Leben
04.03.2013

Das Leben wird berechenbar

Datenanalyse ist das Ende des Zufalls, schreibt Autor Rudi Klausnitzer in seinem neuen Buch.

Noch bevor ein Mensch geboren wird, erzeugt und hinterlässt er Datenspuren – in Form von Ultraschallbildern, Herztonmessungen und diversen Pränatal-Tests. Täglich produzieren die Menschen im Schnitt 2,5 Quintillionen Bytes. Das sind 2,5 Exabytes, was wiederum etwa der 12,5-fachen Datenmenge aller jemals gedruckten Bücher entspricht, Tendenz steigend, „denn 90 Prozent des auf der Welt vorhandenen Datenvolumens sind erst in den vergangenen beiden Jahren entstanden“, sagt Rudi Klausnitzer. Und je vernetzter wir werden, desto mehr werden wir analysierbar – sei es wegen sozialer Netzwerke, Mobiltelefone, Kameras und anderer Hightech-Geräte, die wir bei uns tragen.

Das neue Gold

Medien-Experte Klausnitzer hat sich in seinem neuen Buch „Das Ende des Zufalls“ mit der „Big-Data-Thematik“ auseinandergesetzt und kommt zum Schluss: „Daten sind das neue Gold. Es können Werte generiert werden, die früher mit alten Technologien nicht generierbar waren.“

Früher war die gezielte Analyse von Daten nur Konzernen wie Google, Amazon etc. möglich, da dafür große Serverfarmen notwendig waren. Neue und billigere Technologien erlauben nun auch kleinen Firmen Auswertungen am eigenen Firmen-PC. Denn um im Wettlauf gegen andere die Nase vorne zu haben, wird es davon abhängen, wie ein Unternehmen mit den Daten umgeht.

Auch Institutionen und Behörden wie Polizei oder Gesundheitssystem werden durch die Analyse von „Big Data“ die Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen können. Voraussetzung ist, dass aus „Big Data“ intelligente Daten, also Smart Data, werden.

Gott würfelt nicht

Laut Klausnitzer lautet die neue Devise „Dem Zufall keine Chance geben“. In den Simulationsmodellen, die quer durch alle Branchen eingesetzt werden, will man nach Möglichkeit Zufälle ausschalten, damit Vorgänge berechenbar werden. „Freilich kann man den Zufall nicht hundertprozentig ausschalten“, so Klausnitzer im KURIER-Interview. „Aber man kann Zufallsprognosen vermeiden.“ In Anlehnung an Albert Einstein sagt er: „Gott würfelt nicht.“

Im Alltag sind wir Menschen täglich Teil von Simulationsmodellen, etwa beim Einkauf im Supermarkt. Rewe & Co. verwenden Programme, in denen nicht nur das Wetter einkalkuliert wird (weil bei warmem oder kaltem Wetter unterschiedliche Produkte gekauft werden), sondern auch, welche Produkte und Produkt-Kombinationen gefragt sind. Supermarktketten können aus dem Kaufverhalten von Frauen sogar auf eine mögliche Schwangerschaft schließen.

Gläserne Schwangere

So stellte der US-Statistiker Andrew Pole fest, dass Frauen in den ersten 20 Wochen der Schwangerschaft zum Kauf von Spurenelementen (Kalzium, Zink, Magnesium) tendierten und im zweiten Drittel der Schwangerschaft zu unparfümierten Körperlotionen. Pole erstellte eine Rangliste von 25 Produkten, die eine schwangere Kundin vermuten lassen. Diese erhält dann automatisiert Gutscheine und Angebote für weitere schwangerschaftsrelevante Produkte.

Auch bei Behörden wird Big Data zu einem Thema. Die Polizei im amerikanischen Memphis oder im englischen Manchester greift auf ein Datensystem namens „BlueCrush“ zurück, das die Wahrscheinlichkeit von Kriminaltaten und deren Zeitpunkt vorhersagt. Indem die Polizei die Präsenz an den gefährdeten Orten verstärkt, können Verbrechen verhindert werden.

Ein heikles wie auch spannendes Thema ist die Gesundheitsvorsorge. Klausnitzer: „Statistische Prognosen sind zuverlässiger als klinische und auf Intuition beruhende Diagnosen.“ Derzeit läuft in den USA der „Heritage Health Prize“ der Versicherungsgesellschaft Heritage Provider Network; 1480 Teams nehmen daran teil. Ihre Aufgabe ist es, aus zur Verfügung gestellten Daten mithilfe eines neuen Algorithmus (eine Art „Formel“ zur Lösung einer Problemstellung) zu errechnen, welche Patienten innerhalb des nächsten Jahres in ein Spital eingeliefert werden und wie lange sie dort bleiben werden.

Das Washington Hospital Center wiederum hat durch Analysen festgestellt: Menschen, die mehr als 14 Stunden in der Notaufnahme waren, hatten ein deutlich höheres Risiko, später nochmals ins Spital zu müssen. Auch das Wort „Flüssigkeit“ im Arztbericht lässt Rückschlüsse auf die Spitals-Wiederkehr zu. Resümee des Buch-Autors: „Man wird künftig nicht sagen können, der Rudi Klausnitzer kommt im kommenden Jahr ins Spital, aber man wird sagen können, die Wahrscheinlichkeit, dass er ins Spital kommt, liegt bei 70 oder 80 Prozent.“

Neue Datenverfassung

Die Big-Data-Analysen eröffnen Chancen, sie bringen aber auch Gefahren. „Wir brauchen eine Art neue Verfassung im Umgang mit Daten“, fordert Klausnitzer. Auf der einen Seite müsste enger definiert werden, was persönliche Daten sind, und auf der anderen sollte man festlegen, welche Daten anonymisiert einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft leisten könnten.

Ex-Ö3-Boss blickt in die Zukunft

Rudi Klausnitzer wollte eigentlich ein „komplett positives Buch“ schreiben, weil sich durch die Big-Data-Analyse eine Unmenge neuer Chancen eröffnen. „Das tun sie auch, weil man Prävention betreiben kann. Aber gleichzeitig gibt es in vielen Fällen zweischneidige Schwerter.“ Auf 230 Seiten hat Klausnitzer das komplexe Thema Big Data spannend aufbereitet. Erschienen ist „Das Ende des Zufalls“ bei Ecowin und kostet als gedruckte Version 21,90 € und als Kindle-Ausgabe 17,99 €.