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Leben
09/11/2019

Diese 10 Serien machen uns zu besseren Eltern

Sogar die Psychologin bestätigt, dass Filme uns einen Spiegel vorhalten, der uns zum Nachdenken bringt.

von Daniela Davidovits

Die Szene aus der Serie „Modern Family“ geht allen Eltern nahe: Mama und Papa bringen ihre Tochter zur Uni, begleiten sie ins Studentenheim, wollen sich gar nicht verabschieden – bis die Tochter sie einfach hinausbefördert. Der Moment mag komisch sein, aber die Situation ist ernst. Viele Serien zeigen Eltern an diesem Punkt, wo sie loslassen müssen. Ein zentrales Thema für Familien.Buchautor Jochen Till sieht in den Serien eine Vorbereitung auf das Leben: In „Warum Seriengucken uns zu besseren Eltern  macht“ (Trias Verlag, 15,59 €) bringt er Beispiele, wie Eltern so den Umgang mit ihren Kindern lernen können. Für Psychologin Martina Bienenstein können die oft überspitzten Szenen in den witzigen Unterhaltungsserien eine gute Gelegenheit sein, das eigene Elternverhalten zu reflektieren (siehe Interview unten).

Der KURIER hat 10 Serien angeschaut, die Eltern inspirieren können. Sie laufen im TV oder bei Streaming-Diensten, bei einigen kommen demnächst neue Folgen heraus.

Modern Family

Mit dieser Serie alleine könnte man ein Ratgeber-Buch schreiben. Die Mutter mit Kontroll-Wahn. Mama geht wieder arbeiten. Wer hat zu Hause die Hosen an? Wie geht man um mit dem superschlauen und dem ziemlich dummen Kind? Wie viel Freiheit muss man einem Teenager bei seinen Entscheidungen lassen?  Wie bespreche ich ein heikles Thema mit meinem kleinen, mittleren oder großen Kind? Wie sind die Beziehungen zu den Großeltern? Hier werden alle wichtigen Themen abgehandelt. Wichtige Szenen werden von den Schauspielern in ihrer Rolle in Richtung Kamera kommentiert wie bei einem Interview, daher kommt die Genre-Bezeichnung „mockumentary“ (von „mock“ – Parodie – und Dokumentarfilm).

In seinem Kapitel über das Essen nennt Jochen Till daher ein Beispiel aus dem Hause Pritchett: Familien-Patriarch Jay will seinem Ziehsohn Manny eine Lektion erteilen und ihn zwingen, beim Essen auch eine saure Gurke zu kosten. Bis dahin muss er sitzenbleiben. Doch seine temperamentvolle und sehr intuitive Frau Gloria hält nichts von dieser Methode. Und ohne in eine Grundsatzdebatte einzusteigen, gibt sie ihrem Mann auch eine Herausforderung: Er bleibt solange sitzen, bis er von der kolumbianischen Blutwurst ihrer Mutter gekostet hat. So schnell erkennt man die Grenzen der eigenen Erziehung. Die Schlusspointe kommt im wahren Leben vermutlich nicht vor. Manny isst in einem unbeobachteten Moment die saure Gurke. Und den Machtkampf hat er auch gewonnen.

Besonders hilfreich ist das Format der Serie: Manche Situationen werden mit dem Zuschauer quasi auf der „Metaebene“ nachbesprochen. Da reflektieren die Eltern ihre Kommunikationsmuster oder ihre typischen Familien-Konstellationen. Manchmal wünscht man sich beim Zuschauen auch so eine Kamera-Einstellung für zu Hause, in der man Erlebnisse analysiert. Das würde vielen Eltern guttun, vor allem, wenn sie so ihre unterschiedlichen Zugänge besser aufeinander abstimmen können.

Weil alles gesagt ist, wird derzeit die finale, elfte Staffel gedreht. Beim Start schrieb die New York Times: „Das ist die erste Familienserie, die sich vor allem damit beschäftigt, was sich innerhalb der Familie abspielt.“

Malcolm mittendrin

Die durchgeknallte Mutter aus „Malcom mittendrin“ ist vermutlich das abschreckendste Beispiel einer Mutter, das man sich vorstellen kann. Man findet ihre Erziehungsmethoden schrecklich bis zur Schmerzgrenze (ihre Söhne übrigens auch). Erpressung, Hausarrest, Szenen mit den Lehrern, Schwererziehbaren-Schule, Chaos, ungesundes Essen – dieses Haus ist ein Albtraum. Es war trotzdem spannend zuzusehen. Und wenn man sich selbst dabei ertappt, einen ähnlichen Schrei loszulassen, wenn im Badezimmer eine Überschwemmung herrscht, dann denkt man an Lois und beruhigt sich wieder. Die schönsten Momente mit Malcolms Familie sind die Sekunden, in denen die Liebe durchscheint: Da ist eine Familie, die letztlich doch zusammenhält, und ein Ehepaar, das in all seinem Chaos die Momente der Zweisamkeit genießt, als wären die beiden noch Teenager.

This is us - Das ist Leben

Es dauert bis zur Seite 84, bis Autor Till zu der „großartigsten aktuellen Familienserie überhaupt“ kommt: „This is us - Das ist Leben“. Es geht um drei erwachsene Geschwister. In Rückblicken auf deren Kindheit erkennen die Zuschauer, wie sie sich zu den Menschen entwickelt haben, die sie heute sind. Das Format kommt Eltern besonders entgegen, schließlich ist die wichtigste Frage in der Erziehung: Wie wirkt sich mein Verhalten als Eltern auf die Entwicklung meines Kindes aus? Wie wird mein Kind später werden? Man muss sich anstrengen, sagt Film-Mama Rebecca ihrem Mann Jack: „Ich bemühe mich, eine gute Mutter zu sein. Auf der Skala bis 10 bin ich vielleicht eine sieben. Du bist eine 10, aber du bist so oft nicht da.“ Anders als die meisten Serien ist sie nicht (nur) lustig, wer nahe am Wasser gebaut ist, wird weinen, etwa wenn einer sagt: „Ich war dir kein guter Bruder, stimmt's?“

Full(er) House

Lange vor Instagram und den sozialen Medien zeigte das Beispiel der jungen D.J. Tanner, wie verletzlich junge Mädchen sind. Ihr Freund macht mitten in der Küche mit ihr Schluss und liefert die miesestmögliche Begründung dafür: Sie sei nicht hübsch genug. Da helfen Papa und Onkels auch nicht, die Schwester nervt. Erst Tante Becky weiß, wie man darauf reagiert. Ob man das im wirklichen Leben nachmachen kann? Hoffentlich kommen wir - und unsere Töchter - nie in diese Situation. Im Herbst kommt die neue Staffel.

Hör mal, wer da hämmert

Wie in vielen Serien geht es auch hier viel um Geschwister und die Eifersucht zwischen ihnen. Den ständigen Konflikt mit Worten und auch mit Fäusten kann der Vater besser aushalten, Mutter Jill geht das oft nahe. Wenn ein Elternteil nicht mehr weiterweiß, macht es das, was alle manchmal brauchen würden: Mit Nachbar Wilson reden. Wenn man dem alten Herren die Lage beschreibt, liefert er meist einen Hinweis auf eine Lösung. Manchmal reicht es auch, an die frische Luft zu gehen und beim Gartenzaun durchzuatmen. Diese Variante nutzen sogar manchmal die pubertierende Kinder – und dann kommen sie wieder zur Vernunft. Die Serie scheute sich nicht vor heiklen Themen, etwa als die Eltern ein Säckchen Marihuana finden. Welchem der Kinder gehört es wohl?

Simpsons

Die Zeichentrick-Serie greift neben vielen anderen Themen auch den Leistungsdruck in der Schule auf. Mama Marge findet, ihr Sohn Bart sei dort völlig überfordert und sollte weniger machen. Papa Homer meint, er müsse mehr tun. Doch Bart ist schlau: Weil seine Eltern sich nicht einig sind, spielt er sie gegeneinander aus. Und die fangen prompt an, miteinander zu streiten.

Lipstick Jungle

Als die Autorin von „Sex and the City“, Candace Bushnell, älter wurde, erfand sie „Lipstick Jungle“. Die Frauen hier sind noch immer chic und cool und erfolgreich, aber jetzt haben sie Kinder und plötzlich ganz andere Probleme als früher. Streit über Erziehungsfragen, die Erschöpfung der Doppelbelastung und die Frage, wie viel man für den Job zu opfern bereit ist.

Gilmore Girls

Während oben der Papa die Hauptrolle spielte, steht hier die Alleinerzieherin Lorelai mit ihrer Tochter Rory im Mittelpunkt. Ausnahmsweise hat hier eine andere Beziehung als die zum Kind eine große Bedeutung: die zur eigenen Mutter. Da durchbricht eine Mama die falschen Muster ihrer Kindheit und schafft eine respektvolle Beziehung und eine Vertrautheit mit dem Kind, die viele sich wünschen würden.

American Housewife

Mutter und Tochter Otto aus „American Housewife“ sind unterschiedlicher Meinung, wie das bei Teenagern nunmal so ist. Mama erklärt, dass Kind sich nicht die Haare ohne Erlaubnis färben darf. Falsch: „Kann ich wohl. Hab ich nämlich gerade gemacht“, sagt die liebe Taylor, weil es ja „ihre Haare“ seien. Also räumt die Mutter das Kinderzimmer, da es ja ihre Sachen sind und da kann sie eben selbst bestimmen. Dieselbe Spirale des Trotzes, die viele Pubertätseltern aus ihrer eigenen Familie kennen. Hier können sie sehen, wie es laufen kann.

Workin' Moms

Am Abend vor dem ersten Arbeitstag in der Karenz werfen viele Mütter ihre Nerven weg und stellen alles in Frage, wofür sie gearbeitet haben. So auch Kate. Mit ihren Freundinnen bespricht sie im Babykurs und außerhalb alle Fragen, die Eltern heute beschäftigen. Die Rolle des modernen Vaters, Sex in der Beziehung, wie man auf sein Kind eingehen soll, fehlende Muttergefühle und stillen, stillen, stillen. Und dann kommt noch das Thema, das viele junge Mütter beschäftigt: Wie viel Platz in meinem Leben gebe ich jetzt meiner Mutter?

Milcheinschuss

Eine ähnliche Zielgruppe hat auch „Milcheinschuss“. Die australische Sitcom zeigt Audrey und ihr zwei Monate altes Baby sowie ihr ganzes verwirrendes Umfeld. Das kann einen leicht überfordern. Anders als die „Workin‘ Moms“ geht Audreys Mann erstmal arbeiten und sie bleibt beim Baby.

In dieser Situation fällt vielen Müttern die Decke auf den Kopf: Überfordert mit der neuen Situation, viel alleine, Schlafentzug und mit dem Gefühl, dass die anderen alles besser machen. Da kann eine Serie die Rettung sein: Mit dem Baby im Arm beobachten sie, wie überfordert die anderen Mütter sind. Anders als auf Instagram ungeschminkt und ohne Filter.