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Leben
01/20/2019

Ball-Fieber: Zeitreise von den Habsburgern zu Weltraumbällen

Der Wiener Opernball wird heute weltweit kopiert. Der Ursprung der Ballkultur liegt allerdings nicht in Wien.

von Barbara Mader

Kriege führen mögen andere, du glückliches Österreich, tanze. Lässt sich so, in Anlehnung an den berühmten Spruch über die erfolgreiche Heiratspolitik der Habsburger, das Phänomen der österreichischen Balltradition beschreiben?

Auf Wiens Tanzparketten wird seit jeher Politik betrieben, es werden Geschäfte abgeschlossen und Heiratsmärkte erkundet. Polizisten, Feuerwehrleute, Kaffeesieder und gefühlte fünfhundert weitere Berufsgruppen haben in Wien ihren eigenen Ball. Heuer zum ersten Mal auch Astronomen und Kosmonauten beim Ersten Österreichischen Weltraumball (wo statt Empfangsdamen Stormtroopers im Einsatz sind und die Mitternachtseinlage ein Lichtschwertkampf ist).

Wer partout nichts versäumen will, der kann neuerdings einen Ballalarm abonnieren. Sogar auf die UNESCO-Liste der immateriellen Kulturgüter hat es die Wiener Ballkultur geschafft (bis sie wegen des Akademikerballs 2012 wieder gestrichen wurde).

Warum in Wien so viel Gewese um Frack, Ballspende und für Außenstehende seltsam anmutende Ausdrücke wie Jungdamen- und Jungherren-Komitee gemacht wird, hat viele mögliche Erklärungen.

Die einfachste: Die Wiener Gemütslage.

Klischee und Wirklichkeit

Operettenklischees und bunte Ernst-Marischka-Bilder führen zwar dazu, dass mancher Tourist auf Wiener Parketten Ausschau nach Kaiser und Kaiserin hält – sind aber nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die Historikerin Marie-Theres Arnbom bringt es auf den Punkt: „Die Wiener feiern gern. Wien war schließlich eine katholische Residenzstadt. Und die Katholen haben im Gegensatz zu den Protestanten immer gerne gefeiert.“

Die Habsburger, die (nicht zuletzt zu Marketingzwecken) für so gut wie jede historische Erklärung herhalten müssen, sind nur am Rande für den seit Jahrhunderten anhaltenden Wiener Ballboom verantwortlich, sagt der Historiker und Habsburgerexperte Karl Vocelka. „Getanzt wurde auch an anderen Höfen.“ Tatsächlich eine Besonderheit der Habsburger war das strenge Hofzeremoniell, laut dem der Kaiser, abgeschirmt vom Volk, eine fast göttliche Stellung einnahm. Den Kaiser bei einem Empfang also persönlich zu Gesicht zu bekommen, war eine Auszeichnung. Angesichts dieser erhabenen Stellung des Monarchen ist es erstaunlich, dass Kaiser Franz Josef tatsächlich der Einladung des Bürgermeisters Karl Lueger zum Ball der Stadt Wien folgte, wie auf einem Ölgemälde von 1900 dokumentiert.

Der Wiener Hof selbst rüstete sich jedes Jahr gegen Ende Jänner für die Ballsaison, um sich in vollem Glanz zu präsentieren. Der Ball bei Hof war dabei das gesellschaftlich exklusivste, aber wohl am wenigsten vergnügliche Ereignis. Die höfische Gesellschaft blieb hier unter sich, nach kurzem Tanz folgte ein gesetztes Dinner, um Mitternacht war Schluss. Im Unterschied dazu wurden beim Hofball fast dreimal so viele, an die 2000 Gäste erwartet. Neben der eigentlichen Hofgesellschaft konnten auch hohe Repräsentanten von Politik und Kirche sowie die aktiven Offiziere der Wiener Garnison teilnehmen – so wurde die extrem exklusive Hofgesellschaft ein bisschen weniger exklusiv.

Ein mühsames Vergnügen

Der Spaßfaktor war jedoch auch hier enden wollend. Ziel der Veranstaltung war Networking: Ein kurzes Gespräch mit dem Kaiser zu ergattern war Hauptambition der Gäste. Danach war bald Schluss mit lustig, nämlich dann, wenn sich das Kaiserpaar zurückzog. Und wenn es nach Franz Josef ging, war das recht früh. „Heute ist der große Hofball, was, wie immer, ein recht mühsames Vergnügen sein wird“, schrieb er in einem Brief an die Kaiserin.

Mag sein, dass der Kaiser ein Tanzmuffel war. Die Geschichte der Wiener Balltradition reicht weit zu seinen Vorfahren ins 17. Jahrhundert der habsburgischen Monarchie zurück und die Wiener Hofburg war während der Herrschaft der Habsburger stets einerseits Regierungssitz der Monarchen und andererseits prunkvoller Rahmen der für den Adel inszenierten Gesellschafts- und Maskenbälle.

So alt wie der Mensch

Erfunden haben die Habsburger dieser Art von Tanzveranstaltungen jedoch keineswegs. Die Kulturgeschichte des Gesellschaftstanzes ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Getanzt wurde bei Hof, ebenso wie in Dorfwirtshäusern, in der Provinz wie in den Hauptstädten. „Das Tanzen ist im Menschen. Und natürlich hat auch das Volk getanzt, zu allen Zeiten. Aufzeichnungen darüber gibt es allerdings erst seit dem 15. Jahrhundert“, sagt der Schweizer Tanzhistoriker Bernhard Gertsch. Die erste schriftliche Anleitung zum Tanz stammt vom italienischen Tanzmeister Domenico da Piacenza, der am Hof der Este in Ferrara die Fürsten das Tanzen lehrte. „Prestige und Repräsentation waren die Triebfedern der Hofbälle. Man wollte seinen Reichtum durch Kostüme vor dem Volk zeigen,“ sagt Gertsch. „Diese Form der Hofkultur blieb dem Adel bis zur Französischen Revolution vorbehalten, danach fand eine Demokratisierung der Bälle statt.“

Damenspende

Die Musikwissenschaftlerin Monika Fink ortet den Ursprung der höfischen Tanzkultur in Frankreich am Hofe von Ludwig XIV. „In den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts entstand in Frankreich eine ritualisierte Ballkultur, die sich danach auch in England und den deutschsprachigen Ländern entwickelte. Der Wiener Opernball hat heute noch genau jene Charakteristika, die einen Ball von anderen Tanzveranstaltungen unterscheidet.“

Dazu zählen der festliche Einzug, die Einbeziehung der Künstler, der Tanzmeister, die Mitternachtseinlage und die Damenspende. „Es ist kein Zufall, dass der Opernball heute weltweit kopiert wird.“ (Siehe dazu Seite 8) Repräsentieren und Netzwerken war damals wie heute eine gesellschaftliche Pflicht, der man sich schwer entziehen konnte. „Wer gesellschaftlich vorankommen wollte, musste sich sehen lassen.“

Kaiserin inkognito

Es ging bei den Hofbällen, sagt Historikerin Marie-Theres Arnbom, um streng zeremoniell gehaltene Zusammenkünfte, bei denen die Ausgelassenheit des Volkes keinen Platz hatte. Ein wesentlicher Punkt war und ist die Kleiderordnung: „Frack und schwarz-weiß Tradition haben einen guten Grund: Die Dame soll glänzen.“ Den Herren bleiben da nur die Orden. In jeden Fall geht’s hauptsächlich um eines: Zeigen, was man hat.

Apropos glänzen: Aus Italien stammt die Tradition der öffentlichen Maskenbälle, die sich in Österreich als Redouten verbreiteten. Und die auch bei Kaiser und König Anklang fanden. So mischte sich Maria Theresia als junges Mädchen gerne inkognito unters Volk, um zu tanzen – denn Masken konnten Standesgrenzen abbauen. Auch das war eine Facette der Demokratisierung der langweiligen Hofbälle: Nach Mitternacht zogen die Aristokraten, ob mit oder ohne Maske, zu den Volksbällen, wo es lustig und frivol zuging.

Eine hübsche Fußnote dazu ist, dass ausgerechnet die einst begeisterte Tänzerin Maria Theresia als Kaiserin eine sehr restriktive Kulturpolitik betrieb. Musikwissenschaftlerin Monika Fink sieht die vorrangige Stellung der Stadt Wien bei der Entwicklung des Ballwesens im 18. Jahrhundert auch als Reaktion auf diese Politik. „In Wien entstand eine spezifische Tanzkultur mit dem Ballsaal als gesellschaftlichem Zentrum.“ Berühmte Tanzstätten waren etwa die Mehlgrube auf dem Mehlmarkt (heute Neuer Markt), der Mondscheinsaal in der Vorstadt Wieden, die Neue Welt in der kleinen Neugasse oder der Apollosaal am Schottenfeld sowie die beiden 1752 errichteten Redoutensäle in der Hofburg.

Russischer Walzer

Dass die Ballkultur in Wien auf derart fruchtbaren Boden fiel, hat natürlich auch mit der Strauß-Dynastie zu tun – Johann Strauß Vater war der König der Wiener Tanzmusik, sein Sohn k. k. Hofballmusik-Direktor.

Nicht zuletzt ist die Weiterentwicklung der Ballkultur dem Wiener Kongress geschuldet, wo zwischen 1814 und 1815 ganz Europa versammelt war und täglich Belustigungen und Feste veranstaltet wurden. Und der Kongress tanzte tatsächlich. „Große politische Ereignisse haben sich immer in der Tanzkultur niedergeschlagen“, sagt Monika Fink.

„Man hat völkerverbindende Tanzformen kreiert. Walzer, Polonaise und Quadrille wurden mit folkloristischen Elementen etwa zu eigens für den Kongress geschriebenen russischen Walzern erweitert.“

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