Leben
14.02.2018

Wenn Asche und Amor zusammenkommen

Der Valentinstag fällt äußerst selten mit dem Aschermittwoch zusammen - zuletzt vor 73 Jahren.

Es passt auf den ersten Blick so gar nicht zusammen. Im linken Eck Blumen und Pralinen, gespickt mit dem Traum von lebenslangem Liebesglück; im rechten Eck der Aufruf zu Enthaltsamkeit sowie die Erinnerung, dass alles vergänglich ist. Wenig verwunderlich also, dass Kirchenvertreter ob der ungewöhnlichen Terminkollision irritiert waren – und Gläubigen im Vorfeld rieten, ihre Liebe schon am Faschingdienstag zu zelebrieren. Christopher James, Theologe in den USA, begegnete der Ambivalenz via Twitter mit Galgenhumor: „Ich kann Mittwoch kaum erwarten. Ich werde jedem sagen: Du wirst geliebt und du wirst sterben.“

Vorverlegte "Segnung der Liebenden"

Auch Toni Faber, Dompfarrer zu St. Stephan, hat sich „etwas geärgert, als ich draufgekommen bin, dass Valentinstag und Aschermittwoch heuer zusammenfallen“. Völlerei am Fasttag sei tabu, auch im Sinne der (Nächsten-)Liebe; „über sexuelle Enthaltsamkeit gibt es jedoch keine Vorschrift“. Die traditionelle „Segnung der Liebenden“ im Stephansdom musste heuer erstmals den Aschenkreuzen weichen und wurde zwei Tage vorverlegt. Trotz Fasching kamen 200 Paare in den Dom, freut sich Faber.

Obgleich heute als Konsumfeiertag verschrien, hat auch der Tag der Liebenden einen kirchlichen Ursprung. Gedacht wird dem heiligen Valentin, Bischof von Terni: Er soll Verliebte gegen den Willen des Kaisers getraut haben und starb am 14. Februar 269 den Märtyrertod. Wie sich sich der romantische Gedanke mit der am Aschermittwoch präsenten Vergänglichkeit vereinbaren lässt? „Es erinnert uns daran, dass man jeden Tag an der Liebe arbeiten muss und nicht alles in unserer Hand liegt“, sagt Faber. „Die bescheidene Bitte um ewig währende Liebe birgt immer auch auch die Realität des Scheiterns.“

Liebesbrief vom Papst

Das Aufeinandertreffen der beiden Tage bleibt auch vom weltlichen Teil des Landes nicht unbemerkt: „Das ist in der Tat ungewöhnlich“, sagt Konstantin Filippou, Haubenkoch in Wien. „Der Ansturm in unseren beiden Restaurants ist heute enorm – womit der Valentinstag eindeutig Vorrang hat.“ Jedoch nimmt man Rücksicht auf verliebte Christen: „Wir konzentrieren uns auf Fisch und leichte Küche sowie auf Desserts mit wenig Zucker.“ Nur Schmetterlinge im Bauch sind schließlich auch zu wenig.Übrigens: Sollten Sie sich heute ein wenig einsam fühlen – ein Mann meldet sich sicher. Und zwar der Papst. Mit der Fastenzeit startet auch heuer wieder die kostenlose SMS-Aktion der katholischen Kirche, bei der Interessierte bis Ostern jeden Tag (außer Sonntag) päpstliche Gedanken aufs Handy erhalten. Wer mag: Einfach eine SMS mit „Papst“ an 0664/6606651.

Aschermittwoch: Beginn der Fastenzeit

Eines gleich vorweg: Ein Freispruch für die religiöse Fastenpflicht ist am heutigen Aschermittwoch von Kirchenseite nicht drinnen, daran ändert auch die Koexistenz mit dem Valentinstag nichts. „Der Fasttag steht über allem“, sagt Toni Faber, Dompfarrer zu St. Stephan in Wien.

Es spricht allerdings auch nichts dagegen, beide Anlässe ihrem Grundgedanken entsprechend zu begehen. „Warum setzen wir nicht einen Akt der Nächstenliebe und üben uns in Buße füreinander, als ein Zeichen unserer Liebe“, fragt etwa Kardinal Timothy M. Dolan, Erzbischof von New York in der New York Times.

Toni Faber sieht es so: „Der Aschermittwoch soll uns sagen: Unser Leben ist nur begrenzt. Zu Beginn der Fastenzeit kann man sich also sprichwörtlich Asche übers Haupt streuen, indem man innehält und dankbar auf das eigene Leben und das seiner Mitmenschen schaut.“

Buße

Dies und der Gedanke der Buße stehen schließlich hinter dem Aschenkreuz, das auf die Stirn gezeichnet wird. Dieser Ritus wurde von Papst Urban II. bereits 1091 für alle Gläubigen vorgeschrieben. Schon in der Antike galt Asche als Zeichen für Vergänglichkeit. Sie steht aber ebenso für Trauer – und Reinigung. Als Asche dienen übrigens die verbrannten Palmzweige des Vorjahrs. Auch sie gehen den Weg von allem Vergänglichen.

Der Beginn der 40-tägigen Buß- und Fastenzeit (die Sonntage sind ausgenommen) gilt als Vorbereitung auf Ostern, das höchste Fest im Kirchenjahr. Wobei wir wieder beim Fasten wären. „Wenn man sich bewusst zurücknehmen kann, kann man auch besser genießen“, sagt Faber.

Fasten ist ja relativ und Auslegungssache – von strengen Varianten ohne feste Nahrung über fleischlose Gemüsegerichte bis „weniger ist mehr“ ist vieles möglich. Kardinal Joseph W. Tobin, Erzbischof von Newark im US-Bundesstaat New Jersey, geht das Dilemma pragmatisch an: „Bringen Sie Ihren Schwarm an einen Ort mit kleinen Tellern.“ Auf den Heringsschmaus muss man so gesehen nicht verzichten.

Heringsschmaus

Das tun die Österreicher traditionell ohnehin nicht. „Zu Beginn der Fastenzeit steigt der Fischumsatz um 50 Prozent an“, heißt es bei der Wirtschaftskammer. Besonders beliebt: Lachs und Kabeljau. „Danach kommen die Fische aus den heimischen Seen, Zander, Seesaibling und natürlich die Forelle“, sagt Georg Gutfleisch, Fischhandelsobmann. Und auch Toni Faber hat seinen persönlichen Modus für den Aschermittwoch gefunden. „Ich halte sechs Gottesdienste und faste den ganzen Tag über. Abends bin ich selbst zum Heringsschmaus eingeladen. Ich versuche dabei den Grundgedanken des Aschermittwochs aufzunehmen und den Menschen dankbar zu begegnen.“