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Interview
07/07/2015

Warum Kinder Selbstliebe lernen sollten

Welche Rolle dabei Gefühle, Wissen und Schule haben, erklärt der Ethiker Matthias Beck.

von Ute Brühl

Er ist Mediziner, Pharmazeut, Philosoph und Theologe: Matthias Beck beschäftigt sich mit dem Menschen in all seinen Facetten. Am Mittwoch diskutiert er mit dem Philosophen Christoph Quarch beim Dialogikum Phönixberg in Niederösterreich zum Thema: "Wozu bilden?"

KURIER: Bildung bedeutet in der öffentlichen Diskussion Erwerb von kognitivem Wissen. Sie fassen den Begriff weiter.

Matthias Beck: Bildung heißt oft nur Ausbildung, also Stoff lernen, den ich im Leben gut verwenden kann. Doch Bildung ist mehr. Dies bedeutet, dass der Mensch Kontur bekommt, dass er sein inneres Wesen kennenlernt. Er muss wahrnehmen, welche Seelenregungen in ihm vorgehen. Deshalb brauchen wir eine "Wahrnehmungsschule", damit die Menschen eine gute Beziehung zu sich selbst und zu anderen entwickeln können.

Wir müssen lernen, unsere Gefühle bewusst zu spüren?

Wir haben ein riesiges Defizit an emotionaler Bildung und Bindung sowie bei Kindern bereits einen Verlust an Empathiefähigkeit. Und einen Verlust an Identität. Identitätsfindung ist mehr als Anhäufung von Wissen. Ich muss fragen: Wie gehe ich mit mir selber um? Wie finde ich einen Zugang zu mir? Kinder müssen Selbstliebe lernen – das ist etwas anderes als Narzissmus. Das müsste die Schule versuchen zu vermitteln.

Braucht es dafür jemanden, der besonders geschult ist?

Früher geschah dies oft in der Familie. Heute soll es die Schule leisten. Aber auch hier geschieht es nicht. Wichtig wäre, jungen Menschen im Alter von 13, 14 Jahren bewusst zu machen, welchen Einflüssen sie ausgesetzt sind. Viele Fremdstimmen verwirren den Menschen zum Teil. Er weiß nicht mehr, was seine eigene Wahrheit ist. Menschen sollten aber einen Selbststand entwickeln. Heißt: "Ich höre auf meine innere Wahrheit, meine innere Stimme." Seine eigene Berufung zu finden ist heute das Schwierigste, weil die Vielfalt der Angebote verwirrt.

Wie findet man seine Mitte?

Menschen brauchen vor allem eine innere Anbindung. Eine gute befreiende Religiosität ist gefragt, die den Menschen zu sich selbst führt, so dass auch das Verhältnis zum anderen Menschen gut werden kann. Außerdem sollte der Lehrer Zusammenhänge zum Ganzen des Lebens vermitteln. Wenn Kinder diese verstehen und auch wissen, warum sie etwas lernen, und was das alles mit ihrem Leben zu tun hat, sind sie mit großer Begeisterung bei der Sache. In der Schule braucht es also eine doppelte Interdisziplinarität: Inhalte müssen fächerübergreifend vermittelt und in Beziehung zum Menschen gesetzt werden.

Wie viel Wissen ist nötig, um sich selbst erkennen zu können?

Spontan hätte ich gesagt: sehr viel. Aber es braucht eigentlich sehr wenig. Der Lehrer müsste viel Hintergrundwissen haben und Dinge einordnen können. Es gibt ja den schönen Satz: "Der Akademiker muss nicht alles wissen, er muss aber wissen, wo etwas steht." Wenn Schüler nur Detailwissen lernen, sehen sie vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Das Vernetzen von Wissen könnte man in den Ethikunterricht einbinden, der meiner Meinung nach verpflichtend sein sollte.

Braucht es mehr Kooperation zwischen den Lehrern und auch andere Unterrichtsformen?Genau: Man könnte sich z. B. einige Wochen mit dem Staat Österreich beschäftigen. Soziologie, Politik oder das Gesundheitssystem könnten Blickwinkel sein, aus denen man das Thema betrachtet. Leider gibt es auch an der Uni zu viel Einzelkämpfertum. Es wäre z. B. für Biologen wichtig zu überlegen, was ist Leben (Bios, griech. Leben)?Sind es nur die Gene, die den Menschen ausmachen, oder auch sein Geist? Umgekehrtes gilt für Geisteswissenschaftler. Sie sollten die Methoden der Naturwissenschaft kennen und schauen, wie diese die Welt interpretiert.

Wo läge der Profit für den Einzelnen und für die Gesellschaft?

Wenn ich den ganzen Menschen bilde, hat das für ihn selber enorme Vorteile und auch für andere, weil er erträglicher im Umgang ist. Der Staat würde sich Milliarden im Bereich der Gesundheit, der Kriminalität usw. sparen. Der Mensch profitiert, weil er ein Bewusstsein für die Welt bekommt. Und er weiß, dass er eine einmalige Person ist, die eigene Argumente formuliert und ihren Standpunkt vertritt. Es reicht doch heute nicht mehr, die Thesen von Kirchen, Parteien etc. nachzuplappern. Es gilt, Thesen zu verinnerlichen, dafür einzustehen und zu sagen: "Ich habe das so verstanden." Denn: Ein Dialog kann nur gelingen, wenn ich einen Standpunkt habe. So hat das Jürgen Habermas formuliert. Als Uniprofessor lese ich Seminararbeiten, deren Sätze ich nicht verstehe, weil Studenten manchmal nicht formulieren können, was sie denken. Wir müssen Schülern ein Equipment mit auf die Reise geben, dass sie das können.

Wie kann man das erreichen?

Ich selbst habe mit meinen Eltern viel diskutiert und erzählt, was ich erlebt habe: Dem anderen zuhören und ihn wertschätzen. Dann kommt er automatisch zu einer besseren Einschätzung von sich selbst. Wenn ein Kind hört: "Du bist nichts wert, du wirst einmal auf der Straße landen", brauche ich mich nicht zu wundern, wenn es sich nicht ausdrücken kann. Wertschätzung und Diskutieren-Lernen heißt die Antwort, Texte lesen und Texte schreiben lernen.

Die sozialen Medien sind ja nicht gerade der Raum, in dem gut zugehört und diskutiert wird.

Die meisten Kommunikations- und Beziehungsprobleme kommen daher, dass die Menschen nicht mehr zuhören. Ich empfehle die scholastische Methode von Thomas von Aquin: Wiederhole, was der andere gesagt hat, frage, ob Du den anderen verstanden hast, und antworte dann. Das kannst du bei Twitter nicht so gut. Ich fürchte, wir werden diese Kommunikationsstrukturen und in Folge die Beziehungsfähigkeit verlieren. Nur Daumen rauf oder runter, das reicht nicht. Deshalb gefällt mir auch das Dialogikum: Wir müssen das Reden wieder neu lernen.

Manche – auch europäische Jugendliche – finden den IS attraktiv. Hat das auch mit mangelnder Bildung zu tun?

Da geht es um Wertschätzung: Wir wissen aus soziologischen Untersuchungen über Banden: Wenn Menschen allein gelassen und auf Konkurrenz trainiert werden, kommt die Vereinsamung. Dann suchen die Menschen die Gemeinschaft – auch wenn es eine kriminelle ist. Wenn intellektuelle Führung nicht stattfindet, kommt der starke Mann. Deshalb ist der IS ein Alarmsignal für unsere Kultur. Es ist eine Folge geistiger Unreife, innerer Unsicherheit, Substanzverlust und mangelnder Differenzierungsfähigkeit.

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