Leben
11.11.2018

100 plus: Diese Menschen sind älter als die Republik

Erinnerungen: In Österreich leben 1000 Menschen, die über 100 Jahre alt sind. Drei von ihnen erzählen hier.

Margarete Zidar, 104

Erinnerungen einer Schaffnerin, die zur Abteilungsleiterin aufstieg

Sie war auch einmal in Amerika. Sagt Margarete Zidar vor dem bevorstehenden 100. Geburtstag der Republik. „Aber die österreichische Staatsbürgerschaft würde ich nie im Leben hergeben.“ Stichwort Geburtstag: Ihr selbst steht im Mai bereits der 105. bevor.

Seit wenigen Monaten wohnt Frau Zidar im Pflege-Hospiz der Caritas Socialis am Wiener Rennweg. Sie zuckt mit ihren Schultern, dann meint sie: „Was willst’ machen? Mein Gehirn taugt noch, aber mein Körper kann nimmer. Schön ist sowas nicht, aber das ist halt der Lauf des Lebens.“

Schön sei dafür die gute Betreuung im Wohnbereich „Heumarkt“, den sie mit 30 anderen Senioren teilt: „Alle sind hier extra lieb zu mir. Ich glaube, die haben Respekt vor meinem Alter.“

Die Zeitzeugin wurde vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs geboren. Sie war zwölf, als ihre Mutter starb, die Erste Republik allmählich auf einen Bürgerkrieg zusteuerte und sie zu Pflegeeltern in Meidling kam. Dort dürfte sie die glücklichsten Jahre ihrer Kindheit verbracht haben, wie Tochter Christa bestätigt. Margarete Zidar sagt es so: „Ich bin gerne in die Bürgerschule gegangen. Wir hatten gute, aber sehr strenge Lehrer. Als ich zwei Tage wegen Krankheit nicht in die Schule gehen durfte, habe ich geweint.“ Nach der Schule hat die Wienerin ihren Mädchentraum zum Beruf gemacht: „Ich habe immer sehr gerne genäht.“

Trümmerfrau mit 31

Zur NS-Zeit hat sie kaum Erinnerungen. Ihre Tochter erzählt, dass sie 1944 von einem deutschen Soldaten ein Kind bekommen hat, und dass dieser wenige Wochen später an der Front ums Leben kam. Da setzt auch die Erzählung der Zeitzeugin wieder ein: „Die Geburt meiner Tochter war der schönste Moment in meinem Leben. Man war damals jung, man musste einfach weiter leben.“ Um sich und ihr Kind über die Runden zu bringen, ersetzte sie als Schaffnerin auf der Linie 61 jene Männer, die an die Front beordert worden waren.

Die Wiedergeburt Österreichs im April 1945 verbindet die Kriegswitwe mit einem traumatischen Erlebnis. Man habe ihr versichert, dass das Haus im zweiten Bezirk, in dem sie bis knapp vor Kriegsende gewohnt hatte, nicht bombardiert wurde. Doch bei der Rückkehr stand sie mit ihrer Tochter im Kinderwagen buchstäblich vor dem Nichts. Wie so viele musste sie noch einmal bei null beginnen. In einer Textilfabrik im 5. Bezirk arbeitete sich die angelernte Schneiderin zur Abteilungsleiterin hoch.

Geheiratet hat sie auch noch einmal: „Mein armer Mann, ich habe leidenschaftlich gerne gearbeitet und ihm am Abend alles von meiner Arbeit erzählt.“ Lange vor den Frauenprotesten 1968 hat sie ihm klar gemacht, dass er sich auch um die Kindererziehung kümmern müsse. Mit Erfolg? „Ja, ich darf sagen, er war ein braver Mann.“

Wolfgang Herbst, 101

Erinnerungen an eine Soldaten- und Beamtenkarriere

Kurz lässt er an diesem Vormittag von seinem Kaffeehäferl ab, um den Leuten von der Zeitung diese eine, diese geniale Antwort zu geben. Auf die Frage, wie es ihm geht, erklärt Wolfgang Herbst wahrheitsgemäß: „Es könnte besser gehen.“ Danach widmet er sich wieder seinem geliebten Frühstückskaffee.

Seine Antwort ist nicht nur wahrheitsgemäß (seit seinem 100. Geburtstag spricht er nur mehr sehr wenig), sie lässt auch Raum für Interpretation. Vielleicht wollte er auch sagen: „Was für eine Frage, sehen Sie nicht, wie es mir geht?“

Seine Lieblingspflegerin im Haus Hetzendorf, einer Einrichtung des Kuratoriums Wiener Pensionisten-Wohnhäuser, beendet das Schweigen. Indem sie auf sein Hemd aufmerksam macht. Herr Herbst trägt heute ein schönes blaues Hemd. Und sie erzählt, dass der Bewohner auf der Station Orchidee noch immer Wert auf ein gepflegtes Äußeres lege.

Dies kann Sohn Helmuth, Jahrgang 1940, nur bestätigen. Sein Vater hat nach 1945 eine schöne Beamtenkarriere im Kontrollamt der Stadt Wien hingelegt, die ihn als Oberamtsrat in Pension gehen ließ; „Zuhause war mein Vater eher leger gekleidet, aber als Beamter musste er schon etwas repräsentieren.“

Diener dreier Staaten

Sein Vater hat in drei verschiedenen Staaten gedient: nach der Matura im Jahr 1935 in der Goethe-Realschule in der Astgasse wurde der Jüngste von drei Brüdern Soldat im „Ständestaat“, in erster Linie deshalb, weil es beim Heer zumindest ein Mal pro Tag eine warme Mahlzeit gab. Nach dem „Anschluss“ im März 1938 musste er die Uniform wechseln. Als Ausbildner in der Deutschen Wehrmacht arbeitete er bis zum Kriegsende für die Luftwaffe. Bevor die Amerikaner am 11. April 1945 die bayrische Stadt Schweinfurt einnehmen konnten, hat Wolfgang Herbst jene Barackensiedlung in Brand gesteckt, die zuvor für Schulungszwecke gedient hatte.

Die Rückkehr nach Wien über München war anstrengend und dauerte mehrere Monate. Kann sich sein Sohn noch dunkel erinnern. In Wien konnte die Familie das Reihenhaus am Küniglberg wieder beziehen. Und der Soldat wurde Gemeindebediensteter, zunächst im 24. Bezirk (Mödling), der im Jahr 1954 aufgelöst und dem Land Niederösterreich zugesprochen wurde.

Vor acht Jahren zog der Zeitzeuge mit seiner Frau Maria hier im Seniorenwohnheim ein. In ein Doppelzimmer. Nur zwei Jahre später bezog er ein Einzelzimmer. Ist in der Stationsleitung dokumentiert. Weil seine geliebte Frau und sorgsame Mutter seines Sohns und seiner Tochter verstorben war. Er bittet jetzt um eine zweite Tasse Kaffee. Kaffee ist seine letzte große Leidenschaft. Dabei wird auch der Schelm in seinem Gesicht wieder sichtbar. Wie sagte er doch genau auf den Punkt gebracht? „Es könnte besser gehen.“

Ludmilla Niehser, 100

Erinnerungen an die jüdischen Obsthändler in der Löwengasse

Es muss Ende 1944 gewesen sein. Erinnert sich Ludmilla Niehser. Sie war damals 26 Jahre alt, heute ist sie 100, um ein paar Tage älter als die Republik. „Mein Bruder sollte eingezogen werden, deshalb bin ich mit dem Zug von unserem Dorf nach Krems gefahren, um dort darauf aufmerksam zu machen, dass mein Bruder beim Arbeitsdienst bei uns dringend gebraucht wird.“

Der Obersturmbannführer habe ihr energisch widersprochen. Die darauf folgende Panik in seinen Augen hat sie allerdings bis heute nicht vergessen. „Plötzlich hörten wir die Flugzeuge der Alliierten näher kommen.“ Sie bat den strammen Nazi noch einmal, ihren jüngeren Bruder nicht an die Front zu schicken. Ludmilla Niehser lächelt jetzt: „Doch er hatte da keinen Kopf mehr für mich. Er hatte offensichtlich mehr Angst als ich.“ Am Ende deutete er, dass sie schnell gehen solle, auf ihren Bruder vergaß er dabei.

Die Zeitzeugin sitzt auf der Couch ihres picobello aufgeräumten Wohnzimmers. Seit Langem wohnt sie in der Wiener Innenstadt, nicht weit entfernt vom Donaukanal. Bis vor ihrem folgenschweren Sturz vor drei Jahren hat sie noch selbst die Fenster geputzt. Und für ihren Neffen ging sie zur Post. Immer war sie für ihre Angehörigen da. Doch nach dem Oberschenkelhalsbruch ist sie froh, dass ihr in der Früh und am Abend eine Heimhilfe der Caritas unter die Arme greift. Und dass sie der Neffe nun fast täglich zu Mittag mit frischem Essen versorgt.

Eine glückliche Fügung

Die Hundertjährige bringt heute nicht mehr allzu viel Gewicht auf die Waage. Alt werden, sagt sie  offen, sei nicht nur schön: „Ich wollte nie hundert werden.“ Dieser Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Angesprochen auf den Hunderter der Republik, sagt sie: „Ich bin dankbar, dass ich in Österreich leben darf. Dass man in der Politik über so viele Kleinigkeiten streitet, verstehe ich nicht, muss ich vielleicht auch nicht mehr verstehen. Denn ich bin in einem anderen Jahrhundert geboren.“

Dennoch sei Österreich für sie eine glückliche Fügung: „Es soll uns nicht schlechter gehen. Gut, wir haben im Krieg viel Leid erlebt. Mein braver Mann wurde im Krieg mehrfach verwundet. Aber ist es nicht schrecklich, wenn Menschen heute ihre Heimat verlassen müssen?“

Gerne erinnert sie sich an jene jüdische Familie, die in der Zwischenkriegszeit in der Löwengasse ein Obstgeschäft geführt und sie beschäftigt hat: „Die Arbeit war hart, aber die Leute waren sehr nett. Sie haben mir immer etwas zugesteckt, damit ich es meiner Familie nach Hause schicken konnte. Und das Porto für die Post haben sie auch noch bezahlt.“ Die Nazischergen haben die Obsthändler vertrieben. Umso wichtiger wäre es heute, die Demokratie mehr zu schätzen. Fordert die Frau, die noch in der Monarchie geboren wurde, ihre besten Jahre in der Diktatur zubringen musste und auch erfahren hat, wie einem der Hunger wehtun kann.

In diesem Kontext fallen ihr auch die Worte ihres Vaters ein, die sie im 38er-Jahre von ihm gehört hat: „Mein Haus betritt kein Nazi.“