Leben
24.12.2017

Die Kraft des Gebets: Dialoge im Herzen

Essay. Gebete geben sehr vielen Menschen Kraft, Orientierung und Halt. Aber es gibt viele Möglichkeiten, zu beten.

Das Foto ist schon ein wenig blass, aber es ist darauf immer noch gut erkennbar, wie rot meine Wangen waren und wie groß mein Respekt gewesen sein muss. Ich war zirka fünf, das Bild zeigt mich in ehrfürchtiger und recht strammer Haltung vor dem Nikolo. Noch heute kann ich mich an die Benimm-Formeln dieser Zeit erinnern: Sei brav. Grüß schön. Nicht weinen! Sei brav. Wehe, du weinst.

Meine Eltern waren nicht gläubig, aber auch so begreift ein Kind intuitiv, was es braucht, um in die Kulisse zu passen. Man lernt schnell. Ein bisschen Frömmigkeit gehörte dazu. Also auch das kleine Gebet vor dem großen Nikolaus, an dessen Seite es damals den furchterregenden Krampus gab. Himmel und Hölle. Ich habe damals um mein Leben gebetet. Sprich deutlich! Sag’s lauter! Nuschel nicht so! Und um ein Sackerl, mit – so hoffte ich – Schokolade, Äpfel und Nüssen drin (nur keine Kohlen, lieber Gott, bitte keine Kohlen!). Und sieh an: So wie die Angst funktionierte, funktioniert auch das Beten.

Lieber Gott, mach...

Eine Zeit lang war Gott, oder was ich darunter verstand, mein Troubleshooter in komplizierten Zeiten. Ich betete, wenn ich nachts alleine im Bett lag und fürchtete, meine Eltern würden nie mehr wieder nach Hause kommen. Ich betete um einen Vierer auf die Matheschularbeit. Ich betete, dass irgendeine höhere Macht meine Lieblingsjeans wieder zurückbringen würde, die Mama zornig entsorgt hatte. Ich betete, dass ich Bravo-Poster in meinem Zimmer aufhängen durfte. Immer hatten diese Gebete den gleichen Wortlaut: Bitte lieber Gott, mach, dass… Manchmal klappte das mit dem Vierer tatsächlich. Aber die Jeans blieb für immer verschwunden. Mama hatte sie zerschnitten.

Deal mit Gott?

Die Zeit verging, eines Tages offenbarte mir meine Mutter, fünf Jahre nach dem Tod meines Vaters, dass sie an Lungenkrebs erkrankt sei und operiert werden müsse. Ich begann, medizinische Bücher zu verschlingen, wollte Machbarkeit herbeidenken. Bald sprach ich mit den behandelnden Ärzten auf – so bildete ich mir es zumindest ein – "Augenhöhe". Mir schien als würde mein Wissen den Krebs meiner Mutter heilen können. Wissen ist Macht, dachte ich. Auch so ein Mantra. Und trotzdem kam der Tag, an dem man mir sagte: "Leider, junge Frau das wird nichts mehr. Ihre Mutter wird sterben." Da war ich 20 und es war der Moment, an dem ich mich erneut an den erlernten Sicherheiten meiner Kindheit festhielt. Ich fing wieder zu beten an: Bitte, lieber Gott, mach, dass Mama gesund wird. Im Jänner 1981 starb die Mama im Alter von 56. Bei Wolfgang Borchert, dem deutschen Schriftsteller, las ich den Satz: Wann bist du eigentlich lieb, lieber Gott? Ich hörte auf, zu beten.

Das alles ist natürlich ein großes Missverständnis. Welch ein verführerischer, ja, naiver, Gedanke, das Schicksal betend manipulieren zu wollen. Eine Anmaßung. Der Deal mit Gott oder mit einer höheren Macht, wie ich sie mir vorstelle, funktioniert nicht. Beten mag etwas vom magischen Denken unserer Kindheit herbeizaubern, aber es ist kein Geschäft.

Und dennoch ist da was. Menschen beten und es gibt Halt. Studien untermauern das. "Beten kann man immer", schrieb die Sängerin Nina Hagen in einem Essay zum Thema. Sowie: "Beten bedeutet für mich, basisdemokratisch für und mit Gott unterwegs zu sein."

Schöner Gedanke, aber: Ich selbst bete nicht, wie ich es einst gelernt habe. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich dabei vor allem an die fahrig hinuntergemurmelten Vater Unser erinnere, die mir im Rahmen von Schul-Beichtgängen gegen meine "Sünden" (Ich hab die Mama angelogen, ,Ich habe heimlich genascht, Ich war schlimm) verordnet wurden. Beten, so wie damals beim Nikolo – nein.

Bäume, Sterne, Wolken

Und dennoch bete ich. Aber anders. Es ist ein sich Hineindenken in etwas Größeres – meine Form zu meditieren und im Hier und Jetzt zu sein, ohne zu behaupten, ich sei Buddhistin. Es sind Dialoge, die ich gedanklich und im Herzen führe. Mit Menschen, die nicht mehr da sind. Von mir aus – lacht mich doch aus – mit einem Baum, einem Stern, den Wolken oder einfach mit mir selbst und jener Stimme in mir, der ich zutiefst vertraue.

Ich sage Dingen, Gedanken, der Natur, Menschen, Gefühlen danke. Kann demütig sein, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu tun, das mir verordnet wurde oder "weil es sich so gehört". Diese Momente schaffen Raum, mich im Kleinkrieg des Alltags auf etwas Größeres zu beziehen.

Viele sagen Gott dazu, ich nicht. Ich sage lieber Irgendwas ist da, ohne jemandem aufdrängen zu wollen, dass da was ist. Es gilt für mich, nur für mich.

Es gilt, wenn ich in einen Wald gehe, und es dicht zu schneien beginnt. Ich dabei in den Himmel schaue, die Zunge rausstrecke und die Schneeflocken zergehen. Es gilt, wenn die Sonne mir am Strand Bilder malt. Es gilt, wenn ein neuer Mensch gesund geboren wird. Es gilt, wenn ich höre: Ich liebe dich.Weil das alles großartige Momente sind und jeder davon ein klitzekleines Wunder ist. Das zu sehen, darüber nachzudenken und dafür zu danken – ich denke, auch das kann Beten sein.