit umfällt, ist der richtige Augenblick gekommen, auf einen Aussichtsturm oder auf das Rathaus zu steigen; wenn man schon mal in der Fremde ist, muss man alles mitnehmen, was sie einem bietet. Verschwimmen dir zum Schluss die Einzelheiten vor Augen, so kannst du voller Stolz sagen: Ich hab’s geschafft.“

Urlaub. Ferien. Endlich. Die Koffer sind gepackt, die Meere, die Berge, die Seen locken. Und dann fragt plötzlich irgendjemand, was denn alles geplant sei, in dieser Aus-Zeit. Rasch wird ein Bouqet an Reiseführern gezückt, werden Ausflugsziele genannt, Must-See-Listen hergezeigt. Einfach nur so dasitzen, in die Gegend, in die Luft starren, um dabei dem Gehirn beim Nicht-Denken zuzuhören? Eher nicht so.

Lizenz zum Leben

Irgendwie klar. Wo doch Zeitverdichtung, Tempo oder Effizienz den Beweis dafür erbringen, dass der Mensch leistet und auf diese Weise in einer leistungsgetrimmten Umgebung die Lizenz zum Leben hat. Für die meisten wird daher auch im Urlaub immer weniger vorstellbar, gar nichts zu tun. Man könnte womöglich für einen faulen Sack gehalten werden, da gerät man tatsächlich unter Rechtfertigungsdruck.

Also wird die große Pause namens Urlaub dann auch nicht zur echten Pause, sondern erneut zu einem „Was machen wir heute und morgen“-Trip, diesmal halt in Badeshorts, Flipflops oder Wanderschuhen. Devise: Irgendwas muss immer. Wenn die Kinder dann versonnen im Sand sitzen, auf Steinchen und Muscheln starren oder die Zehen in eine Blumenwiese bohren, sagt die Mama: „Kommt, lasst uns doch in den Miniclub gehen, da ist jetzt dann gleich Kinderdisco.“

Wenn der Blick in dieses wunderbare Azur zwischen Meer und Himmel versinkt, mahnt die routinierte innere Stimme zum Aktionismus: „Hallo? Um drei ist Bauch-Beine-Po im Fitnessraum, hopp!“

Wenn wir den Wolken zuschauen, wie sie sich über dem Gebirge zusammenschieben, um sich auf magische Weise im See darunter zu spiegeln, haucht jemand aus dem Off: „Um zwei gehen wir ins Bergbaumuseum, nicht vergessen!“

„Das Grundgesetz jeder richtigen Reise ist: Es muss was los sein – und du musst was vorhaben. Sonst ist die Reise keine Reise. Jede Ausspannung von Beruf und Arbeit beruht darin, dass man sich ein genaues Programm macht…“, schreibt Kurt Tucholsky in seinem Text weiter. Stille sei der Beweis dafür, dass nichts los ist.

Nichtstun als Kunst

Die meisten Menschen haben verlernt, was es bedeutet nichts zu tun, sich der Pause hinzugeben, langatmig und leichtlebig zu werden. Sie wissen nicht mehr ist, wie es ist, sich treiben zu lassen. Dabei ist Nichtstun eine Kunst, eine Königsdisziplin, geradezu lebensrettend. Dahinter steckt nicht Faulheit, sondern die Haltung, sich mit Muße jene Kraft zurückzuholen, die wir im Alltag brauchen. Das bringt Kreativität. Und Lebensfreude. Ein Geschenk. das jedem Menschen zusteht.

Die hohe Kunst des Pausierens ist ein Lernprozess, der auch abseits des Urlaubs immer wieder geübt werden kann. Kennen Sie etwa jenen speziellen Arbeitsmoment, an dem Sie sich hinsetzen, den Rechner oder den Laptop aufdrehen, um zu arbeiten? Innerlich scharrt man schon in den Produktivitäts-Startlöchern, aber nein: Ein Update läuft im Hintergrund. Das kann dauern.

Die meisten Menschen, die ich kenne – ich zähle mich da durchaus dazu – werden da sehr ungeduldig. Sie hüpfen auf, fluchen, der innere Macher hastet zum nächsten To-do. Smartphone in die Hand, Mails checken, einen Tweet absetzen, rüber zur Post, Briefe aufreißen. Sich wegen der Mahnung ärgern, schnell mit dem Installateur telefonieren. Das Rädchen auf dem PC-Bildschirm dreht sich weiter.

Option P

Sich für solche Augenblicke eine alternative Handlungsweise anzueignen, braucht Bewusstsein und Entschlossenheit. Wie wär’s mit Option P – für Pause? Das bedeutet‚ sich jetzt nicht zu ärgern, sondern stattdessen darüber froh zu sein, dass man einige Minuten für sich hat. Zeit, genau! Um aus dem Fenster zu blicken und einem Vogel beim Singen zuzuschauen. Um in die Luft zu starren, und sich in Gedanken und Tagträumereien zu verlieren. Um sich selbst beim Atmen zuzuhören – bei dem, was ist. Um den Geruch des Schnitzels einzuatmen, das die Nachbarin gerade brät. Endlich nichts tun, um so viel Schönes zu erleben.

Längst ist wissenschaftlich erwiesen, dass dieses Nichtstun sehr wirkungsvoll ist. Menschen, die regelmäßig pausieren, sind etwa kreativer. Das Gehirn braucht Auszeiten, um sich zu regenerieren und sich neu zu ordnen. Ein Nickerchen, einen Tagtraum, Gedankenreisen. „Die Pause ist nicht Widersacher der Arbeit, sondern ihr Partner. Beide ergänzen und vervollständigen sich gegenseitig“, schreibt der US-Forscher Alex Soojung-Kim Pang in seinem Buch: „Pause: Tue weniger, erreiche mehr.“

Erneut zum Thema Ferien. Was die große Pause, unseren Urlaub, so besonders macht, ist die Ausdehnung der Gegenwart. Hier. Jetzt. Lebenszeit – endlich. Wer stundenlang an einem Strand sitzen kann, um Möwen beim Gleiten zuzuschauen und den Wellen beim Kommen und Gehen, meditiert, ohne von sich behaupten zu müssen: Ich meditiere. Im Verweilen in der Gegenwart schöpfen wir Kraft, das Schöne daran: Es ist absichtslos. Ein Modus, der erlaubt, sich von Gestern und vom Morgen zu lösen, von allen Planungsgedanken und mentalen Lasten des Gewesenen.

Auch, aber nicht nur. Der Psychologe Michael Corballis sagt, dass der Mensch in diesem Zustand oft in der Vergangenheit und Zukunft unterwegs ist und genau dieses Gedankenschweifen zu Lösungen führen kann, es aber auch inspiriert. Vor allem aber trägt so eine Auszeit mit bewusst gesetzten Ruhe-Inseln dazu bei, wieder den eigenen Rhythmus zu finden, der im Laufe des Arbeitsjahres oft verloren geht. Jeder Mensch verfügt über so etwas wie eine Eigenzeit, wir lassen sie uns aber viel zu oft wegnehmen. Im Urlaub kommt sie wieder.

Die Kunst, richtig zu reisen, beschrieb Kurt Tucholsky dann übrigens so: „Entwirf deinen Reiseplan im Großen – und lass dich im Einzelnen von der bunten Stunde treiben ... Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudele durch die Welt. Sie ist so schön: Gib dich ihr hin, und sie wird sich dir geben.“