Leben
13.05.2016

Journalisten nach der Flucht

Medienmacher aus Kriegsregionen könnten künftig eine wichtige Vermittlerrolle einnehmen.

Entführt, verschleppt oder getötet – Syrien ist für Journalisten das gefährlichste Land der Welt. Jehad Nour Eddin Hussari, genannt "Nour", hat es selbst erlebt. Der junge Mann mit dem schmalen Gesicht, langen Haaren und der großen Brille berichtete für einen oppositionellen Fernsehsender aus Aleppo. Bis er an seine Grenzen kam. Er wollte nicht sterben, so wie viele seiner Kollegen. Vor eineinhalb Jahren floh der 30-Jährige mit dem Boot über das Mittelmeer. Der Journalist wurde zum Flüchtling.

Über Menschen wie Nour wird täglich berichtet. Dass sie selber schreiben, filmen oder fotografieren, kommt in Österreich kaum oder nur in kleineren Medien vor. Nour will als Journalist aus der Perspektive von Flüchtlingen berichten. Für Medienexpertin Daniela Kraus, Geschäftsführerin des "Forums Journalismus und Medien" (FJUM), haben Journalisten wie Nour durch ihre Herkunft und Erfahrung gute Voraussetzungen: "Sie haben Fluchterfahrung, Kontakt zu Landsleuten und beherrschen die Sprache." Vor allem könnten sie künftig eine wichtige Rolle als Vermittler zwischen Österreichern und Flüchtlingen einnehmen: "Die Menschen, die jetzt zu uns kommen oder schon hier sind, haben auch einen Informationsbedarf, den herkömmliche Redaktionen kaum abdecken können. Wir kennen diese neue Zielgruppe nicht und dazu braucht es als Vermittler Menschen, die sich auskennen."

Perspektiven

Über weitere Perspektiven und Möglichkeiten für geflüchtete Medienschaffende wollen Branchenkollegen kommenden Dienstag bei einer Konferenz sprechen. Organisiert wird sie von der Wiener Initiative join.AT, die geflüchteten Fotografen, Journalisten, Filmemachern und Moderatoren helfen will, sich mit österreichischen Medienmachern zu vernetzen.

Nour ist ebenfalls dabei. Gemeinsam mit Yassin, einem Studenten und Filmemacher aus dem Libanon, hat er dafür ein Ankündigungs-Video gedreht. "Es hat Spaß gemacht, endlich konnten wir aktiv sein." Sein Kollege Yassin ist 26 Jahre. Bis er nach Österreich floh, führte er ein gutes Leben in Beirut, erzählt der Libanese. Als Student ging er auf die Uni, traf Freunde und ging aus. Nebenbei moderierte er eine Radiosendung und drehte Filme. Und hier endete eines Tages die Freiheit. "Mein Land hat eine parlamentarische Demokratie und ist eigentlich stabil", sagt der 26-Jährige. Allerdings nicht, wenn es um Religionszugehörigkeit geht. Für eine Dokumentation über islamischen Extremismus tarnte sich der Atheist als Muslim. Die Protagonisten seiner Doku fanden dies heraus und verfolgten ihn: "Sie kamen zwei Mal in der Woche zu mir, haben mich bedroht und gedrängt, mit ihnen in die Moschee zu gehen." Die Polizei konnte Yassin nicht helfen. Für ihn gab es nur eine Lösung: Flucht.

An der Filmakademie seinen Abschluss machen – das ist sein großer Wunsch. Dafür muss er auf seine Aufenthaltsgenehmigung warten. Bis dahin arbeitet er an eigenen Projekten, dreht Zeitraffer-Videos von Wien. Und wird bei der Vernetzungskonferenz am Dienstag filmen.

Kriegsjournalist

Dort will der syrische Journalist Nour auch von seiner Arbeit erzählen. Zum Beispiel, wie Journalismus in einem Bürgerkriegsland funktioniert: "Über Umwege und mithilfe anderer", erklärt er. Zuletzt arbeitete er mit seinen Kollegen in einem Büro in der Türkei. Durch Mittelsmänner kamen sie immer wieder über die Grenze nach Syrien und konnten Interviews führen und filmen. "Jede Splittergruppe, die im Bürgerkrieg mitmischt, hat einen eigenen Check-Point an der Grenze. Es wurde aber immer gefährlicher", sagt Nour. Was ihm an Österreich gefällt? Freiheit – bezogen auf Beruf, Meinungsfreiheit und Religion. "Hier greift niemand in die journalistische Arbeit ein oder erpresst einen." Was er sich von der Konferenz erhofft? "Austausch und Kontakte mit österreichischen Journalisten."

Erfolgreiche Kooperationen und Projekte zwischen Medien und Flüchtlingen gibt es auch in Deutschland. Für das bilinguale Videoportal Yallah Deutschland berichten Menschen nicht nur von ihrer gefährlichen Überfahrt nach Europa, sondern etwa auch über kulinarische Themen wie vegetarisch essen.

Alltagsgeschichten, die auch Mohammed Ali Allamy erzählen will. Der gebürtige Iraker lebt seit acht Monaten in Österreich und engagiert sich als Übersetzer für Hilfsorganisationen. Er ist nah dran am Leben der Menschen. Der 23-Jährige will Flüchtlingen eine Stimme geben, aber nicht nur über Politik und Probleme berichten. Immerhin hat er auch witzige Erlebnisse: Zum Beispiel, wie seine Uni-Dokumente aus Bagdad nach Wien gekommen sind. Mehre Menschen haben dabei geholfen, die Unterlagen zu beschaffen, inklusive der Putzfrau an der Universität. Eineinhalb Monate hat es gedauert, bis sie hier waren. Mohammed lacht, wenn er daran zurückdenkt. Er fährt sich durch das Haar, summt ein Lied aus dem Radio mit. Englisch spricht und versteht er sehr gut, Deutsch lernt er gerade. "Es ist schwierig, aber umso wichtiger ist es, die Sprache zu beherrschen." Noch wichtiger ist ihm die Errungenschaft, frei sein zu können. Da Mohammed weder Schiit noch Sunnit ist, wurde er ständig von der Polizei kontrolliert und schikaniert. "Im Irak hatte ich alles, nur keine Freiheit. Hier habe ich nichts, bin aber frei. Ich führe ein friedliches Leben."

Hintergrund:

Programm Die erste Vernetzungskonferenz von Journalisten mit und ohne Fluchterfahrung wird vom Netzwerk "joinAT" organisiert. Es wurde von Sonja Bettel, Jonas Paintner, Daniela Kraus, Fritz Hausjell und Patricia Käfer gegründet. Welche Perspektiven haben und geben Journalisten mit Fluchthintergrund, welche Projekte gibt es bereits? Darüber sprechen u. a. Journalisten von Biber, Okto, Refugee TV und Yallah Deutschland.

Infos

Wann: 17.5., 10–17.30 Uhr; Wo: Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Uni Wien, Hörsaal 2, Währinger Str. 29, 1090 Wien.

Anmeldung unter: office@join-media.eu - Die Teilnahme ist kostenlos.