Gedenkkickerl 100 Jahre nach dem „christmas truce“: Irische Soldaten in den historischen Uniformen gegen ein modern ausgestattetes deutsches Team.

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Friedensmatch
12/16/2014

Weihnachtsfriede an der Westfront

1914 stoppten deutsche und britische Soldaten die Grabenkämpfe und spielten Fußball.

von Martin Burger

Den deutschen, britischen und französischen Soldaten in ihren stinkenden, schlammigen Schützengräben reicht’s. Die Kämpfer an der Westfront weigern sich, ihre geschworenen Erzfeinde auf der anderen Seite auch zu Weihnachten abzuschlachten. Aus den Gräben, die durch einen nur wenige Hundert Meter breiten Streifen Niemandsland getrennt sind, hört man stattdessen "Stille Nacht, Heilige Nacht". Die Antwort folgt prompt: "The First Noel". So berichtet das amerikanische Smithonian Institute unter Berufung auf Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg. Das Unerwartete geschieht: die Waffen ruhen.

Der von der Obrigkeit ganz und gar nicht goutierte Waffenstillstand am 24. Dezember 1914 wurde von den österreichischen Zeitungen nicht aufgegriffen. "In Flandern herrschte gestern im allgemeinen Ruhe", meldet das Prager Abendblatt am 25. Dezember. Während man in Wien also meint, der Krieg an der Westfront werde mit unverminderter Härte fortgeführt, begraben die Soldaten ihre toten Kameraden, entkorken die eine oder andere Weinflasche und wärmen sich bei Radrennen und Fußballspielen auf.

Dabei dürfte die nicht genehmigte Kampfpause nicht die erste Guerilla-Friedensaktion gewesen sein. Die Arbeiter-Zeitung berichtet am 2. Jänner 1915 unter dem Titel "Versöhnungstrunk mit den Franzosen" von einer spontanen Kampfpause. "Nicht schießen, deutscher Kamerad, keine Zweck gegenseitig totschießen", riefen die Franzosen am 28. November 1914 aus ihren Stellungen an einem nicht näher bezeichneten Abschnitt der Westfront herüber. Die Meldung passiert die Zensur, weil die Arbeiter-Zeitung nur indirekt berichtet, sie zitiert den Brief eines namenlosen Soldaten, der im Hallischen Volksblatt abgedruckt wurde. Der Briefschreiber betont die "hohe Kultur beider Völker".

Der Weihnachtsfriede im ersten Kriegswinter, inmitten des Gemetzels, ist für den Historiker Wolfram Dornik vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung Ausdruck einer Protesthaltung der Soldaten. "Die hatten die Propaganda vom schnellen Sieg längst durchschaut", die Rückzugsgefechte im September und Oktober 1914 waren noch lebhaft in Erinnerung.

Ostfront

Die Situation an der Ostfront ist anders. Hier liefert sich die k. u k. Armee Rückzugsgefechte an den Abhängen der Karpaten gegen russische Kräfte. Ein Weihnachtsfriede kommt aus Termingründen nicht zustande – Russisch-Orthodoxe feiern zwei Wochen später Weihnachten. In den Folgewintern nutzen die kriegsmüden Soldaten allerdings die Schlachtpausen im Osten, um einen Tausch-Handel in Gang zu bringen, erläutert Dornik, wissenschaftlicher Berater der Weltkriegs-Ausstellung 2014 auf der Schallaburg.

Arthur Conan Doyle beschreibt den "christmas truce" in seinem Rückblick auf das Jahr 1914 als Episode der Menschlichkeit inmitten all der Grausamkeiten. Nicht alle Soldaten sind mit der Unterbrechung des Gemetzels einverstanden. Adolf Hitler, damals Gefreiter, protestiert, so ein Verhalten sollte im Krieg verboten sein. Ein Jahr darauf ist Weihnachten an der Westfront wieder ein grausamer Tag wie jeder andere. Befehl von oben: Wer mit dem Feind "Stille Nacht" singt, sei sofort zu erschießen.

Fakten:

Fußball
Mindestens drei Spiele zwischen britischen und deutschen Mannschaften fanden zu Weihnachten 1914 statt. Bei Ypern endete eine der Partien unentschieden.
Denkmal
UEFA-Chef und Ex-Europameister Michel Platini enthüllte im Dezember in Ploegsteert, im wallonischen Teil Belgiens, ein Mahnmal zur Erinnerung an eben dieses „Friedensmatch“.

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