Leben
01.11.2017

Wie es sich neben einem Friedhof wohnt

Lichter, Stille, Grünoase: Was Menschen erzählen, die in unmittelbarer Nähe eines Friedhofs leben.

150 Meter, mehr nicht, sind es, die Claudia Rossbacher vom Urnengrab ihrer Mutter trennen. Die bekannte Krimiautorin lebt nämlich direkt neben dem Hütteldorfer Friedhof, im 14. Wiener Gemeindebezirk. Das findet sie durchaus angenehm: "Dort wohnen meine liebsten, weil ruhigsten Nachbarn."

Auch beruflich zieht es die Schriftstellerin häufig in die Nähe der Toten. "Auf meinen Recherchereisen in der Steiermark bin ich immer wieder auf Friedhöfen anzutreffen. Die Namen und Daten inspirieren mich dazu, mir Geschichten auszudenken."

Grünblick

Die eigene Endlichkeit sei dabei kaum ein Thema, sagt sie. Was viele Menschen, die mit "Aussicht auf die Ewigkeit" wohnen, so empfinden. Sie schätzen stattdessen das Grün der Friedhöfe, den unverbaubaren Ausblick und die Ruhe, die nur durch das Brummen der Rasenmäher, das Läuten der Totenglocken oder von Begräbnismusik durchbrochen wird.

„Ich wohne neben dem Hütteldorfer Friedhof. Dort leben meine liebsten, weil ruhigsten Nachbarn.“

"Jeder Spaziergang über den Friedhof auf dem Weg zur Bushaltestelle ist schön", sagt etwa die 72-jährige Heidi Mann, die mit Blick auf den Südwestfriedhof lebt. Eine Oase in der Großstadt sei der, mit Eichhörnchen, Mardern und einer Fuchsfamilie. "Mein Blick auf den Friedhof ist ein lebensfroher, über das Danach zerbreche ich mir keinen Kopf." Sie denkt, dass man Allerseelen nicht nur mit morbiden Gedanken verbringen sollte: "Unsere Dahingegangenen verdienen sich auch liebevoll-fröhliche Erinnerungen."

Lichtermeer

Als "weder traurig noch erheiternd" erlebt Stefan McDonald, 37, die Tatsache, dass er einen Balkon mit Sicht auf den Stadlauer Friedhof besitzt und dort abends ein Glaserl trinken kann. "Es ist mir egal, ich finde es einfach gut, dass es ruhig ist und dass der Blick nicht verbaut werden kann". Mit dem Thema Tod beschäftigt er sich daher nur anlassbezogen: "Im Gespräch mit Freunden, zum Beispiel. Denn selbst habe ich nur wenige geliebte Menschen verloren."

„Ich finde es einfach gut, dass es ruhig ist und dass der Blick nicht verbaut werden kann.“

Sterben wandelt, der Tod naher Menschen ändert vieles im Leben. Nochmals Friedhof Stadlau, doch eine andere Geschichte: Wenn die 27-Jährige Nina Schweiger abends auf ihrer Terrasse sitzt, dann findet sie es "schön, wenn am Abend viele rote Lichtlein brennen, die für die Verstorbenen angezündet wurden." Auch deshalb, weil sie auf diese Weise an die vielen guten Momente mit ihrer Mutter erinnert wird, die zu früh gestorben ist. "Sie ist aber auf einem anderen Friedhof begraben"´, sagt Schweiger. Worüber sie froh ist, "denn anders würde ich es wohl nicht aushalten." Doch so lässt sie sich auf spezielle Weise berühren: "Diese Weitsicht, die Sterne, die Wolken und die Lichter des Friedhofs bedeuten oft emotionale Momente für mich."

Verständnlislose Blicke

Und wie ist es, seine Kindheit in unmittelbarer Nähe eines Friedhofs zu verbringen? Davon erzählt Siglinde Holnsteiner, 46. Sie lebte in den 1980ern nahe des Meidlinger Friedhofs im dritten Stock eines Gemeindebaus: "Das ist mir in angenehmer Erinnerung, das Grün neben dem Betonbau, der tolle und weite Ausblick, der uns dadurch geschenkt war." Ihre 70-jährige Mutter Elfriede Kurzmann wohnt immer noch gerne da. "Ab und zu gab es verständnislose Blicke von Gästen, wie man nur so wohnen kann. Sie hat dann mit Augenzwinkern gemeint, dass es erst so richtig gruselig um Mitternacht wird, wenn sie alle rauskommen. Ich muss gestehen, dass ich als Jugendliche manchmal ein mulmiges Gefühl hatte, wenn ich nachts heimgekommen bin. Es war aber auch gerade die Zeit von Michael Jacksons Thriller."

Die Trauermusik im Ohr

Das Elternhaus von Julia Pfligl, 26, steht ebenfalls direkt neben einem Friedhof – in Mauer-Öhling bei Amstetten (NÖ). "Dort habe ich 15 Jahre gelebt, aber gestört hat mich das nie. Ich mag Friedhöfe, und es war immer so schön ruhig neben uns." Ihre prägendste Erinnerung ist heute noch die Trauermusik der Blasmusik, die nach wie vor bei jedem Begräbnis zu hören ist: "Ich habe sie immer noch im Ohr, obwohl ich seit acht Jahren nicht mehr daheim wohne."

Seit diesem Jahr liegt ihr Opa auf dem Friedhof: "So blöd das klingen mag, ich empfinde es als tröstlich, dass er so nahe ist. Wann immer ich zuhause bin, spaziere ich zum Grab und denke an die Zeit mit ihm. Ich habe ja nicht weit."

Wunde, die nicht heilt

"Auch in einer Träne kann sich die Sonne spiegeln". Dieser Satz des österreichischen Komikers Maxi Böhm (1916–1982) passt auf besondere Weise zur Geschichte von Elfriede und Alois Fellner (72 und 79). Das Ehepaar wohnt gegenüber des Hernalser Friedhofs, sogar der Zweitwohnsitz nahe der Hohen Wand befindet sich genau neben dem Ortsfriedhof: "In der Früh, in der Morgensonne, und nicht nur dann, schauen wir direkt auf die Grabsteine, die Kirche und die begrünte Mauer. Wir tragen dieses Gefühl, in der Nähe eines Friedhofs zu wohnen, schon sehr lange mit uns und gehen auch gerne auf dem Friedhof spazieren, das gehört für uns zum Alltag", sagen beide.

Das Paar liebt den Blick auf die Ruheoase, zugleich liegt in diesem Blick viel Trauriges. Vor 14 Jahren verstarb ihre Tochter im Alter von 38 Jahren: "Ich bin im Bezirk aufgewachsen, meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern sind auf dem Hernalser Friedhof begraben. Wir haben uns ebenfalls entschlossen, dort ein Grab zu kaufen. Da war nicht absehbar, dass unsere Tochter darin landen würde", erzählt Elfriede Fellner. Sie kämpft mit den Tränen: "Es ist wichtig, ihr nahe zu sein." Freilich habe es geholfen, die Enkeltöchter, damals zwei und sechs Jahre alt, zu begleiten. "Dennoch kommt man nicht aus, die eigene Trauerarbeit zu machen."

Die Wunde bleibt, das Leben geht weiter: "Wir verdrängen den Tod nicht, der lässt sich nicht verdrängen, jeder muss auf seine Weise lernen, damit umzugehen", sagt Alois Fellner. Vor ihm steht eine Kerze, die er gerade entzündet hat. Vor einigen Tagen ist sein Bruder verstorben.