Eltern müssen abschätzen, ob ihr Kind auf dumme Ideen komm, wenn es alleine ist

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Leben
07/07/2019

Aufsichtspflicht: Wenn Blödsinn strafbar wird

Eltern können schuld sein, wenn ihrem Kind etwas passiert – oder ihr Kind jemanden schädigt. Warauf müssen Sie achten?

Ein zweijähriges Kind stürzt aus dem Fenster. Ein fünfjähriges Kind muss nach einem Schwimmunfall wiederbelebt werden. Meldungen aus jüngster Zeit, die Eltern erschüttern. Dramatischer klingt es im Ohr der Eltern, wenn dann noch zu lesen ist: „Es wird geprüft, ob eine Verletzung der Aufsichtspflicht vorliegt“.

Und manche beschleicht ein mulmiges Gefühl: Manche ich mich vielleicht auch strafbar? Die Aufsichtspflicht hat zwei Aspekte, erklärt Anwalt Marco Nademleinsky im Gespräch mit dem KURIER: „Es geht einerseits darum, dass dem Kind nichts zustößt, andererseits darum, dass es niemand anderem Schaden zufügt.“

Gerade in den Ferien, wenn Kinder frei haben und Eltern arbeiten, stellt sich die Frage, was Kinder alleine tun dürfen. Was sagt das Gesetz über die Pflichten von Eltern, Herr Anwalt? „Wenig, das ist nicht näher definiert. So wie das Gesetz dem Arzt nicht genau sagt, wie er operieren soll“, erklärt er.

Er hat aber eine klare Grundregel für Eltern: „In einer heiklen Situation ist es wichtig, dass Sie nicht ohne nachzudenken gehandelt haben, sondern erklären können, warum Sie Ihrem Kind etwas zugetraut oder erlaubt haben. Das hat mit dem einzelnen Kind zu tun.“

So wie die ärztliche Sorgfaltspflicht für Ärzte gilt, gelten pädagogische Maßstäbe für Aufsichtspflichtige. „Aber es macht einen Unterschied, ob es um eine alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern geht oder um Eltern einen Einzelkindes.“ Am Land gebe es ein anderes Verständnis von Freizeitverhalten als in der Stadt, „etwa bei Schnitzen oder Fahrradfahren“.

Wenn einem Kind etwas zustößt, wird das Jugendamt informiert, bestätigt dessen Sprecherin Andrea Friehmel: „Es wird nachgesehen, in welcher Situation das Kind lebt und ob die Eltern Unterstützung benötigen.“

Arges Video: Retter fängt herabstürzendes Kind auf

Alleine lassen

Wie lange kann man ein Kind alleine lassen? „Wenn man kurz weggeht und das Kind spielt etwas Gefahrloses, ist das in Ordnung. Wenn man länger wegbleibt und das Kind weiß es nicht, kann das ein Problem sein.“ Grundsätzlich gilt: „Volksschulkinder müssen nicht mehr auf Schritt und Tritt beaufsichtigt werden. Es wird angenommen, dass sie den Schulweg alleine meistern. können.“

Der KURIER fragte Eltern: In welchem Alter erlauben sie ihren Kindern, alleine zu Hause zu bleiben und ohne Erwachsene unterwegs zu sein. Wann dürfen sie alleine verreisen? (siehe unten).

Wichtig: Beim Ausgehen am Abend sind die Jugendschutzgesetze ein Anhaltspunkt, „aber nur weil ein Kind länger weg ist, hat man nicht automatisch seine Aufsichtspflicht verletzt“, sagt Nademleinsky.

30.000 Euro Schaden

„Kürzlich gab es einen Fall in Graz, wo Volksschulkinder 52 Autos zerkratzt haben, es entstand ein Schaden von 30.000 Euro“, erzählt der Anwalt.  „Beim ersten Mal verletzen Eltern nicht die Aufsichtspflicht, aber irgendwann dürften sie ihr Kind nicht mehr unbeaufsichtigt lassen, wenn so etwas öfter passiert.“

Die Frage ist, wer den Eltern die mangelnde Aufsicht vorwirft. Nademleinsky nennt dabei solche geschädigten Eigentümer als Beispiel, aber auch den anderen Elternteil: „Ich kenne Fälle von – getrennt lebenden – Eltern, die unterschiedlicher Meinung sind, was ihr Kind alleine darf.“

Wird ein Kind am Körper verletzt, kann es zu einer Anklage der Staatsanwaltschaft kommen.  Auch Kinder selbst können zur Verantwortung gezogen oder über die Haushaltsversicherung der Eltern verpflichtet werden, einen Schaden zu bezahlen. „Bei einem straffälligen 14-Jährigen sind vielleicht die Eltern weniger einflussreich und die Strafjustiz übernimmt die Aufgabe“, so Nademleinsky.

Je näher der 18. Geburtstag rückt, desto lockerer  kann man die Zügel  lassen. Aber wenn  das Kind öfter Blödsinn macht, etwa Wände beschmiert,  muss man aktiv werden.“ Naivität schützt Eltern nicht vor einer Strafe.

Die Aufsichtspflicht wird ein größeres Thema, weil Kinder öfter außerhalb der Familie betreut werden, bei Pädagogen werden andere Maßstäbe gesetzt. Nademleinskys Buch gilt dabei als Standardwerk. „Eltern können argumentieren, dass sie  eine Situation nicht vorausahnen konnten. Das kann ein Lehrer oder Hortpädagoge nicht.“

Zusatzinfo: Was Eltern ihren Kindern zutrauen

Altersangaben, wann Eltern ihren Kindern etwas erlauben dürfen, gibt es nicht und es kommt sehr auf die Situation an. Auf KURIER-Frage gaben Eltern an, in welchem Alter sie ihren Kindern Freiheiten geben (Achtung: Das ist nur eine Tendenz, keine Statistik).

Alleine Zuhause bleiben: Mit sechs bis acht Jahren lassen manche Eltern ihre Kinder kurz zu Hause – etwa  während sie einkaufen gehen –, viele erst später. Das ändert sich bei Geschwistern: Die dürfen schon früher mit daheim bleiben. Abends waren kaum vor 12 Jahren alleine.
Alleine öffentlich fahren: Vor allem in der Stadt sind Eltern vorsichtig und lassen ihre Kinder vereinzelt mit sechs oder sieben Jahren fahren, deutlich mehr mit acht oder neuen Jahren, aber manche noch später.

Abends ausgehen: Vor 14 Jahren waren die Kinder kaum bis 22  Uhr aus, wenn dann zB vom Kino oder einem Freund nach Hause, aber nicht in einem Lokal.

Ohne Erwachsene verreisen: Mit Freunden wegfahren dürfen viele Jugendliche etwa ab 17 Jahren.

Zusatzinfo: Hilfe, mein Kind will alleine verreisen!

Psychologin Birgit Satke von "Rat auf Draht" sagt Eltern, was sie dann tun sollen. „Mit dem Eintritt in die Pubertät verliert der gemeinsame Familienurlaub oft zunehmend an Attraktivität. Für Eltern bedeutet diese Situation eine Gratwanderung zwischen Freiraum geben und Grenzen setzen.“

Der Wunsch nach einem Urlaub ohne Eltern muss  nicht unbedingt gleich in die Tat umgesetzt werden. Denn das Alter allein ist nicht entscheidend, vielmehr geht es um die persönliche Reife der Kinder. Eltern kennen ihre Kinder am besten und wissen daher, wie viel an Eigenverantwortung sie ihrem Nachwuchs übertragen können.

Die Entscheidung ob, wie und in welchem Alter man das eigene Kind alleine verreisen lässt, ist daher sehr unterschiedlich und individuell. Dafür ist auch die Frage wichtig, wer mitfährt und wie verantwortungsbewusst die Freunde sind.

Klären Sie mit Ihrem Kind gemeinsam, wie genau es sich einen Urlaub ohne elterliche Begleitung vorstellt. Denn ohne Eltern muss nicht gleich heißen, dass Ihr Kind ganz ohne Aufsicht verreist. Möglicherweise möchte es eine Sprach- oder Sportreise unternehmen, mit einer Jugendgruppe in den Urlaub, oder sich einer Aktivfreizeit anschließen. Nehmen Sie sich daher gemeinsam mit Ihrem Kind ausreichend Zeit für die Planung eines solchen Urlaubes.

Das sind die "Rat-auf-Draht"-Tipps:

Wie sollte man den ersten Urlaub ohne Eltern gestalten?
Die Distanz von Zuhause sollte vor allem am Anfang nicht zu groß sein. Vielleicht nicht gleich in ein anderes Land, sondern zum Beispiel mit dem Zug in ein benachbartes Bundesland.

Dies bietet einige Vorteile: Die Menschen sprechen dort die gleiche Sprache, und bei Krankheiten, Notfällen oder Heimweh können die Eltern schnell zum Kind bzw. das Kind zurück nach Hause. Funktioniert das gut, gewinnt das Kind an Selbstvertrauen und auch das Vertrauen der Eltern in den Nachwuchs steigt.

Wie ist die rechtliche Situation?

Eine gesetzliche Regelung, die vorgibt, ab wann man als Elternteil den Nachwuchs alleine verreisen lassen muss bzw. soll, gibt es in Österreich nicht. Die Entscheidung - und damit auch die Verantwortung - liegt bis zum 18. Geburtstag bei den Eltern. Das Jugendschutzgesetz gibt jeweils einen rechtlichen Rahmen vor. Sie dürfen nichts über diesen gesetzlichen Rahmen hinaus erlauben, allerdings strengere Regeln festsetzen. Es gelten jeweils die Jugendschutzgesetze am jeweiligen Urlaubsort! Wohnen Sie mit Ihrer Familie z.B. in Oberösterreich und möchte Ihr Kind bei einem Festival im Burgenland campen, gelten die burgenländischen Jugendschutzgesetze. Das gilt auch für Reisen außerhalb von Österreich.

Wie bereiten wir uns vor?

Treffen Sie klare Vereinbarungen bezüglich des Kontakthaltens, an die sich dann sowohl Eltern als auch Jugendliche halten sollten. Ob ein tägliches SMS, eine WhatsApp-Nachricht, ein wöchentlicher Anruf oder bestimmte Skype-Zeiten handeln Sie am besten gemeinsam aus. Speichern Sie am Handy unter ICE (In Case of Emergency) Ihre Handynummer ein. Achtung immer mit der österreichischen Ländervorwahl 0043. Auch die europäische Notfallnummer 112 ist sinnvoll einzuspeichern.

Was ist mit Notfällen?

Besprechen Sie mit Ihrem Kind etwaige Not- und Zwischenfälle im Voraus. So ungern man daran denken möchte, diverse Probleme können auf Reisen auftauchen: Der Pass, das Geld oder das Handy könnte gestohlen werden, der Flug könnte Verspätung haben oder gestrichen werden, oder man könnte erkranken. Um für den Fall, dass tatsächlich etwas passiert, vorbereitet zu sein, empfiehlt es sich daher, diverse Situationen durchzusprechen.

Für den Krankheitsfall sollte Ihr Nachwuchs immer die E-Card dabei haben.  Außerhalb der EU ist es vorteilhaft, eine Reisekrankenversicherung abzuschließen. Auch medizinische Daten wie etwa diverse Allergien, die Blutgruppe, oder der Hinweis, dass Ihr Kind Diabetiker ist oder zu Epilepsie neigt, sollten sicherheitshalber auf einem Zettel vermerkt werden.

Damit Ihr Kind zusätzlich abgesichert ist, sollten Sie ihm eine Kopie Ihres Ausweises (Reisepass, Personalausweis, etc.) mit Ihrer Unterschrift mitgeben. Ihr Kind sollte ausreichend Geld mithaben, eventuell auch zusätzliches Geld für mögliche Notfälle.

Bei Konflikten: Rat auf Draht ist auch in den Sommermonaten unter der Nummer 147 rund um die Uhr aus ganz Österreich oder schriftlich via Online und Chat Beratung erreichbar.