Der Spagat zwischen Familie und Beruf betrifft vor allem Mütter.

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Leben
05/13/2019

Doppelbelastung: "Frauen, gebt Verantwortung ab"

Mütter sollen sich nicht für alles zuständig fühlen und auch mal die Männer machen lassen, sagt die Hamburger Journalistin und Jobberaterin Katrin Wilkens.

von Elisabeth Mittendorfer

Kind oder Karriere ist für viele Frauen noch immer eine Frage des Entweder-Oders. Mit ihrer Agentur „i.do“ hilft die Hamburger Journalistin Katrin Wilkens Müttern dabei, nach der Babypause den passenden Job zu finden. In ihrem Buch „Mutter schafft“ zieht sie nach 1.000 Beratungen Bilanz.

KURIER: Wie werden Mütter heute gesellschaftlich gesehen?

Katrin Wilkens: Es ist ein bisschen biedermeierlicher als zur Zeit meiner Mutter. Ich glaube, in den 60er und 70er Jahren waren Frauen in großen Teilen emanzipierter, als sie es heute sind. Es gibt eine Cocooning-Tendenz. Zwar wollen die Frauen nicht mehr zurück an den Herd, sie spüren aber deutlich, dass die große Belastung, der sie durch Arbeit, Kind, Familie und Partnerschaft ausgesetzt sind, nicht zu bewältigen ist. Darum ziehen sie sich zurück.

Seit 2011 beraten Sie Mütter beim Wiedereinstieg. Wie läuft das ab?

Die Idee, die wir mit den Frauen erarbeiten, muss drei Kriterien standhalten. Sie muss konkret, transparent und vor allem muss sie machbar sein. Der letzte Punkt bezieht sich zum Beispiel auf das Zeit- oder das Geldbudget, vielleicht aber auch auf den Terminkalender des Mannes oder die besonderen Schwierigkeiten bei der Erziehung der Kinder.

Gibt es Knackpunkte, die immer wieder auftauchen?

Der Job wird heute wahnsinnig vergottet. Er soll Sinn geben, Spaß machen, das Team soll fast so nett sein wie der eigene Freundeskreis und man soll viel Geld verdienen können. So viele Bälle kann man oft nicht in der Luft halten, ohne dass nicht einer runterfällt.

Sie schreiben: ‚Frauen sind emanzipiert, wir Mütter sind es leider nicht immer.‘ Was bedeutet das?

Der Feminismus – Stichwort #MeToo – ist im Moment sehr aktiv am Arbeiten, aber nicht für die Belange der Mütter, sondern für jene der Frauen. In Deutschland gibt es derzeit eine Petition, die Steuer auf Damenhygieneartikel zu senken und diese nicht länger als Luxuskonsumgüter zu handeln. Das ist legitim – ob es da um die Bedürfnisse von Frauen geht, die später in Altersarmut leben, weiß ich nicht.

Die Debatte geht an der Lebensrealität vieler Frauen vorbei?

Ich finde die #MeToo-Kampagne nicht falsch, aber sie greift mir nicht weit genug. Wenn man durchrechnet, dass eine durchschnittlich verdienende Frau in Teilzeit mit zwei Kindern innerhalb ihres Lebens ungefähr auf 700.000 Gehalt verzichten muss, kann es nicht nur darum gehen, ob es rassistische oder diskriminierende Bewertungen gibt.

Wo soll man ansetzen?

Es wäre viel geholfen, wenn man im Privaten anfängt, über diese Art der finanziellen Ungleichheit zu reden. Auch politisch müsste viel passieren. Etwa, dass Frauen die Erziehungszeit für die Pension angerechnet wird oder Kinderbetreuungseinrichtungen länger offen haben.

Finden frauenpolitische Anliegen genug Gehör?

Nein, ganz bestimmt nicht. Es gibt ein paar Vorzeigemütter, auch in der Politik, die werden gerne als Feigenblatt ausgestellt. Ich glaube, das Anliegen der Mutter wird nicht ernst genommen. Und noch schlimmer: Wir Mütter nehmen dieses Anliegen oft nicht ernst. Und tun so, als wäre es ein individuelles Problem und dass wir uns nur mehr anstrengen müssten, damit es klappt.

Warum ist der gesellschaftliche Aufschrei nicht größer?

Wahrscheinlich, weil diejenigen, die aufschreien müssen, gerade mit Buntwäsche, Seepferdchenabzeichen erringen und Kindergeburtstagsgeschenk-Einkauf beschäftigt sind. In Island sind vor ein paar Jahrzehnten alle Mütter auf die Straße gegangen und haben für ihre Rechte gekämpft. Ich glaube, dass auch heute viele Mütter so etwas machen würden, dann aber all ihre Kinder mitnehmen würden – jemand muss sich ja um sie kümmern.

Warum fühlen sich Männer nicht stärker von der Frage nach der Vereinbarkeit betroffen?

Das würde ich auch gerne wissen. Männer lassen den Ball, den man ihnen hinwirft, einfach fallen. Fairerweise muss man sagen, dass sich ein bisschen etwas verändert. Väter sind immer häufiger auf Spielplätzen zu sehen und immer mehr von ihnen beantragen Elternzeit. Die ganz große Frage, wie man Familie, Beruf und Kindererziehung vereinbart, müssen sich Frauen alleine beantworten.

Was muss passieren, damit ein Umdenken stattfindet?

Ich finde, man kann den Männern nicht den schwarzen Peter zuschieben. Die Frauen müssen anfangen, sich zu verändern. Dahingehend, dass sie sich nicht für alles verantwortlich fühlen und einfach mal den Männern die Erziehung zuschieben und auch zutrauen. Das Kind ist dann vielleicht ein bisschen anders angezogen als sonst, aber es wird den Tag auch in dieser Kleidung irgendwie überleben.

Katrin Wilkens: "Mutter schafft! – Es ist nicht das Kind, das nervt, es ist der Job, der fehlt" Westend Verlag. 240 Seiten. 18,00 Euro