Leben 11.06.2018

Dysmorphophobie: "Meine Freundin kann nicht nackt vor mir sein"

Bei Dysmorphophobie handelt es sich um eine Störung der Wahrnehmung des eigenen Leibes. © Bild: Getty Images/iStockphoto/KatarzynaBialasiewicz/iStockphoto

Im Interview mit der BBC berichtet ein junger Mann, wie sich die Körperstörung seiner Partnerin auf ihre Beziehung auswirkt.

"Ich liebe meine Freundin Liana wirklich. Ich wünschte nur, dass sie dasselbe auch für sich selbst empfinden würde": Mitch Witham beginnt seine Erzählungen über seine Freundin mit einer Liebeserklärung – an ihren Charakter und ihr Aussehen. Letzteres ist für Liana problembehaftet, denn sie leidet an Dysmorphophobie, eine Störung der Wahrnehmung des eigenen Körpers. Damit gehen Selbsthass und Ekel vor sich selbst einher, beschreibt Witham im Gespräch mit der BBC, die kürzlich auch eine Dokumentation ("Ugly Me: My Life with Body Dysmorphia") über Lianes Geschichte sendete.

Als sich das Paar vor drei Jahren auf Tinder kennenlernte, verliebte sich der junge Mann sofort in die selbstbewusste Frau. Erst später fand er heraus, dass sich Liane auf Tinder deshalb so wohl fühlte, weil sie genau kontrollieren konnte, wie sie sich dort zeigt.

Etwa sechs Monate nach dem Kennenlernen bemerkte Witham, dass seine Freundin nicht an herkömmlichen Selbstzweifeln, sondern an einer gestörten Selbstwahrnehmung litt. "Einmal machten wir uns gerade fertig, um gemeinsam auszugehen, als sie bemerkte, dass sie keinen Haarspray mehr hatte. Ich merkte, dass es sie belastet, also besorgte ich im Geschäft neuen Spray. Dieser war aber nicht der, den sie üblicherweise verwendet. Sie wurde unglaublich wütend deswegen und fing sogar an, Dinge umzuwerfen. Alles endete in einem riesigen Streit."

Diagnose Dysmorphophobie

Witham, der selbst an einer Zwangsstörung leidet, bemerkte Züge seiner eigenen psychischen Erkrankung an seiner Partnerin und riet ihr, einen Experten aufzusuchen. Liana folgte seiner Empfehlung – und fand heraus, dass sie an Dysmorphophobie leidet. Laut der britischen BDD Foundation (BDD ist eine Abkürzung für Body dysmorphic disorder, Anm. d. Redaktion) sind Schätzungen zufolge rund zwei Prozent der Bevölkerung von dieser psychischen Störung betroffen und nehmen ihren Körper oder einzelne Körperteile als hässlich oder entstellt wahr. Am häufigsten werden das Gesicht und der Kopf so wahrgenommen, z. B. infolge von Akne, Narben, einer als zu groß empfundenen Nase oder Ohren oder asymmetrischen Gesichtszügen.

"Meine Freundin kann nicht nackt vor mir sein"

Nachdem die Diagnose bei Liana kürzlich gestellt wurde, begab sie sich in Therapie. Eine Herausforderung ist Lianes Erkrankung nicht nur im alltäglichen Umgang miteinander. Auch für das Sexualleben des Paares ist ihr Selbsthass problematisch. "Es ist zu schwierig für Liana, nackt vor mir zu sein. (…) Sex ist natürlich nicht das Wichtigste in einer Beziehung, aber dennoch ein großer Teil."

Obwohl sich die 29-Jährige ihren Problemen stellt und diese zusammen mit einem Therapeuten bearbeitet, geht das Paar immer wieder durch Krisen. Bisher hätten sie diese gut gemeistert, erzählt der 29-Jährige – "ich habe totales Vertrauen in die Liebe, die Liane und ich für einander empfinden." Er nehme jeden Tag, wie er kommt und feiere "die guten Zeiten, die wir miteinander haben".

( kurier.at , pama ) Erstellt am 11.06.2018