Neue Konzepte werfen viele Fragen auf: Darf bei Auto-Rock-Shows Alkohol ausgeschenkt werden?  Wie teuer müssen Tickets  sein, dass sich   so ein Aufwand rechnet?  

© EPA/Zsolt Czegledi

Kultur
06/19/2020

Zukunft der Liveshows: Fünf Jahre in Auto und Sessel rocken

Szene-Insider sehen eine baldige Rückkehr zur Normalität pessimistisch und arbeiten an Alternativen.

von Brigitte Schokarth

„Micrashell“ ist eine Art Raumanzug – um den Kopf herum aus durchsichtigem Plastik, mit Ventilation zum Atmen, Filtern gegen Viren und der Möglichkeit zu trinken. Der „Production Club“ in Los Angeles hat ihn entworfen, damit man auch in Corona-Zeiten gefahrlos auf Rockkonzerte gehen kann.

Noch ist „Micrashell“ nur ein Konzept. Aber egal, ob der Anzug je produziert wird oder nicht, er zeigt die Verzweiflung, die sich in der Branche breitmacht. Die Politiker wollen – mit den Vorfällen von Ischgl im Kopf – vor allem abwarten, wie sich die Infektionszahlen entwickeln. Die Musiker wollen auftreten, die Veranstalter Konzerte organisieren und die Fans wieder das echte Erlebnis, die euphorisierende Wirkung und das Gänsehautkribbeln eines großartigen Konzertes genießen dürfen.

Um das wieder möglich zu machen, gibt es Versuche, Rockshows für ein in Vierergruppen in Plexiglas-Kuben sitzendes Publikum zu spielen. Am Eingang wird Fieber gemessen, man muss sich die Hände desinfizieren, in den Gängen Masken tragen und auf den Toiletten sind nur zehn Leute gleichzeitig zugelassen. Die Frage ist aber, ob sich das rechnet, wenn große Veranstaltungsorte so nur zu 50 bis 60 Prozent ausgelastet werden können.

Kostenintensiv

Deshalb gibt es auch Bestrebungen, Rockshows in Autokinos, oder – wie in einem Autokino – auf Parkplätzen etwa vor Einkaufszentren abzuhalten. Aber da dürfte man keinen Alkohol ausschenken, müsste kontrollieren, dass niemand ihn selbst mitbringt. Das wiederum ist personal- und somit kostenintensiv.

Nicht nur deshalb ist Brian Zisk, einer der ersten, die in Plattformen für Live-Streaming investiert haben, pessimistisch, was die nähere Zukunft von Liveshows betrifft: „So etwas wie das Coachella-Festival, wo rund 120.000 Fans zusammenkommen, wird erst in fünf Jahren wieder möglich sein“, erklärte er auf der „#140Conference“ zur Zukunft des Musikbusiness. „Einen Impfstoff zu entwickeln, dauert 18 Monate. Bis das Virus dadurch ausgerottet ist, braucht es aber auch noch Zeit. Außerdem schätze ich, dass in den USA 90 Prozent aller Veranstaltungsorte zusperren werden. Schon jetzt sind 90 Prozent meiner Freunde im Live-Business arbeitslos.“

Zisk hat bei seinen Streaming-Plattformen in der Corona-Zeit zehnmal mehr Aufführungen verzeichnet und glaubt, dass sich Konzerte auch langfristig nach Aufhebung aller Beschränkungen mehr ins Netz verlagern werden.

Gewehrt

„Fans, die sich vorher gegen Live-Streams gewehrt haben, weil sie sagten, das ist nicht dasselbe, haben sich jetzt darauf verlegt, weil es keine andere Möglichkeit gab. Genauso die Künstler: Melissa Etheridge, die das nie wollte, streamt aus ihrem Zimmer.“

Die Gefahr, die der kanadische Singer/Songwriter Peter Katz sieht, der normal 200 Konzerte im Jahr spielt, ist die fehlende Qualität: „Es hat mich sehr schnell genervt, wie schlecht die Wohnzimmershows meiner Kollegen geklungen und ausgesehen haben“, sagt er. „Deshalb habe ich – obwohl mir 100 Prozent der Einnahmen weggebrochen sind – in die Qualität meines Studios investiert. Ich hatte noch 2.000 Dollar. Die habe ich für eine Kamera, bessere Kabel und Zusatz-Ausrüstung für den Computer ausgegeben. Und es hat sich gelohnt: Damit habe ich große Nachfrage nach meinen Heim-Shows kreiert.“

Katz spielt sie auf Zoom, verkauft einem Fan, der der Host ist und seine Freunde dazu einlädt, dieses Meeting. „Das ist schön, weil die Leute nach einem Song ihre Mikrofone einschalten und applaudieren können. Ich sehe im Chat, wenn sie schreiben: ,Der Song erinnert mich an meine verstorbene Mama!’ Da erfahre ich mehr über mein Publikum, als in einem normalen Konzert.“

Der Heilige Gral

Adam Metzger, einer der drei Brüder des Trios AJR, ist aber sicher, dass das die Magie einer Liveshow, wenn Fans und Band in einem Raum gemeinsam die Songs zelebrieren, nicht ersetzen kann: „Wir haben schon vor Corona Live-Stream-Shows gespielt, aber diese Energie war dabei definitiv nicht zu spüren“, sagt der 40-Jährige, der für die Sommertour seiner Band wegen Corona 200.000 Karten zurückgeben musste. „Herauszufinden, wie man das bei Streaming-Shows spürbar machen kann, ist der Heilige Gral dieses Business. Ich weiß nicht, ob das je gelingen kann. Aber das wird entscheiden, ob Streaming eine ernst zu nehmende Industrie mit Studios, Bühnen, professionellen Kameras, Licht- und Sound-Anlagen werden wird. Und damit, ob es eine echte Alternative sein kann.“

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