Wer schreibt noch Briefe?
12/01/2015

Wer schreibt noch Briefe?

Galten sie einst als wichtigste Kommunikationsform, sind sie heute bloß eine Liebhaberei für Nostalgiker.

von Sandra Lumetsberger

Der private Brief hat viele Konkurrenten. Kurznachrichtendienste oder soziale Netzwerke etwa. Wer heute noch handschriftlich Briefe verfasst, hat dafür zwei Gründe: Er will seinem Anliegen Gewicht verleihen. Oder einem Menschen zeigen, wie wichtig er ihm ist.

Felicia Englmann tut dies seit 25 Jahren. Sie schreibt ihrer Freundin, die sie während eines Österreich-Urlaubs kennengelernt hat, zwei Mal im Jahr. Telefonieren war ihnen damals zu teuer, skypen ist ihnen heute zu modern. Politikwissenschaftlerin Englmann, die ein Buch über bedeutende Briefe (siehe Beispiele unten) geschrieben hat, will eine Tradition fortführen. "Einen Brief schreiben und aufgeben ist mit mehr Mühe und Aufwand verbunden. Ich drücke damit meine Wertschätzung aus." Und der Empfänger weiß, welche Reise ein Brief nimmt. Vom Briefkasten zur Post und zum Boten. Ein eMail wird innerhalb von Sekunden geschickt. Es kommt schnell an, aber ohne Geruch, Stimme und Gesicht.

Der britische Journalist Simon Garfield schreibt dem Brief eine Form der Integrität zu: "Es hat damit zu tun, dass dabei buchstäblich Hand angelegt wird – beim Schreiben oder selbst dem Einspannen des Papiers in die Schreibmaschine, mit der Anstrengung, es gleich beim ersten Mal richtig zu machen und dem Sich-Konzentrieren."

Bis zur Erfindung des Telefons waren Briefe die persönlichste Form der Kommunikation. Die ersten schriftlichen Botschaften entstanden vor circa 5000 Jahren und wurden auf weiche Tontafeln gedrückt. Die Ägypter entwickelten in Folge den Papyrus, um Schriften zu verbreiten. Diese frühen Briefe waren wertvoll und für die Oberschicht bestimmt, die Lesen und Schreiben konnte.

Während sich Materialien, Schrift und Sprache weiterentwickelten, blieb der Zweck von Briefen bis heute gleich: Er trägt Informationen weiter – amtliche und persönliche; wird literarisch genutzt oder prangert an.

Die gravierendsten historischen Folgen im deutschsprachigen Raum hatte einst der Brief Martin Luthers an Albrecht von Brandenburg, erklärt Felicia Englmann. Luther kritisierte den Bischof, prangerte den Ablasshandel an. Und legte seine 95 Thesen bei. Gleichzeitig verteilte er sie an Freunde. Sie verbreiteten sich rasant – und veränderten Europa.

Was sich bis heute nicht verändert hat, ist die Ausdrucksweise. Einige der ältesten Papyrus-Briefe, sie stammen aus der Zeit 350 vor Christus, enden mit "Leb Wohl" – eine Abkürzung für "Ich vertraue darauf/bete, dass es Dir gut geht". Die Formulierung "Gruß" geht hingegen auf den Athener Politiker Kleon zurück. Er hat das Wort am Anfang eines offiziellen Berichts über seinen unverhofften Sieg gegen die Spartaner im Peloponnesischen Krieg benutzt. In Erinnerung daran übertrug man das Gruß-Wort in normale Dokumente. Nur Herrscher sparten sich die Formulierung – Symbol dafür, dass sie Wichtigeres zu tun hatten. Im Inhalt von Briefen spiegelt sich auch die Persönlichkeit des Schreibenden wider. Albrecht Dürer, der sich als Humanist und Teil der geistigen Avantgarde Nürnbergs sah, hatte ein Faible für Blödeleien. Das zeigt ein Brief, den er 1506 seinem Freund Willibald Pirckheimer schrieb. Dazu zeichnete er ein lachendes Männchen mit großen Zähnen, irrem Blick und abstehendem Kraushaar. Das erste Emoji oder ein Cartoon? Weder noch. Forscher vermuten, dass es die karikierte Göttin Athene ist – damals ein gängiger Scherz unter Humanisten.

Buchtipps:

Felicia Englmann: Bedeutende Briefe. Die außergewöhnlichsten deutschen Schriftstücke. Mvg Verlag; 19,99 €

Simon Garfield:Briefe! Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte. Theiss Verlag; 29,95 €

Albert Einstein

„Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger aber doch reichlich primitiver Legenden“, schreibt Albert Einstein 1954 an den Mystiker und Philosophen Erich Gutenkind. Auf Drängen eines Kollegen hatte Einstein dessen Buch gelesen. Obwohl er es inhaltlich schlecht fand, schrieb er dem Autor freundlich, aber doch bestimmt seine Meinung zum Judentums: „Und das jüdische Volk, zu dem ich gerne gehöre und mit dessen Mentalität ich tief verwachsen bin, hat für mich doch keine andersartige Originalität als alle anderen Völker. Soweit meine Erfahrung reicht ist es auch um nichts besser als andere menschliche Gruppen, wenn es auch durch Mangel an Macht gegen die schlimmsten Auswüchse gesichert ist. Somit kann ich nichts ,Auserwähltes‘ an ihm wahrnehmen.“ Einsteins Brief ist das wichtigste Selbstzeugnis seiner Einstellung zu Religion und Glauben. 2012 wurde er auf der Auktionsplattform „ebay“ um zirka 3 Millionen US-Dollar versteigert.

Romy Schneider

„Kein Wort, keine Zeilen – nichts mehr von Dir! Das hätte ich nie gedacht!!!“ Diese wütenden Worte richtete Romy Schneider 1976 an ihre ehemalige Regieassistentin und enge Vetraute Hermine Steckel. „Nicht mal ein lb. Wort od. Telegramm, als ich unser Kind verlor! Ich wollte das nur mal gesagt haben. Im Falle, dass Du Dein Verhalten richtig findest – dann kann ich nur sagen ,traurig genug‘!“ Der zweiseitige Wut-Brief manifestierte das Ende ihrer Freundschaft. Grund für den Bruch war ein harmloser Streit über einen Interview-Termin, den „Hermi“ vereinbart hatte und Romy platzen ließ. Dazu kam Schneiders Aufstieg in der Pariser Hautevolee, der die ehemaligen Freundinnen auseinandertrieb.

Udo Lindenberg

„Och, Erich, ey, bist Du denn wirklich so ein sturer Schrat? Warum lässt Du mich nicht singen im Arbeiter- und Bauernstaat?“ Weil er nicht in der DDR auftreten durfte, schrieb Udo Lindenberg diese Liederzeilen. „Sonderzug nach Pankow“ wurde ein Hit. Alle lachten über Erich Honecker, Staatsoberhaupt der DDR. Doch Lindenberg meinte es Ernst und schrieb ihm einem Brief: „Ich möchte im Palast der Republik oder beim Festival des politischen Liedes wie andere Rocksänger auftreten. Im Rahmen einer Solidaritätsveranstaltung würde ich selbstverständlich auf ein Honorar verzichten. Das mache ich hier bei Konzerten „Künstler für den Frieden“ oder bei anderen politischen Veranstaltungen ebenfalls. Und über das, was ich singen würde, läßt sich auch reden.“ Das Schreiben zeigte Wirkung.Lindenberg durfte auftreten, bekam aber wieder Auftrittsverbot, nachdem er sich auf den Schultern Tausender Fans feiern ließ.

Ludwig van Beethoven

„Schon im Bette drängen sich die Ideen zu dir meine Unsterbliche Geliebte, hier und da freudig, dann wieder traurig.“An wen Ludwig van Beethoven diese Zeilen 1812 richtete, ist bis heute ungeklärt. Er hatte viele Affären, schloss aber nie eine Ehe. Historiker vermuten, dass er ihn seiner ehemaligen Musikschülerin Josephine Stackelberg schrieb. Bekannt ist, dass ihr Beethoven bereits zuvor Liebesbriefe geschickt hatte, ihre Eltern waren aber gegen die Beziehung. „Vom Schicksale abwartend, ob es unß erhört – leben kann ich entweder nur gantz mit dir oder gar nicht, ja ich habe beschlossen in der Ferne so lange herum zu irren, bis ich in deine Arme fliegen kann, und mich ganz heimathlich bei dir nennen kann, meine Seele von dir umgeben ins Reich der Geister schicken kann.“

Herbert von Karajan

„Ich habe so oft die Elektra unter Ihnen gehört und an der Erinnerung daran ermesse ich erst meine eigenen Zweifel ob ich auch alles nach Ihrem Willen mache.“ Als Herbert von Karajan diesen verzweifelten Brief an Richard Strauss schickte, war er 32 Jahre jung und bereits an der Berliner Staatsoper engagiert. Die für den 18. Februar 1940 geplante Neu-Inszenierung von Strauss’ Oper „Elektra“ bereitete dem Dirigenten große Sorgen: „Schlagen Sie mir die Bitte nicht ab und kommen Sie zu einer Aufführung herüber, wir Jungen sind nicht so selbstsicher wie man imer sagt sondern würden dankbar und glücklich sein für eine ganz offene wenn auch harte Kritik von der berufensten Seite damit auch wir dann beitragen dass Ihr Werk und Ihre Tradition genau so ist wie unter Ihnen selber. Bis dahin bin ich in tiefster Verehrung Ihr Herbert von Karajan.

Albrecht Dürer

„Sodenn lässt Euch mein französischer Mantel grüßen und mein italienischer Rock auch. Ich glaube, Ihr stinkt nach Huren, so dass ich Euch bis hier rieche, und man sagt mir hier, dass wenn Ihr buhlt, so gebt Ihr vor, Ihr seid nicht mehr als 25 Jahre alt. Multipliziert das, dann glaube ich es.“ 1506 schrieb der Künstler Albrecht Dürer seinem Freund, dem reichen Gelehrten Willibald Pirckheimer, einen albernen Brief aus Venedig. Er arbeitete dort an einem großformatigen Altarbild für die Kirche San Bartolomeo. Pirckheimer lieh ihm Geld für die Italien-Reise und beauftragte ihn, Waren einzukaufen. Dürer, der beste Porträtmaler seiner Zeit, galt als unkonventionell und scherzte lieber über seinen Kompagnon, als dass er von seiner Arbeit berichten würde: „Lieber, es gibt hier so viele Italiener, die so aussehen wie Ihr, ich weiß gar nicht, wie das zugeht.“

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