An ihrem Arbeitsplatz wird die Alleinerzieherin von Gästen und Chefs geschätzt.

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Leben
12/31/2018

Alleinerzieherin holte Schulabschluss nach und begann Ausbildung

Neubeginn, Teil 3: Selda Kocaman hat in Wien mehr als nur ein Mal neu begonnen.

von Uwe Mauch

Irgendwo neu beginnen – das ist für die 31-jährige Frau mit familiären Wurzeln im Südosten der Türkei nicht neu. Ihr Umzug ist für sie somit Routinesache. Zum Jahresbeginn soll es so weit sein, freut sich Selda Kocaman: „Ich ziehe mit meiner Tochter in eine größere Wohnung, aber im selben Bezirk.“

Kocaman arbeitet als Servicekraft im „Habibi & Hawara“, einem der bestens bewerteten Gastronomiebetriebe in der Wiener Innenstadt. Auch hier hat sie neu begonnen. Das war heuer zu Jahresbeginn. Heute wird die Mutter einer elfjährigen Tochter von Gästen, Kollegen und nicht zuletzt von der Geschäftsführung gleichermaßen gelobt.

„Ein bisschen Raum“

Neu beginnen musste Selda Kocaman auch nach ihrer Scheidung vor sechs Jahren, über die sie nur so viel sagen möchte: „Jeder braucht ein bisschen Raum, um sich entfalten zu können. Ich wollte auf keinen Fall eine unglückliche Mutter sein.“ Leicht hatte sie es nach der Scheidung nicht. Mit einem kleinen Kind am Arm, keiner Unterkunft und keinem gesicherten Einkommen, mit Migrationshintergrund, zwar viel Verständnis von ihrer Familie, aber Ablehnung in einer Community, in der es nicht vorgesehen ist, dass Frauen in einer Beziehung die Initiative ergreifen.

Fit für den Arbeitsmarkt

Die junge Geschiedene ist dennoch ihren Weg gegangen. Das einzige, was sie heute nicht möchte, ist ihr Lächeln öffentlich zu machen. Sie hat nachvollziehbare Gründe dafür. Ihre Geschichte ist aber auch ohne ein Lächeln in die Kamera stark.

Obwohl sie in der Türkei die Pflichtschule mit Erfolg beendet hat, hat die Alleinerzieherin in Wien den Hauptschulabschluss und die neunte Schulstufe nachgeholt, ehe sie sich fit für den Arbeitsmarkt fühlte.

Beeindruckend und stark

„Sie ist eine beeindruckende, eine starke Frau“, erklärt Doris Fenz, Beraterin beim Verein zur Förderung von Arbeit und Beschäftigung. Fenz hat die Lernwillige ein halbes Jahr betreut. Ihr Credo: „Mir war wichtig, dass sie in einem wertschätzenden Arbeitsumfeld die Chance bekommt, zu wachsen und ihr hohes Potenzial auszuschöpfen.“ Was mit der Anstellung im „Habibi & Hawara“ gelungen ist.

Vertrauen

Noch etwas sagt Doris Fenz: „Ich habe sie sehr gerne begleitet und bin stolz und froh, dass sie es geschafft hat.“ Ihre Chefin betont wiederum: „Wir haben eigentlich schon am ersten Tag ihres Probemonats gesehen, wie akribisch, gewissenhaft und verlässlich sie arbeitet. Das war Vertrauen auf den ersten Blick.“

Und was rät die derart gut Bewertete punkto Neubeginn? „Wenn man etwas will, sollte man es tun. Man muss allerdings auch stark sein, weil es Widerstände geben kann.“ Sie bedankt sich am Ende bei allen, die ihr bei ihrem Neustart geholfen haben. Bei wem eigentlich am meisten? „Bei meiner Tochter. Meine Tochter macht mir Mut.“