Noch kommuniziert die Lehrerin mit ihren Schülern vor allem auf Englisch.

© KURIER/Gilbert Novy

Deutschstunde
12/18/2015

Flüchtlinge: Hochmotiviert in ein neues Leben

Das Lernhaus finanziert Kurse für Flüchtlinge, in denen nicht nur die Sprache vermittelt wird.

von Ute Brühl

Die Motivation ist bei allen hoch. "Sie wollen so schnell wie möglich Deutsch lernen und ein Teil der Gesellschaft werden", freut sich Janine Mittelstädt. Sie unterrichtet derzeit in einer Flüchtlingsunterkunft in Wien-Penzing Asylbewerber, die erst seit einigen Wochen im Land sind.

Noch kommuniziert die Lehrerin mit ihren Schülern vor allem auf Englisch. "Das können in dem Kurs alle. Hier sind nämlich nur Studenten oder Akademiker aus verschiedenen Ländern", erzählt Mittelstädt. "Wir haben die Gruppe so zusammengestellt, dass die Flüchtlinge alle auf einem ähnlichen Niveau sind." Die Strategie dahinter: Die Schüler sollen möglichst schnell lernen und ihr Wissen dann an andere weitergeben, damit auch diese schnell fit in Deutsch sind.

Schlangenwörter

Einige der Flüchtlinge beherrschen mehrere Sprachen. So zum Beispiel Hasan, ein 50-jähriger Kurde aus Syrien und von Beruf Mathematiklehrer. "Ich spreche Arabisch, Kurdisch, Englisch, Französisch und Griechisch", sagt er. Jetzt kommt Deutsch dazu, keine einfache Sprache. Nicht nur mit den Umlauten Ü und Ö tun sich die Kursteilnehmer anfangs schwer. Auch dass man im Deutschen viele Wörter zu einem Wort zusammenfassen kann, ist für sie ungewohnt: Heute lernen sie Begriffe wie Gebietskrankenkasse oder Physik- und Chemielehrerin – das ist der Beruf von Hasans Frau Sekina.

Finanziert wird der Deutschkurs vom KURIER-Lernhaus. Zumindest für die nächsten zehn Wochen kann der Unterricht weitergehen. Ziel ist die schnelle Integration. Ihre Flucht ist den Kursteilnehmern noch in eindrücklicher Erinnerung – vor allem die Fahrt übers Meer vergessen sie nicht so schnell.

Die 55-jährige Syrerin Najwa erzählt, wie sie mit Tochter Nura, 27, in einem sechs Meter langen Boot saß, auf dem 37 Personen Platz finden mussten. Doch damit war die Odyssee noch nicht zu Ende. "Wir landeten auf einer griechischen Insel, wo wir von Soldaten festgehalten wurden. Drei Tage bekamen wir nur Wasser, aber nichts zu essen." Bilar, Journalist aus Syrien, hat nur fünf Tage für die Strecke von Damaskus nach Österreich gebraucht: "Ich bin durchgelaufen und habe kaum geschlafen."

Andere, wie Safi und Ali, kamen aus Afghanistan. Mohammed stammt aus dem Irak und Albanus aus Nigeria. "Wir sind froh, hier sein zu dürfen. Hier gibt es keine Bomben, hier leben wir in Freiheit", freut sich Najwa. Alle hoffen, dass sie in Österreich bald arbeiten können. Nisrin, 22, hat in Syrien als Innendesignerin gearbeitet. Das wird sie in Europa wohl auch schnell können. Für andere wird da der Weg steiniger. Wenn sie wollen, dass ihr Studium anerkannt wird, müssen sie noch einmal an die Universität. Der erste Schritt in ihr neues Arbeitsleben ist der Deutschkurs. Ein Jahr geben sie sich Zeit. Dann wollen sie so weit sein, dass sie die Sprache gut genug beherrschen, um an der Uni erfolgreich sein zu können. Auch in die neue Kultur wollen sie eintauchen, gerade jetzt zu Weihnachten. "Alle Bräuche und Traditionen rund ums Fest sind für die Flüchtlinge interessant. Sie wollen Österreich verstehen", erzählt Mittelstädt.

Was ist das Lernhaus?

Das Lernhaus in der Schwendergasse in Wiens 15. Bezirk ist für viele Kinder und Jugendliche ein Fixpunkt in ihrem Leben. Wie wichtig der ist, stellt Leiterin Sabine Kickinger besonders bei denen fest, die gerade in der 1. Klasse Gymnasium oder Neue Mittelschule sind. "Sie sind jetzt nicht mehr in der intimeren Volksschule, wo es nur eine Lehrerin gibt. Sie haben plötzlich viele neue Pädagogen und nicht mehr nur eine Person, die sich um alles kümmert. Da ist es gut, dass wir ihnen einen stabilen Hort bieten können."

Im Lernhaus erhalten die jungen Menschen am Nachmittag Hilfe bei den Hausübungen und beim Lernen auf die nächste Schularbeit. Weil im Sommer viele neue Schüler dazugekommen sind, achteten Kickinger und ihre Kollegen darauf, dass unter ihnen ein Miteinander entsteht: "Sozialkompetenz kann man lernen", sagt Kickinger.

Zum Beispiel in einem Tanzworkshop. Denn beim Tanzen muss man lernen, auf einander Rücksicht zu nehmen und auf den anderen zu achten. Wie gut das allen gelungen ist, haben die Schüler an einem Abend im Lernhaus bewiesen, wo sie eine Aufführung vor ihren Eltern gemacht haben. "Ein schönes Miteinander", erinnert sich Kickinger: "Die Kinder haben gekocht, die Eltern Süßes mitgebracht. Dabei haben wir wunderbare Kontakte geknüpft", freut sich die Pädagogin.

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