1997 entdeckte man nahe der Stadt Khatanga in Sibirien ein 23.000 Jahre altes Mammut, das dann aus dem Eis geschnitten und mit dem Hubschrauber abtransportiert wurde.

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Eismumien
11/11/2014

Mythos Mumien: Eiskalte Zeitzeugen

Die Erderwärmung lässt den Permafrost tauen und bringt immer öfter Relikte zutage. In Wien sind demnächst Eismumien aus Sibirien zu sehen.

von Sandra Lumetsberger, Susanne Mauthner-Weber

Juli 2011, Jakutien im Osten von Sibirien: Eine Gruppe von Jukagiren, Angehörige des einheimischen Volkes, genießen das ungewöhnlich warme Wetter am Ufer des Chukchalakh Sees, als sie plötzlich etwas Ungewöhnliches im Boden entdecken: Ein Bison, der aussieht, als wäre er noch gestern durch die sibirische Tundra gelaufen. Tatsächlich ist das Tier seit etwa 9000 Jahren tot.

Woher man das weiß? Forscher haben das Tier mittlerweile untersucht und ihre Erkenntnisse jetzt im renommierten Journal of Vertebrate Paleontology veröffentlicht. Die Sensation: Die Mumie ist nahezu unversehrt.

"Ich war total überrascht, dass der Bison so gut erhalten ist, ein solcher Fund ist äußerst selten", sagt die Paläontologin Olga Potapova. "Das Geschlechtsteil, das Gehirn, sogar fast alle inneren Organe sind in bestem Zustand. Das Hirn ist allerdings geschrumpft, hat 36 Prozent seiner ursprünglichen Größe eingebüßt. Das ist Teil der Mumifizierung."

Erkenntnis auf Eis

Potapova und ihr Team haben den Fund aus dem Permafrost analysiert: Das Bison war zwischen vier und fünf Jahre alt und hatte nur wenig Fett im Nacken und Bauchbereich. Nicht nur die 9000 Jahre alte Hülle ist perfekt erhalten, im Pansen fanden sie die letzte Mahlzeit des Bisons – Pflanzenreste, Wurzeln und sogar Sträucher sowie Baumäste. Ein Indiz für karges Nahrungsangebot? Möglich: "Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit in der sibirischen Steppe verhungert", sagt Potapova.

Das Bison vom Chukchalakh See ist längst kein Einzelfall: Der Klimawandel lässt den Permafrost tauen und fördert immer öfter Relikte zu Tage. Bereits 1997 entdeckte z. B. ein Rentier-Hirte in der Tundra ein Mammut, das dann aus dem Eis geschnitten und unter Mediengetöse mit dem Hubschrauber abtransportiert wurde. "Entlang von Flussufern liegen die besten Fundstellen, das weiß man in Russland", erzählt Ursula Göhlich. Die Paläontologin vom Naturhistorischen Museum Wien (NHM) ist Kuratorin der Ausstellung "Mammuts. Eismumien aus Sibirien", die kommende Woche startet.

Oft seien es Goldgräber, die zufällig über Mammuts stolpern, erzählt sie. Damit die Funde auch gemeldet werden, wurde mittlerweile ein hoher Finderlohn ausgesetzt. Mit Erfolg. Und so hat man in Sibirien begonnen, unterirdische Hallen in den Permafrost zu schlagen, um die Eis-Relikte fachgerecht lagern zu können. "Das ist bei riesigen Mammuts oder Wollhaar-Nashörnern ein Problem", sagt Göhlich."

Die Lagerung war auch die Herausforderungen für die Eismumien-Schau im NHM. Khroma, das Baby-Mammut, eine Leihgabe aus St. Petersburg, reiste dieser Tage tiefgefroren an und bekommt seine eigene Tiefkühltruhe mit Guckloch. "Khroma wurde 2008 entdeckt und ist mit 45.000 Jahren einer der ältesten Funde." Bis das Mammut-Kalb geborgen werden konnte, waren freiliegende Körperteile bereits von Aasfressern angenagt worden. Trotzdem ist Khroma eine Fundgrube für Forscher. Im CT zeigte sich nicht nur das Geschlecht des Tiers, sondern auch die Todesursache. Göhlich: "In Nase, Luftröhre und Lunge fand man Schlamm und so wusste man, das Khroma wohl in einem Schlammloch versunken und erstickt ist." Sie wurde nur zwei Monate alt. Das weibliche Baby-Mammut wurde noch nie ausgestellt und wird jetzt erstmals im NHM gezeigt.

Was neue Untersuchungsmethoden können, wird auch an einem anderen Baby-Mammut sichtbar: Als man Lyuba – sie wird derzeit in Chicago gezeigt – in den CT steckte, fand man in ihrem Magen Muttermilch. Sie wurde also noch gesäugt.

INFO: "Mammuts. Eismumien aus Sibirien", ab 18. 11. 2014 im NHM

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