Maria Mayrhofer ist geschäftsführende Gründerin der NGO #aufstehn.

© #aufstehn/Andreas Edler)/#aufstehn/Andreas Edler)

Leben
05/26/2019

Diese jungen Menschen bewegen Österreich

Mit ihrem Einsatz wollen sie unterschiedliche Art und Weise die Welt zu einem besseren Ort machen.

von Elisabeth Mittendorfer

Vom Netz in die Welt

Maria Mayrhofer unterstützt die Zivilgesellschaft.

Als im Sommer 2015 viele Flüchtlinge nach Österreich kamen, packte die Zivilgesellschaft kräftig mit an. „Die Menschen wollten helfen, waren  aber frustriert, weil sie nicht wussten,  wie sie die Politiker zum Handeln bewegen können“, erinnert sich die Wienerin Maria Mayrhofer

Dieser Moment ist eng mit der Geburtsstunde von #aufstehn verbunden, eine NGO, die Menschen aus der Zivilgesellschaft eine Möglichkeit zur Mitgestaltung bieten will – zum Beispiel in Form von Onlinepetitionen. Bei der ersten Aktion wurden sie dazu ermutigt, ihrem Bürgermeister über ein Onlinetool der Plattform ein Mail zu schreiben, Geflüchtete in ihrem Ort aufzunehmen. Bislang am häufigsten unterzeichnet wurde eine Petition für den Migrationspakt. „Über 180.000 Menschen haben symbolisch ihre Unterschrift abgegeben, weil die Bundesregierung das nicht getan hat“, sagt Mayrhofer, die sich im Alter von 26 Jahren dazu entschied, #aufstehn als geschäftsführende Gründerin zu realisieren. 

Der Erfolg einer Aktion lässt sich nicht nur an Zahlen messen, sagt die heute 31-Jährige. „Ein schneller Klick bewirkt nichts, wenn er nicht zu weiteren Aktionen führt.“ Als Beispiel nennt sie eine Initiative zur Bundespräsidentenwahl, bei der Menschen ihren Nachbarn Türanhänger mit einer persönlichen Aufforderung hinterlassen haben, wählen zu gehen. Sich als junge Frau zu behaupten und wahrgenommen zu werden, kostet laut Mayrhofer Herausforderung und Geduld. Ein Einsatz, der sich lohnt – im Jahr 2016 wurde sie für ihr Engagement gegen Hass im Netz mit dem „Wiener Frauenpreis“ ausgezeichnet.

Der „Politiker“ der Klasse: „Flo, was geht ab?“

Der Schüler Florian Boschek engagiert sich seit seinem 16. Lebensjahr politisch, derzeit für den Klimaschutz. Er findet, die Politik muss mehr Verantwortung übernehmen.

Statt den Unterricht zu besuchen, setzte sich die Schülerin Greta Thunberg im vergangenen Sommer jeden Freitag vor das schwedische Parlament, um für Klimaschutz zu streiken. Binnen kürzester Zeit fand die 16-Jährige weltweit Nachahmer, die sich unter dem Namen „Fridays For Future“ zu einer Bewegung formierten – darunter auch österreichische Jugendliche. Einer von ihnen ist Florian Boschek. Der 19-Jährige, der in Niederösterreich aufgewachsen ist und seit zwei Jahren in Wien lebt, befindet sich derzeit in den Vorbereitungen für die mündliche Matura an der HTL Donaustadt mit Schwerpunkt Informatik. Die intensive Lernphase ist für ihn kein Grund, sein gesellschaftspolitisches Engagement zurückzuschrauben.

Richtig aufmerksam auf „Fridays For Future“ wurde Boschek rund drei Wochen vor dem internationalen Klimastreik am 15. März 2019, bei dem in 120 Ländern in über 2.000 Städten protestiert wurde. „Es war ein urcooles Gefühl, dass so viele junge Leute auf der Straße waren. Sogar Kindergartenkinder waren dabei und die Plakate der Schüler waren großartig“, erzählt der Schüler. Den Tenor mancher Politiker, junge Menschen sollten nicht die Schule schwänzen, sondern lieber ihr eigenes Konsumverhalten überdenken, weniger Flugreisen machen und Fast Fashion kaufen, hält er für den falschen Ansatz. „Ich sehe die Verantwortung klar bei der Politik, die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten 1,5 °C Klimaerwärmung einzuhalten.“

Auch abseits von Klimabelangen ist Boschek das Gegenbeispiel für die Vorurteile, Jugendliche seien politisch desinteressiert und würden ständig nur am Smartphone hängen. Wenn seine Mitschüler Fragen zur aktuellen politischen Lage haben, heißt es: „Flo, was geht ab?“ Von einem seiner Professoren wird er neckisch „der Politiker“ genannt. Generell stünde das Lehrpersonal an seiner Schule seinem Aktivismus offen gegenüber, erzählt der junge Mann.

Sein Interesse für Politik wurde vor rund drei Jahren von seiner Deutschprofessorin geweckt. Anlässlich der Bundespräsidentenwahl bekam er damals Irmgard Griss als Thema zugeteilt. Nach Besuch eines Wahlkampf-Stammtischs ergab sich für Boschek die Möglichkeit, bei Griss und später auch bei den NEOS mitzuarbeiten. Mittlerweile ist er dort nicht mehr tätig, ab Frühjahr 2018 war er in das Frauenvolksbegehren involviert; kürzlich half er bei der Organisation des Pornfilmfestivals in Wien. „Ich arbeite unglaublich gerne mit Menschen zusammen und liebe den Spirit, wenn etwas aus dem Nichts entsteht“, sagt Boschek. Den Hauptfokus seiner ehrenamtlichen Tätigkeiten sieht er in den Bereichen Gleichberechtigung und Minderheiten.

Welchen beruflichen Weg er einschlagen will, weiß er noch nicht. „Wie viele andere meiner Generation bin ich derzeit von den vielen Möglichkeiten überfordert.“ Klar für ihn ist, dass er politisch bleiben wird, „einen Posten in der Parteipolitik strebe ich aber eher nicht an“.

Zwischen Tradition und Moderne

Kerstin Lechner setzt sich für ein attraktives Leben am Land ein.

Die Frage, ob sie ihre Heimat verlassen soll, hat sich Kerstin Lechner nie gestellt. Die 22-Jährige lebt in Furth an der Triesting, eine Gemeinde mit rund 800 Einwohnern in Niederösterreich im Bezirk Baden. Ob junge Menschen abwandern, hängt laut Lechner auch davon ab, wie attraktiv die Gemeinde das Leben für sie dort gestaltet. „Wenn man sich zugehörig fühlt und einen festen Freundeskreis hat, will man nicht so schnell wegziehen“, sagt Lechner. Sie ist überzeugt, dass das Land ebenso viele attraktive Angebote für junge Menschen bereithält wie die Stadt. Einen Beitrag dazu leistet die ortsansässige Landjugend. In Furth an der Triesting zählt diese rund 50 Mitglieder, erzählt Lechner nicht ohne Stolz. Seit  Frühjahr ist sie Landesleiterin der niederösterreichischen Landjugend. Mit 20.000 Mitgliedern im Alter von 14 bis 35 Jahren ist das die größte niederösterreichische Jugendorganisation – bundesweit gibt es an die 90.000 Mitglieder.

Ihre Aktivitäten reichen vom Maibaum aufstellen oder einem Erntedankfest bis hin zu Rhetorik-Kursen oder anderen Weiterbildungsmöglichkeiten. „Wir erreichen damit eine große Zielgruppe“, sagt die junge Frau. Einen landwirtschaftlichen Hintergrund würden heute weniger als 50 Prozent der Mitglieder haben. Sie selbst kommt ebenfalls nicht von einem Bauernhof und arbeitet im Brotberuf seit eineinhalb Jahren als Polizistin. In ihrer Funktion als Landesleiterin ist sie so gut wie jedes Wochenende unterwegs. Wie viel Zeit ihr Engagement in Anspruch nimmt, „darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich habe so viele Leute in den vergangenen Jahren kennengelernt und bin darüber total glücklich.“ Bräuche und Traditionen werden in der Landjugend mit Überzeugung weitergetragen. „Ich glaube, dass das erdet und man dadurch ein Bewusstsein für die eigene Heimat entwickelt. Wichtig ist aber auch, nicht in alten Sachen festzustecken und sich auf Neues einzulassen“, sagt Lechner.

 

Unterwegs am internationalen Parkett

Natalie Haas war vergangenes Jahr UN-Jugenddelegierte.

Es war ein aufregendes Jahr für Natalie Haas: Die Salzburgerin  war als UN-Jugenddelegierte  im Einsatz. Als solche war es ihre Aufgabe, sich national und international für die Rechte und Teilhabe von Österreichs Kindern und Jugendlichen einzusetzen. Ausgeschrieben wird das Programm jährlich von der Bundesjugendvertretung.
Highlight für die 23-Jährige war die Teilnahme an der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York, bei der sie Teil der österreichischen Delegation war. Haas hielt die österreichische Eröffnungsrede vor dem Ausschuss für soziale, humanitäre und kulturelle Fragen. Außerdem briefte sie die anderen Mitglieder der österreichischen Delegation für die Verhandlungen zu Jugendthemen. Zur Vorbereitung war Haas zuvor vier Wochen  durchs Land gereist, um von jungen Menschen zu erfahren, was ihnen wichtig ist. Sehr präsente Themen waren Nachhaltigkeit und Klimawandel, erzählt Haas. „Das Vorurteil, dass junge Menschen politikverdrossen sind, kann ich überhaupt nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil: Ich habe ein enormes Engagement und Interesse erlebt.“ 

Derzeit ist Haas mit der Übergabe ihres Amtes an ihren Nachfolger beschäftigt, danach absolviert sie drei Monate ein Traineeship bei der österreichischen Landesvertretung in Genf. In ihrer weiteren beruflichen Zukunft möchte  sich die ausgebildete Kindergartenpädagogin, die einen Bachelor in Politikwissenschaften und einen Master in „Conflict Resolution“ gemacht hat, weiterhin auf internationaler Ebene für Kinderrechte einsetzen.

Normalität der Verschiedenheit

Greta Scheichenost setzt sich für Inklusion in sozialen Medien ein.

Instagram ist voll von  Bildern, die ein perfekt inszeniertes Leben zeigen. Der Wienerin Greta Scheichenost war das irgendwann zu oberflächlich. „Ich hatte schon länger einen Instagram-Account  und wollte ihn sinnvoller nutzen“, erzählt die 29-Jährige. Seit vergangenem Sommer teilt sie in sozialen Medien als @gretaspatz unter dem Hashtag #undduso analog aufgenommene Fotos und lässt verschiedenste Menschen mit Behinderung ihre Geschichten erzählen. Diese sollen zeigen, wie normal es ist, verschieden zu sein und die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen in den sozialen Medien erhöhen. Da ist zum Beispiel das Mädchen Sarah, das Scheichenost erzählt, später ihren Freund heiraten zu wollen. Mit einem Glitzern in den Augen beschrieb sie das weiße Kleid, das sie bei ihrer Hochzeit tragen möchte, und den bunten Brautstrauß.

Als ausgebildete Sonder- und Heilpädagogin liegt Scheichenost Inklusion, also die  gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung, besonders am Herzen. Es gebe in Bezug auf Behinderungen Unsicherheiten bei Menschen, weil es zu wenige Begegnungspunkte von Menschen mit und ohne Behinderung gibt, so die junge Frau. Der Name #undduso transportiert für sie Normalität und Lockerheit. 

Für das Projekt bekommt Scheichenost viele positive Rückmeldungen; sei es von Menschen mit Behinderung und deren Umfeld oder von Leuten, bei denen es dazu geführt hat, darüber nachzudenken, „dass es nicht okay ist, das Wort Behinderung als Schimpfwort zu verwenden“. Derzeit ist Scheichenost in Bildungskarenz, die sie unter anderem dafür nutzt, an #undduso weiterzuarbeiten und neue Ideen zu spinnen – „solange, bis wir alle unsere Verschiedenheit feiern und sie als Chance begreifen“.

„Werde kein Berufspolitiker“

Derai Al Nuaimi zeigt, wie man viele Interessen unter einen Hut bringt.

Derai Al Nuaimi ist ein vielbeschäftigter junger Mann: Seit 2016 ist der 26-Jährige Landesvorsitzender der Muslimischen Jugend Österreich, seit 2017 außerdem im Vorsitz der Bundesjugendvertretung. Diese vertritt alle Kinder und Jugendlichen bis 30 Jahre in Österreich, das sind rund drei Millionen junge Menschen. Sie ist gesetzlich verankert und hat 54 Mitgliedsorganisationen.

Weil Al Nuaimi die Arbeit dort so viel Spaß macht, ließ er sich nach der zweijährigen Funktionsperiode noch einmal aufstellen und wurde wieder gewählt. Aufgabe des Vorsitz-Teams ist es, die Bundesjugendvertretung nach außen zu repräsentieren. 

„Ich sehe in der Bundesjugendvertretung ein riesiges Potenzial. Es ist eine sehr diverse Gruppe, die  jedoch ein gemeinsames Ziel verfolgt: Die Interessen von Kindern und Jugendlichen zu vertreten“, sagt Al Nuaimi. Er ist unter anderem auf die Bereiche Vielfalt, Solidarität, europäische Agenden, Partizipation und politische Bildung spezialisiert. 
Eine Karriere als Berufspolitiker strebt er nicht an. „Ich bin für unterschiedliche Richtungen offen, was mich auf jeden Fall sehr interessiert, ist das Gebiet Entrepreneurship“, sagt Al Nuaimi, der  Wirtschaft studiert. Er hofft, irgendwann auch selbst ein Arbeitgeber zu sein. „Sollte ich in die Politik gehen, muss das nicht bedeuten, dass ich die Wirtschaft komplett außer Acht lassen werde.“ 

Wer zum KURIER #speakout Festival kommt

Was heißt es, heute jung zu sein? Diese und viele andere Fragen, die sich in der Welt 2019 stellen, wird das KURIER #speakout Festival aufgreifen. Dieses findet bei freiem Eintritt am Mittwoch, den 29. Mai von 13.00 bis 21.00 Uhr im MuseumsQuartier Wien in der Ovalhalle statt. Eröffnet wird dieses vom 24-jährigen Kabarettisten Christoph Fritz. Danach wird unter dem Motto „Junge Stimmen zu großen Fragen“ von Lifestyle bis Politik in mehreren Runden  und unter Einbeziehung des Publikums diskutiert. Natalie Haas, Kerstin Lechner, Maria Mayrhofer und andere sprechen darüber, wie sich junge Menschen heute engagieren können. Bei einem eigenen Panel  – unter anderem mit Florian Boschek – wird debattiert, wie Lifestyle und verantwortungsvoller Umgang mit natürlichen Ressourcen zusammengehen. Zur Frage, wie digitale Medien und Popkultur beeinflussen, wie Menschen miteinander umgehen, ist  Derai Al Nuaimi als Gast geladen. 

Mehr Infos und Anmeldung unter kurier.at/speakout