Co-Parenting bringt Menschen mit Kinderwunsch zusammen.

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Neues Familienmodell
09/29/2016

Co-Parenting: Kinder kriegen ohne Liebe

Wenn sich zwei Menschen zusammenfinden, die keine Liebesbeziehung, sondern nur der gemeinsame Kinderwunsch verbindet, dann spricht man von Co-Parenting.

von Marlene Patsalidis

Anika* will mit 40 noch einmal Mutter werden. Einen festen Lebenspartner braucht sie dafĂŒr nicht. Die Personalfachkauffrau aus Marburg in Hessen hat bereits einen Sohn im Alter von acht Jahren, die Ehe mit dem Kindsvater ging vor etwas mehr als einem Jahr in die BrĂŒche. Doch Anika wollte immer schon mehr als nur ein leibliches Kind. Durch einen Fernsehbericht stieß sie vor einigen Monate auf das Familienkonzept Co-Parenting. Das im deutschsprachigen Raum relativ unbekannte Familienmodell, das in den 60-er-Jahren erstmals in den USA aufkam, ermöglicht ihr eine neue Form der Familienplanung, ganz nach ihren Vorstellungen.

Beim Co-Parenting finden sich Menschen zusammen, die keine Partnerschaft oder Liebesbeziehung miteinander fĂŒhren und dennoch gemeinsam Eltern werden wollen. Neben alleinstehenden Frauen und MĂ€nnern mit Kinderwunsch ist dieses Modell auch fĂŒr gleichgeschlechtliche Paare, die den leiblichen Vater beziehungsweise die leibliche Mutter bewusst in das Familienmodell miteinbeziehen wollen, attraktiv.

Nachdem sie auf Co-Parenting aufmerksam wurde, begann Anika selbstĂ€ndig zu recherchieren – und stieß auf Familyship, die erste Online-Plattform fĂŒr Co-Parenting im deutschsprachigen Raum. Dort sucht sie nun seit etwa drei Monaten den Mann fĂŒr ihre Familienplanung. "Ich wollte mir nicht krampfhaft einen Partner suchen, nur um ein Kind zu zeugen. Mir ist es aber wichtig, dass er als Vater im Leben des Kindes prĂ€sent ist. Somit ist Co-Parenting eine ansprechende Alternative."

Bisher gestaltet sich die Suche nach dem idealen Kindsvater noch eher schwierig. An den Mann, mit dem Anika ihr zweites Kind zeugen möchte, hat sie nĂ€mlich klarerweise einige AnsprĂŒche. "Er soll sich aktiv um das Kind kĂŒmmern und bemĂŒhen, in jeder Lebensphase. Ich stelle mir das so vor, dass wir uns das Sorgerecht teilen und uns dann gemeinsam kĂŒmmern. Es ist schön, ein Kind zusammen groß zu ziehen. Da kann man sich in Krisenzeiten auch an jemanden wenden." Auch das Alter ist relevant: "Ich will keinen allzu jungen Partner, schließlich soll man ja auch die LebensrealitĂ€t des anderen teilen können." Die sexuelle Orientierung ist fĂŒr die Deutsche hingegen nebensĂ€chlich. "Bei einem heterosexuellen Mann wĂ€re es mir wichtig, dass er nicht in einer Partnerschaft lebt, da ich denke, dass das zu Konflikten fĂŒhren kann."

Patchwork-Familien, die ursprĂŒnglich konventionell aufgebaut waren und wo sich beispielsweise durch eine Trennung oder eine verĂ€nderte sexuelle Orientierung neue Dimensionen ergeben haben, sind nicht mit Co-Parenting vergleichbar. Auch die sexuelle Orientierung ist beim Co-Parenting, im Unterschied zu Regenbogenfamilien, nebensĂ€chlich. Die elterliche Komponente ist hingegen zentral. Die Facetten der elterlichen Rollen sind dabei denkbar vielfĂ€ltig. Die Bandbreite reicht von einer Samenspende, wo der Vater nach der Geburt aktiv am Leben des Kindes teilhat, ĂŒber geteiltes Sorgerecht bis hin zu Wohngemeinschaften, in denen das Kind mit mehreren Eltern zusammen aufwĂ€chst.

Aktive Elternsuche im Netz

GegrĂŒndet wurde die Website Familyship von Christina Wagner. Als bei der Deutschen vor einigen Jahren der Kinderwunsch aufkam, befand sie sich in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Anstatt sich an eine Samenbank zu wenden, suchte sie zusammen mit ihrer Partnerin eine Alternative, die ihrem Kind ein Aufwachsen mit Vater ermöglichen sollte. Vergebens. Doch die Suche sollte die Geburtsstunde von Familyship einlĂ€uten. "Ich habe die Plattform sozusagen aus eigenem Bedarf gegrĂŒndet. Ich bin mit meiner damaligen Partnerin erst spĂ€ter draufgekommen, dass es den Begriff Co-Parenting in den USA bereits seit einiger Zeit gibt", erzĂ€hlt sie.

Seither sind knapp fĂŒnf Jahre vergangen. Rund 3.500 Menschen mit Kinderwunsch haben sich auf der Website registriert – unter den Mitgliedern befinden sich keineswegs nur homosexuelle MĂ€nner, beziehungsweise lesbische Frauen. "Inzwischen ist das VerhĂ€ltnis 50:50", so Wagner. "Wir sind damals ja eigentlich in der homosexuellen Szene gestartet und haben uns dann regelrecht gewundert, als sich so viele Heteros angemeldet haben. Dann wurde uns nach und nach klar, dass es viele Menschen gibt, die sich ein Kind wĂŒnschen, aber keinen Partner haben oder wollen."

Das kontroverse Familienmodell

Dass das Co-Parenting-Konzept nicht ĂŒberall auf VerstĂ€ndnis stĂ¶ĂŸt, ist Wagner bekannt. Immerhin bricht es nicht nur mit der gĂ€ngigen familiĂ€ren Mutter-Vater-Kind-Norm, sondern auch mit der romantischen Vorstellung, dass ein Kind aus Liebe entsteht. Nachvollziehen kann die Deutsche das nur bedingt. "Diese Kinder entstehen ja sehr wohl aus Liebe, sie ist aber eben platonisch. Liebe und Kind, das muss ja nicht zwingend zusammengehören. Ich verstehe natĂŒrlich, dass da eine Entkopplung zwischen Kinderwunsch und Beziehung passieren muss. Sobald diese abstrakte HĂŒrde genommen ist, sehe ich da aber kein Problem."

Wagner sieht vor allem in der tiefgreifenden gesellschaftlichen VerĂ€nderung eine Legitimation fĂŒr Co-Parenting als alternatives Familienmodell. "Unsere Gesellschaft hat sich eben verĂ€ndert. Da wĂ€chst gerade eine halbe Generation an Singles heran, die trotzdem Kinder will. Diese Menschen sind meistens gut sozialisiert und finanziell abgesichert, aber sie haben eben nicht immer oder dauerhaft eine aufrechte Liebesbeziehung, die es ermöglicht, gemeinsam ein Kind zu zeugen."

Das Kind komme beim Co-Parenting trotzdem in ein gutes und liebevolles Umfeld und werde auch dementsprechend gefördert – "wie bei konventionellen Beziehungen eben". Romantische Liebe sei ja oft auch nur eine Momentaufnahme, die UmstĂ€nde jedoch nicht immer so rosig.

Die Familie der Zukunft

Doch aus welchem gesellschaftlichen Wandel heraus ist Co-Parenting entstanden und wie sieht die Familie der Zukunft eigentlich aus? Christian Schuldt, Trendforscher am Zukunftsinstitut, sieht Co-Parenting als schlĂŒssige Folgeerscheinung zweier gesellschaftlicher Megatrends.

Megatrends, das sind Entwicklungen, die die Gesellschaft ĂŒber mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte beeinflussen und prĂ€gen. Beim Co-Parenting spielt einerseits die Individualisierung eine große Rolle. "Gekoppelt mit dem Trend der Vernetzung, die derzeit rasant fortschreitet, kommt es zu einer zunehmenden Flexibilisierung der Lebensstile", so Schuldt. Das bedeutet, dass traditionelle Lebensmodelle und biografische Muster verabschiedet und von immer differenzierteren Lebensformen ersetzt beziehungsweise ergĂ€nzt werden. "Man kann sich das eigene Leben quasi komplett nach den eigenen WĂŒnschen gestalten. Die Möglichkeiten des Einzelnen werden maximiert." Was frĂŒher unvorstellbar, ja gar vollkommen unpraktikabel war, ist heute also ganz normal. Das bedeute Schuldt zufolge eben auch, dass die klassischen Familienmodelle zumindest ihren Status als gĂ€ngige Modelle verlieren werden. "Es gesellt sich immer mehr dazu. Es wird neue zeitgemĂ€ĂŸe Familienformen geben. Die Familie wird also optionsoffener als jemals zuvor."

Der Wunsch nach Familie bleibt ĂŒbrigens eine gesellschaftliche Konstante. Und das obwohl - beziehungsweise gerade weil - die Individualisierung immer mehr voranschreitet. "Familie gewinnt an Bedeutung, da man sich in einer immer komplexeren und unĂŒbersichtlicheren Welt einen Schutzraum wĂŒnscht."

"Man hat mal wieder Zeit fĂŒr sich"

Individuelle Lebensgestaltung – genau darin sieht auch Wagner den grĂ¶ĂŸten Vorteil beim Co-Parenting und meint dabei vor allem die persönlichen FreirĂ€ume, die dadurch fĂŒr die Elternteile geschaffen werden. "Man hat auch einfach mal wieder Zeit fĂŒr sich. So bin ich ausgeglichener und auch eine bessere Mutter." Der Nachteil sei die damit verbundene Koordination, die in den Alltag integriert werden muss. "Man muss schon viel organisieren. Aber das bringt auch Chancen fĂŒr persönliche, private FreirĂ€ume."

Der Wiener Sozialwissenschaftler Bernhard Heinzlmaier sieht das etwas anders. Er nennt zwar ebenfalls die fortschreitende Ausdifferenzierung und Individualisierung als Basis fĂŒr die Entstehung neuer Familienmodelle, fĂŒr ihn ergibt sich daraus jedoch eine problematische Situation. „Die Menschen werden immer distanzierter, alles wird rationaler und wir fĂŒhren alle individualisierte Leben. Die Familie wird also immer mehr zum reinen Reproduktionsapparat. Wir wollen nicht verpassen, dennoch aber auch auf nichts verzichten. Der VollstĂ€ndigkeit halber hat man dann eben auch noch eine Familie“, so Heinzlmaier.

FĂŒr Anika besteht der grĂ¶ĂŸte Vorteil darin, dass sie nicht "krampfhaft nach einem Partner suchen muss". Nachteil seien die immer noch recht konservativen gesellschaftlichen Normen, die durchs Co-Parenting gebrochen werden. "Der Nachteil ist natĂŒrlich, dass die Familiensituation des Kindes bei manchen vielleicht UnverstĂ€ndnis oder Verwirrung auslöst. Wenn Vorurteile auf dem RĂŒcken des Kindes ausgetragen werden, ist das problematisch. Viele können das Modell einfach nicht nachvollziehen. Da muss man sich einfach aktiv um AufklĂ€rung bemĂŒhen."

Anikas engeres Umfeld hat jedenfalls durchwegs positiv auf ihre Entscheidung, ein Kind ohne Liebespartner zu bekommen reagiert. Auch fĂŒr ihren Sohn ist das alles kein Problem. Der wĂŒnsche sich sehnlichst ein Geschwisterchen.

Daten ĂŒber geglĂŒckte Co-Parenting-Projekte hat die Familyship-GrĂŒnderin nicht. Erst kĂŒrzlich wurde in der Sendung ZDFdonnerstalk jedoch eine Co-Parenting-Familie portraitiert, die sich via Familyship gefunden hat. Wagner sieht in Co-Parenting jedenfalls eine Chance fĂŒr Menschen, die sich nicht in konventionellen Familienkonzepten wiederfinden wollen: "Ich sehe es als ein mögliches Modell, nicht als das Modell fĂŒr die Zukunft. Die traditionelle Familie wird es immer geben und das möchte ich auch gar nicht in Frage stellen."

*Name der Redaktion bekannt und geÀndert

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