Leben
09.07.2018

Buchexperte: "Warum wir eine Lesegesellschaft sind"

Gerhard Falschlehner vom Buchklub erläutert, warum selbst Büchermuffel sich fast täglich mit Texten befassen müssen.

Allen Unkenrufen zum Trotz: Es wird heute mehr gelesen denn je. Davon ist Buchklub-Leseexperte Gerhard Falschlehner überzeugt. Im KURIER spricht er über dicke Bücher und Häppchen-Literatur.

KURIER: Häufig hört man Klagen, dass die Jugend kaum noch liest.

Gerhard Falschlehner: Das ist ein Märchen – in Social Media machen Jugendliche nichts anderes als lesen und schreiben. In Summe wird heute sogar mehr gelesen. Untersuchungen zeigen, dass die Zahl der Kinder, die in der Freizeit gerne Bücher liest, in den vergangenen 30, 40 Jahren stabil geblieben ist – nämlich bei 30 bis 35 Prozent.

Sie sind kein Medienpessimist?

Nein, in die Klagen manch älterer Intellektueller stimme ich nicht mit ein – Jugendliche haben heute einen weitaus größeren Wortschatz als vor 40, 50 Jahren.

Dennoch hält sich die Mär, dass früher mehr gelesen wurde.

Das ist Sozialromantik. Früher hatten Jugendliche weniger Zugang zu Büchern, auch aus sozialen Gründen – Eltern hatten oft kein Geld für Bücher.

Wenn heute mehr gelesen wird, bedeutet das nicht, dass sich Menschen auf lange Texte einlassen.

Bücher liegen wieder im Trend, weil sie eine Alternative zum Fastfood-Lesen im Internet sind, wo man schnell den Text scannt, um Informationen zu bekommen. In den USA steht slow-reading auf dem Lehrplan – Geschichten lesen und sich auf längere Texte einzulassen. So bringt man Kinder dazu, sich Zeit zu nehmen, konzentriert eine Geschichte zu lesen. Das kurbelt die Fantasie und das Textverständnis an.

Wie kann ich jemandem Lust darauf machen, sich auf Geschichten einzulassen?

Eine wichtige Vorstufe ist das Vorlesen. Lesen lernen ist unglaubliche Schwerarbeit. Die Hamburger Kollegin Petra Hüttis-Graff sagt: „Vorlesen heißt, Kindern Literatur barrierefrei nahezubringen.“ So erleben sie, wie lustig, spannend oder kurios eine Geschichte sein kann. Wenn Leseanfänger selber lesen, sind sie so mit der Technik beschäftigt, dass sie kaum Spaß empfinden. Deshalb haben sich alle Formen des Partnerlesens als die wirksamste Methode erwiesen. Dabei sollte aber nur das gelesen werden, was den Kindern Spaß macht – und wenn es die Sportseite im KURIER ist.

In der Schule wird die Literatur zurückgedrängt, weil bei der Zentralmatura nur kurze Texte verlangt werden.

Aus literarischer Sicht ist das Reduzieren auf Sachtexte bedenklich. Es geht nicht um einen literarischen Kanon, den man mit Recht einmal abgeschafft hat, sondern darum, jungen Menschen zu ermöglichen, sich auf eine Geschichte einzulassen. Besonders Kinder können mit ihrer Fantasie völlig in einem Buch aufgehen. Später können und sollen sie sich an einer Geschichte reiben und auch aushalten, einen Text zu lesen, wo sie sich anstrengen müssen oder nicht der Meinung des Autors sind. Das ist eine Qualifikation, die ein Maturant unbedingt braucht, und das geht nicht mit „Häppchen-Literatur“. Hier braucht es eine Trendwende – und ich weiß auch, dass viele Deutschlehrer dieses Bedürfnis haben: Im Deutschunterricht muss Zeit sein, Bücher zu lesen.

Gilt es für alle, also gute und schlechte Leser gleichermaßen?

Es gibt eine interessante Studie von der Uni Regensburg, bei der mit Schulklassen gearbeitet wurde. Eine Gruppe hat langfristig ein Buch gelesen, die andere jede Stunde Kurztexte. Ergebnis: Vor allem die schwächeren Leser haben vom Buch profitiert, weil sie Zeit hatten, Wortschatz und Weltwissen zu erweitern. Wenn ich in einem Buch immer wieder in dieselbe Atmosphäre eintauche und Begriffe immer wieder lese, festigt das den Wortschatz viel mehr.

Fakt ist aber: Jeder vierte Schulabgänger kann nicht sinnerfassend lesen.

Das war früher genauso: Ein Drittel hat gut und gerne gelesen, ein Drittel konnte so weit lesen, dass es für den Alltag ausreichte – heute würde man sagen, fürs Internet reicht. Ein Drittel bis ein Viertel hat schon immer so schlecht gelesen, dass er im Privat- und Berufsleben Probleme hatte. Das Problem liegt heute darin, dass wir in einer Lesegesellschaft leben, dass Lesen beruflich und privat wichtiger geworden ist.

Also WhatsApp statt telefonieren?

Nicht nur. Wenn ich im Beruf eine Information über ein Gerät benötige, muss ich diese im Internet suchen, weil es niemanden gibt, der mir am Telefon eine Auskunft gibt. Auch im Alltag erleben wir, dass wir uns Serviceleistungen aus dem Internet holen müssen. Deshalb ist es so dramatisch, wenn jemand funktionaler Analphabet ist, also nicht sinnerfassend lesen kann.

Kinder erwerben ihren Wortschatz, indem Eltern mit ihnen sprechen. Dabei haben diese selbst oft große Sprachdefizite.

Wo Eltern es nicht leisten können, müssen Schule und Kindergarten einspringen. International gibt es den Literacy-Begriff, der Lesen und Schreiben weiter sieht und besagt: Wenn Kinder mit offenen Augen durch die Welt gehen und in der Lage sind, die Dinge, die sie um sich herum sehen zu benennen, lernen sie automatisch den Wortschatz, den sie brauchen, damit sie später lesen können. Hauptgrund für Leseprobleme ist nicht die Legasthenie o.ä., sondern der fehlende Wortschatz. Wer mit den Wörtern in einem Satz kein Bild verbindet, der versteht das Gelesene nicht.

Lesen gilt als DIE Kulturleistung des Menschen. Was hat sie der Menschheit gebracht? Und wo liegt der Unterschied zum Hören?

Die Schrift ermöglicht die Abstraktion von Gedanken, das heißt: Dinge formulieren und zur Sprache zu bringen. Beim Lesen würde ich übrigens das Sehen dazu nehmen. Wenn ich ein Gemälde betrachte, kann ich eine ähnliche Qualität erreichen, wie wenn ich lese. Es geht in beiden Fällen darum, dass man als Ich-Persönlichkeit lernt, sich mit einer anderen Persönlichkeit – egal ob Maler oder Autor – auseinanderzusetzen und in einen Dialog zu kommen. Das Bereitsein, sich auf die Gedanken eines anderen einzulassen, also mit jemandem, der nicht in meiner Alltagssprache spricht und gerade nicht präsent ist, ist eine der wichtigsten Qualitäten des Lesens.