Kultur | Zugabe
22.06.2018

„Wir tun Alles für ein neues Publikum“

Peter Gelb, Chef der Metropolitan Opera in New York, über Besucherzahlen, Kinoübertragungen und James Levine.

Der Direktor des größten Opernhauses der Welt  im exklusiven Interview.

Es gibt Wochenenden, da hat die Metropolitan Opera New York mehr österreichische Zuseher als alle Wiener Opernhäuser zusammen: Durch die HD-Übertragungen in Kinos, die gerade im deutschsprachigen Raum ein riesiger Erfolg sind. Die MET, wie das gigantische Theater am Lincoln Center von Opernliebhabern genannt wird, ist aber nicht nur damit internationaler Vorreiter. Sie kämpft, intensiver als jedes andere Opernhaus, um neues Publikum. Das muss sie in einer Zeit, in der Opernbesuche für junge Menschen zur Ausnahme zählen, auch. Seit zwölf Jahren steht Peter Gelb an der Spitze des größten Opernhauses der Welt mit 3800 Plätzen. „Manchmal wünsche ich mir, ich hätte die MET vor 30 Jahren geleitet. Das wäre viel leichter gewesen. Und vielleicht auch viel lustiger“, sagt er im KURIER-Interview.

KURIER: An Ihrem Haus debütieren immer wieder Superstars in großen Rollen, zuletzt etwa Anna Netrebko als Tosca. Wie kam es dazu, dass sie gemeinsam mit ihrem Mann Yusif Eyvazov sang. Gab es Druck?

Peter Gelb: Anna ist die beste Tosca, die ich je gehört habe. Und Yusif ist kurzfristig für Marcelo Álvarez eingesprungen. Ja, es gibt Sänger, die Druck machen. Aber Anna gehört definitiv nicht dazu. Yusif ist ein exzellenter Tenor. Er war zum Glück frei, ich hätte ihn auch ohne sie engagiert. Kommende Saison etwa wird er bei uns abwechselnd mit Jonas Kaufmann in „La fanciulla del West“ singen.

Die „Tosca“ in der Regie von David McVicar ist sehr konservativ. Die New York Times schrieb von einer Konzession ans Publikum.

Es ist absolut wahr, dass ich bei neuen Produktionen auch die Besucher im Kopf habe. Aber daran ist nichts Schlechtes. Wenn man ein Theater leitet, das die Unterstützung des Publikums so sehr braucht, muss man ganz stark daran denken. David McVicars „Tosca“ hat die von Luc Bondy abgelöst – das war nicht Bondys beste Arbeit. Und die von Bondy hatte die Inszenierung von Zeffirelli abgelöst, die aus meiner Sicht kein Erfolg war. Manche Leute glauben ja, Zeffirelli hat die Oper erfunden – dabei war seine „Tosca“ nur ein Disneyland von Rom. Meine künstlerische Philosophie ist es, Regisseure zu engagieren, die Geschichten erzählen können, für die der narrative Aspekt wichtig ist. Wir brauchen neue Regisseure mit vergnüglichen Geschichten für ein neues Publikum.

Das Operngenre ist zurzeit definitiv in einem Wandel. Das Stagioneprinzip löst das Repertoiresystem immer stärker ab, viele Theater kämpfen heftig gegen sinkende Auslastungszahlen. Wie sieht Ihre Prognose für das Opernfach in zehn Jahren aus?

Ich wünschte, ich hätte eine Antwort darauf. Wir spüren gerade die Auswirkungen dessen, was in den vergangenen Jahrzehnten passiert ist. In diesem kulturellen Klima ist es sehr schwierig, neues Publikum zu finden. Aber das Wichtigste für die Zukunft ist, dass wir keinesfalls aufgeben. Wir müssen 24 Stunden am Tag für die Oper kämpfen.

Was ist passiert, das die Situation heute so schwierig macht?

Ich rede jetzt nicht von Wien oder von München. Diese beiden Städte leben in einer kleinen Blase. Aber überall anders, das hat mir auch Daniel Barenboim als Generalmusikdirektor in Berlin bestätigt, müssen die Opernhäuser ums Publikum vielleicht mehr kämpfen als je zuvor. Der Grund dafür sind die massiven kulturellen Veränderungen in der Gesellschaft. Und ein Manko an Kunsterziehung. In Amerika gibt es an den öffentlichen Schulen kaum noch Musikausbildung. Wir betreiben an der MET mehr Musikerziehung als jede andere Institution. 1966 zum Beispiel war Philip Glass, nach seiner Ausbildung an der Juilliard School, offizieller composer in residence für die öffentlichen Schulen in Pittsburgh – das das war sein erster Job, von der Regierung bezahlt. Das wäre heute undenkbar. Damals hat auch jedes Kind, das in den USA ein Instrument lernen wollte, gratis eines bekommen. Es gab große Begeisterung für Kunst. Heute ist leider das Gegenteil der Fall. Diese Entwicklung gibt es also schon lange. Nur hat sie niemand registriert, weil das Publikum noch da war. Jetzt drohen leider viele Abonnenten auszusterben.

Wie versuchen Sie dagegen zu steuern?

Wir tun alles, was wir können, um neues Publikum zu gewinnen. Aber es ist wahnsinnig schwierig, das alte zu ersetzen. Es gibt bei uns Aufführungen für Studenten mit vergünstigten Tickets, die werden von 25.000 bis 30.000 pro Jahr genützt. Wir bringen spezielle Vorstellungen in englischer Sprache, etwa von der „Zauberflöte“, in einer 100-Minuten-Fassung. Wir nützen die Kinoübertragungen auch als Musikerziehungsprogramm. Schulen in 32 amerikanischen Bezirken zeigen unsere Aufführungen. Wir holen dafür extra Lehrer nach New York und lehren sie, wie man Oper unterrichtet. Wir haben ein Abo-Service für MET-Streaming – für 14 Dollar pro Monat hat man Zugang zu allen HD-Übertragungen und historischen Radioübertragungen bis in die 1930er Jahre zurück. Wir arbeiten mit 135 Bibliotheken in den USA zusammen, wo theoretisch 2,2 Millionen Studenten Zugang zu unseren Übertragungen haben. Auch mit internationalen Universitäten wie etwa der Sorbonne in Paris gibt es Kooperationen. Wir haben ein eigenes 24-Stunden-Radio etcetera.

Es heißt, dass manche nicht mehr in die Oper gehen, seit es Kinoübertragungen gibt.

Das stimmt nicht. Wir beobachten unser Publikum ganz genau. Die Kinoabende sind ideal für unser älteres Publikum, das nicht mehr nach New York fahren würde. Dadurch haben wir die Zeitspanne, in der sich Menschen mit Oper beschäftigen, verlängert. Die Zahl der Besucher, die wegen der Übertragungen zu uns kommen, ist genauso hoch wie die von Menschen, die deshalb nicht mehr kommen. Insgesamt haben wir an jedem Kinoabend etwa 250.000 Kinobesucher, 30.000 davon im deutschen Sprachraum.

Wie hoch ist die MET-Auslastung? Zuletzt kursierten im Internet Fotos von Aufführungen mit vielen leeren Plätzen.

Im Schnitt 75 Prozent. Das sind bezahlte Karten, auch Ermäßigungen, aber keine Freikarten. Als die neue MET im Jahr 1966 unter dem Österreicher Rudolf Bing eröffnet wurde, war das große Problem, dass keine Karten zu bekommen waren, weil durch die Abonnenten alles ausverkauft war. Heute verlieren wir leider schon rein biologisch Publikum.

Sie bekommen mit Yannick Nézet-Séguin einen neuen Musikdirektor. Er ersetzt James Levine früher als geplant.

Nézet-Séguin ist einer der Gründe, warum ich optimistisch bin. Das Orchester liebt ihn, der Chor liebt ihn, er ist ein durch und durch ein ehrlicher Künstler, der seine Umgebung inspiriert. Er versteht auch die Rolle eines Musikdirektors in New York. Die besteht ja nicht nur darin zu dirigieren, er spielt auch eine große Rolle im öffentlichen Leben.

Levine wurde wegen Vorwürfen sexuellen Missbrauches entlassen. Es gab Kritik, die MET hätte zu spät reagiert. Ihr Kommentar?

Ich glaube nicht, dass wir zu spät reagiert haben. Es gab immer Gerüchte, aber nie etwas Konkretes. Erst als die #MeToo-Debatte ausbrach, wurde das zum Thema. Als es dann eine Beschwerde gab, habe ich sofort reagiert und ihn suspendiert. Wir leben in diesem Land in einer Gesellschaft, in der es keine Toleranz für sexuelle Belästigung geben darf. Keine Firma, keine Kulturinstitution darf das erlauben.

Peter Gelb ist Musikmanager, arbeitete bei Boston Symphony, für Vladimir Horowitz und – wie Bogdan Rošcic – als Chef bei Sony, ehe er 2006 die MET übernahm. Zu den Höhepunkten 2018/’19 zählen Neuproduktionen von Saint-Saëns „Samson et Dalila“, Verdis „Traviata“, Nico Muhlys „Marnie“ (nach Hitchcock), die Silvestergala von „Adriana Lecouvreur“ mit Netrebko und die Wiederaufnahme von Wagners „Ring“ in der Regie von Robert Lepage, der teuersten Opernproduktion aller Zeiten (mit Philippe Jordan am Pult).