Vielfalt: Im Kriegsarchiv finden sich viele Akten mit dem Namen Teufl oder Teufel

© KURIER/Gilbert Novy

Ahnenforschung
12/20/2014

Spurensuche im Kriegsarchiv

Wie ich meinen unbekannten Großvater ein wenig besser kennenlernte.

von Ingrid Teufl, Gilbert Novy

Konstant 18 Grad. Das ist die Raumtemperatur im Kriegsarchiv in der Nottendorfer Gasse 2, im dritten Wiener Gemeindebezirk. Hier, in einer der vier unterirdischen Ebenen (oberirdisch sind es weitere neun) startet meine Spurensuche. Nach meinem Großvater Josef Teufl (1891– 1964), den ich nur von wenigen Fotos kenne. Und durch Erzählungen. Hier hoffe ich, mehr über ihn zu erfahren. Zumindest über seine Militärzeit, aus der sein breiter Ledergürtel erhalten blieb. Die Metallschnalle lag früher schwer in meiner Kinderhand, der mächtige Doppeladler darauf weckte meine Fantasie.

Im Kriegsarchiv lagern neben Landkarten und Plänen auch Stellungslisten, Musterungsprotokolle und sonstige Militärakten aus der k.u.k-Zeit bis 1918. Das Material des gesamten Kriegsarchivs würde aneinandergereiht 50 Kilometer ergeben, jenes des Ersten Weltkriegs allein 20. Insgesamt verfügt das Staatsarchiv über 200 Kilometer Aktenmaterial.

Nadel im Heuhaufen

Und in dieser Fülle soll es möglich sein, einen Bauernsohn aus Niederösterreich zu finden? Auch noch so große Archive haben ihre eigene, gewachsene Ordnung, in der sich Profis wie Hofrat Christoph Tepperberg und sein Mitarbeiter Manuel Peterszel zurechtfinden. "Wenn Sie Geburtsdatum und Geburtsort wissen und wir Glück haben, finden wir ihn in der Grundbuchevidenz." Das sind Militärdatenblätter der k.u.k.-Monarchie mit den bei der Stellung vermerkten Daten.

Anders als viele Unterlagen aus der Monarchie sind jene vom Gebiet des heutigen Österreichs erhalten geblieben. Ein Glück für mich. Mein Großvater stammte aus dem Bezirk Scheibbs. Laut Familienerzählungen rückte er 1912 ein und kam zu einer Einheit in Sarajewo. Nach Kriegsausbruch wurde er schon im September 1914 in Serbien schwerst verwundet. Ein Schrapnell zerfetzte seinen Bauch, schlecht sei es um ihn gestanden. Doch er überlebte, bekam mit meiner Großmutter sieben Kinder. Die vielen, nicht operablen Splitter dürften ihm sein Leben lang Beschwerden gemacht haben.

Auf den langen Gängen im Tiefspeicher geht mir die Lebensgeschichte des unbekannten Opas durch den Kopf. In kühler Atmosphäre mit modernen Lüftungsrohren wechseln sich dicke Brandschutztüren mit historischen Porträts und barocken Feldherren-Statuen ab. Auch Prinz Eugen findet sich darunter.

Nüchterne Ordnung

Dann erreichen wir endlich unser Ziel: Ein Raum mit nüchternen Regalen, gefüllt mit unzähligen schlichten Kartons. Die Luft ist trocken, es riecht nach altem Papier. 4000 Kartons sind hier verwahrt. Geordnet nach Bundesländern, Jahrgängen und Alphabet. Und in jedem Karton befinden sich die Daten von mehr als 100 Männern. "Jeder Bestand hat seine eigene Geschichte. Es gibt so viel Interessantes", sagt Manuel Peterszel. Nachsatz: "Wenn man mal Zeit zum Nachlesen hat." So wie ich heute – ich darf die "Grundbuchblätter NÖ", Jahrgang 1891, Buchstabe T, durchblättern. Vorsichtig wende ich die dünnen, vergilbten und mit spitzer Kurrentschrift beschriebenen Blätter. Ganz schön viele Teufls und Teufels gibt es da, von Franticek bis Georg, von Josef bis Karl aus vielen Teilen der Monarchie. Dann das Blatt Nummer 1039 des Assentjahrgang 1912 (Jahrgang des Armeeeintritts, Anm.): noch ein Josef Teufl.
Diesmal stimmen Wohnort-und Geburtstag – und die Personsbeschreibung. Eine Narbe auf der linken Stirnseite passt zu Familienerzählungen, wonach der Großvater als Kind von einem Pferdehuf auf der linken Stirn getroffen wurde. Es heißt auch, er sei blond und blauäugig gewesen. In der k.u.k.-Bürokratie nahm man es noch genauer: Haare dunkelblond; Augenfarbe blaugrau; Nase länglich; Angesicht länglich; Mund prop. Das letzte Wort stehe für "proportioniert", sagt Tepperberg. Man könne es mit "nicht schiach" übersetzen. Na immerhin! Am Schluss wird noch das Körpermaß in Meter vermerkt. Recht groß war er mit 1,69 m ja nicht gerade, seine Enkelin hätte ihn überragt.

Aktenmaterial

Ich lese militärische Formulierungen wie eingeteilt – laut Tepperberg "schlicht ein bürokratischer Vorgang" – oder zur aktiven Dienstleistung präsentiert. "Damit umschrieb die Militärbürokratie die sogenannte ‚physische Vorstellung‘." Ebenso im Akt dokumentiert: mehrere Verlegungen. Im Juni 1915 wurde Josef Teufl Teil-Tauglichkeit wegen eines Gebrechen durch die aktive Militärdienstleistung attestiert. Für die Verwendung in Kasernen reichte es aber bis Kriegsende. Details dieses Gebrechens, das ihn lebenslang beeinträchtigte, finden wir leider später auch in den Feldspitäler-Akten nicht. Trotz der oft "aufgeblähten Bürokratie" (Tepperberg), wo ich in manchen Krankenakten sogar genaue Fieberkurven finde.

Die Einzige, die im Kriegsarchiv sucht, bin ich nicht. Die Anfragen nehmen mit historischen Jahrestagen zu, sagt Experte Tepperberg. "Es ist schön, die Freude zu sehen, wenn wir etwas finden." Erfolg haben die Archivare nicht immer, vieles ging mit 1918 verloren. "Wir können nur bestimmte Dokumente recherchieren. Was drin steht, steht drin. Was nicht, nicht."

Die Familiengeschichte erforschen

Das Interesse an der eigenen Familiengeschichte steigt, Nachforschungen sind meist zeitaufwendig. Wer herausfinden will, wo die Familienwurzeln liegen oder was der Großvater im Zweiten Weltkrieg gemacht hat, muss sich in Archive begeben. Hier einige Anlaufstellen:

Geburts-, Heiratsurkunden und Totenscheine wurden vom 18. Jahrhundert bis 1938 von den lokalen Religionsgemeinschaften auf Gemeindeebene ausgestellt. Diese sogenannten Pfarrmatriken (meist katholische und evangelische Kirche) werden zunehmend digitalisiert und online zugänglich gemacht. Die Daten der jüdischen Religionsgemeinschaften werden ebenso in den jeweiligen Gemeinden und Synagogen aufbewahrt. Infos: www.matricula-online.eu

Alle seit 1918 gesammelten Bestände befinden sich im Archiv der Republik, das Teil des Staatsarchivs ist. Dort werden auch die Personalbestände des Österreichischen Bundesheeres und der deutschen Wehrmacht (1938 bis 1945) aufbewahrt. Dort befinden sich auch die Entnazifizierungsakten, die aufschlussreich sein können. Infos: www.oesta.gv.at

Soldaten und Gefallene des Zweiten Weltkriegs sammelt u. a. das Österreichische Schwarze Kreuz. Infos: www.osk.at

Im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) finden sich Polizei- und Justizakten zu Widerstand und Verfolgung 1934 bis 1938 und 1938 bis 1945 sowie Strafverfahren gegen NS-Täter 1945 bis 1955. Infos: www.doew.at

Auskünfte über den Lebenslauf von Angehörigen der deutschen Wehrmacht (z. B. SS-Zugehörigkeit, Einsatzorte etc.) erteilt ebenso die Deutsche Dienststelle (WASt), die mehrere Standorte hat. Infos: www.dd-wast.de

Bei der Nachforschung von Vermissten kann der Suchdienst des Roten Kreuzes helfen. Infos: www.rotes.kreuz.at

Das Institut für Historische Familienforschung erforscht gegen Auftragserteilung die jeweilige Familiengeschichte. Infos: www.ihff.at

Die Datensammlung Österreichs

Österreichisches Staatsarchiv

Das Staatsarchiv ist zentrales Archiv und Sammelstelle der Republik. Darüber hinaus beherbergt es behördliche Akten und Daten der ehemaligen Habsburgermonarchie (1526–1918). Die babenbergisch-habsburgische Urkundensammlung reicht mit ihrem ältesten Stück bis in das Jahr 816 zurück.

Kriegsarchiv

Das Kriegsarchiv ist Anlaufstelle für militärische Aspekte der österr. Geschichte vom 16. Jh. bis 1918 und verfügt u. a. über Personaldaten (z. B. Regimenter, Verlustlisten), Feldakten und Karten. Man kann eine Anfrage stellen (die Recherche ist kostenpflichtig) oder selbst vor Ort suchen. Info: www.oesta.gv.at 01/79540-452.

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