250 Jahre Praterkasperl: Ein Wiener Kulturerbe

Original Wiener Praterkasperl
Foto: KURIER/Franz Gruber Hände hoch! Die beiden Puppenspieler üben ein anstrengendes Handwerk aus

Die Puppenspieler Thomas Ettl und Elis Veit halten das alte "Wurstel Theater" am Leben.


Der Kasperl und das Krokodil kosten Kraft – Kraft in der Armmuskulatur. Minutenlang hält der Puppenspieler zwei Identitätsstifter einer klassischen österreichischen Kindheit über seinen Kopf: In seiner Linken das Krokodil, in seiner Rechten den Kasperl. Und weil das beim "Original Wiener Praterkasperl" so Tradition ist, und von den Kindern heute wie damals heftig akklamiert wird, muss er dem Krokodil mit seiner Rechten bzw. dem Pracker vom Kasperl öfters eine drüberziehen.

Vergessener Kasperl

Apropos Tradition: Die Prater Wien GmbH feiert heuer das 250-jährige Bestehen des Praters. Rund um dieses Jubiläum will man die Kassen klingeln lassen. Einer wesentlichen Figur, dem Namensvetter des Wurstelpraters, ist dabei maximal eine Nebenrolle zugedacht. Dabei spielte der Kasperl im "Wurstel Theater" für Generationen von Kindern die Hauptrolle.

Original Wiener Praterkasperl Foto: KURIER/Franz Gruber "Wir sind hier das letzte Kasperltheater im Prater", betont Thomas Ettl, der dem Kasperl und dem Krokodil seine Arme und seine Stimme verleiht. Vor der sonntäglichen Vorstellung gewährt er uns einen Blick hinter die Kulissen. Eine halbe Stunde vor der Vorstellung kommt Leben in das charmant eingerichtete Puppentheater am Wurstelplatz 1, nur wenige Schritte vom Schweizerhaus entfernt. Da öffnet der Puppenspieler die Eingangstür. Er kommt damit jenen Kindern entgegen, die mit großer Erwartung ihre Nasen an der Glastür plattdrücken.

Original Wiener Praterkasperl Foto: KURIER/Franz Gruber Er selbst nimmt an der Kassa Platz. Der Eintrittspreis zu einer Kasperl-Vorstellung wird jährlich an den inoffiziellen Index der Prater-Inflation angepasst. Und folgt damit einer ebenfalls charmanten Idee: "Wir richten uns nach dem aktuellen Krügerl-Preis im benachbarten Schweizerhaus."

Original Wiener Praterkasperl Foto: KURIER/Franz Gruber Der beträgt derzeit wohlfeile 4,30 Euro. Allmählich füllt sich das kleine Kasperltheater mit seinen 66 kommissionierten Sitzplätzen. Es treten ein: Groß und Klein, Kinder, Eltern, Großeltern. Das Publikum ist – geschätzt – zwischen zwei und 90 Jahre jung.

Punkt 15 Uhr verschließt der Mann an der Kassa die Kassa und die Eingangstür – und eilt zu seiner Kollegin hinter der Bühne. Teurer Spaß! Lautet der Titel der heutigen Vorstellung. Er könnte auch anders lauten. Denn der Kasperl ist generationenübergreifend eine Identifikations- und Integrationsfigur. Wenn die Arme der Puppenspieler in die Höhe gehen, leuchten unzählige Kinderaugen im Dunklen.

Original Wiener Praterkasperl Foto: KURIER/Franz Gruber Thomas Ettl hat alles im Griff. Kasperl, Krokodil und seine Stimme, die via Lautsprecher zum Publikum dringt. Er hat sein Handwerk von einem Doyen der Wiener Puppenspiel-Szene gelernt, von Klaus Behrend im Theater der Jugend. Mit dem Puppenspiel hat er sich seinerzeit sein Studium der Publizistik- und Theaterwissenschaft finanziert. Er spielte nicht nur im Theater der Jugend, sondern auch für den Kasperl im Fernsehen und historische Aufführungen im Theatermuseum. Zuletzt mimte er im Rabenhof große Kasperln, sozialdemokratische Realkasperln. Für die Stimmakrobaten der Kabaretttruppe "maschek" ließ er die Genossen Faymann und Gusenbauer eher alt aussehen.

Das Schöne an seiner Arbeit beschreibt der Puppenspieler so: "Würden wir die Kinder fadisieren, würden sie einfach aufstehen und gehen. Das kommt bei uns aber nicht vor."

Den Teufel umzingeln

Original Wiener Praterkasperl Foto: KURIER/Franz Gruber Ganz im Gegenteil: Wenn sich das Krokodil von hinten anschleicht oder der Teufel aus einem Hinterhalt agieren will, reagiert die heutige Generation "Unter 10" wie alle vorangegangenen Generationen: Die Kinder warnen ihren Helden mit lautstarken "Kasperl! Kasperl!"-Zwischenrufen. Manch ein Aufgeregter erteilt sogar gut gemeinte Ratschläge: "Kasperl, du musst den Teufel umzingeln!" Doch auch für die Erwachsenen hat der Kasperl immer ein Bonmot parat. Auf die Frage seiner Mitstreiter, wie er denn mit dem bösen Krokodil verfahren ist, antwortet er in der Manier eines schlitzohrigen Außenministers: "Ich hab’s integriert."

Original Wiener Praterkasperl Foto: KURIER/Franz Gruber Schön ist auch, dass Thomas Ettl und seine kongeniale Partnerin Elis Veit im Prater ein Stück Alt-Wien am Leben erhalten. Denn um das letzte "Wurstel Theater" kreisten bereits die Abbruchgeier. Der Wiener Praterkasperl war damals, im Jahr 1993, klinisch so gut wie tot. Beide erinnert diese Figur an ihre Kindheit. Als es noch keine Smartphones gab, keine Computer, noch nicht einmal einen Fernseher in jedem Haushalt. Der Kasperl eröffnete einer ganzen Generation ein neues Medium. Mittwoch, 17 Uhr, war lange Zeit ihr einziger Pflichttermin. Mehr hatte der Österreichische Rundfunk für Kinder nicht zu bieten. Der Konsum von bewegten Bildern war damals auch noch mehr eine Gemeinschaftserfahrung. Acht, neun Kinder vor einem Schwarz-Weiß-TV-Gerät waren keine Seltenheit.

Original Wiener Praterkasperl Foto: KURIER/Franz Gruber Elis Veit hat ihre Künste von einem anderen Doyen der Wiener Puppenspieler gelernt, von Professor Hans Kraus in der Urania. "Eigentlich habe ich ihn gefragt, ob er mir zeigt, wie man Puppen baut. Doch da hat er gemeint, dass man nur dann Puppen bauen kann, wenn man mit den Puppen auch spielen kann."

Potemkin’sches Dorf

Am Ende behält natürlich das Gute die Oberhand: der Kasperl und seine Kollegen. Auch heute. Und die Kinder dürfen den Guten die Hand schütteln.

Original Wiener Praterkasperl Foto: KURIER/Franz Gruber Happy End? Auf dem Nachhauseweg geht es über den Prater-Platz beim Riesenrad. Die kitschige Szenerie wurde mit den Millionen von Wiener Steuerzahlern hochgezogen und hat den Charme eines Potemkin’schen Dorfs. Die Stadt Wien: ein Kasperltheater für Erwachsene. Mit dem großen Unterschied, dass deren Welt anders funktioniert als die vom Praterkasperl. Selten gewinnen die Guten.

Mehr über den Praterkasperl hier.

Hilfsprojekt

Als der Wiener Kasperl die Kinder in Kenia begeisterte

Eigentlich flog er nach Kenia, um dort für einen Marathonlauf zu trainieren. In der Hochebene von Kiambogo sind die Bedingungen für Langstreckenläufer ideal. Die Luft ist  auf 2400 Meter Seehöhe dünn, die Bergregion sauerstoffreich und autoarm. Nach dem Training besuchte der Wiener Puppenspieler Thomas Ettl auch einen Kindergarten, in dem er vor allem auf Voll- und Halbwaisenkinder traf.

Die Schule wird vom Lauf- und Hilfsprojekt Run2gether tatkräftig unterstützt. Diese Initiative geht auf eine langjährige Partnerschaft des  Turnvereins Fürstenfeld und des kenianischen Vereins Bushtrekkers zurück. 2007 kamen erstmals kenianische Läufer nach Österreich, während österreichische Läufer nach Kenia reisten. Man lebt zusammen, läuft zusammen und gewinnt vor allem tiefe Einblicke in das alltägliche Leben der jeweils anderen Kultur.

Der Puppenspieler und passionierte Läufer Thomas Ettl war Anfang des Jahres zum ersten Mal in Kiambogo. Die Abgelegenheit und Schönheit der Region haben ihn beeindruckt, die Armut der Menschen, vor allem jene der Kinder, hat ihn berührt. Neben seinen Laufschuhen hatte er auch zwei leichte Handpuppen mit im Gepäck. Als informelle Botschafter des Wiener Wurstelpraters dienten ihm die beiden Lieblingsgegenspieler Kasperl und Krokodil.

Thomas Ettl Puppenspieler Kenia… Foto: Privat „Die Kinder in Kenia haben so etwas noch nie gesehen“, erzählt der Wiener. „Der Kasperl hat sie begeistert, vor dem Krokodil hatten sie Respekt.“ Weil  auch in der weit abgelegenen Gegend von Kiambogo das Prinzip Kasperl funktioniert und die jungen Menschen in der Sekunde Zeit und Raum vergessen haben, um in die Welt der Puppen einzutauchen, hat Ettl nun einen großen Plan: „Ich möchte nach Kenia zurückkehren, dann aber mit unserer großen mobilen Bühne und einem zweiten Darsteller, damit wir in der Schule vor mehr Kindern spielen können.“ Dafür benötigt er Menschen, die für diese Mission spenden. Darüber hinaus hofft Thomas Ettl, dass Run2gether in Österreich bekannter wird.

Mehr über Run2gether hier.

(Kurier) Erstellt am
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