Robert Stadlober spielt in der Serie "Das Boot" mit.

© © Nik Konietzny/Bavaria Fiction GmbH/Sky

Interview
09/20/2018

Robert Stadlober über "Das Boot", Berlin, Musik und den Begriff Heimat

Nach 105 Drehtagen liegt das Ergebnis vor: Die acht Folgen von „Das Boot“ sind so bedrückend wie gelungen. Robert Stadlober ist Teil der Serie, die im November exklusiv auf Sky zu sehen sein wird.

von Marco Weise

Robert Stadlober spielt einen von 40 jungen Männern, die 1942 in das U-Boot mit der Nummer 612 steigen und aus dem Hafen von La Rochelle auslaufen. Rückkehr: ungewiss. Besser gesagt: unwahrscheinlich. Denn 70 Prozent der deutschen U-Boote, die im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden, sind nach nur wenigen Feindfahrten versenkt worden. Ob den österreichischen Schauspieler mit Kärntner Wurzeln an Bord der U-612 ein ähnliches Schicksal ereilt, wird man Ende November sehen können. Denn da erfolgt der Startschuss der Sky-Serie „Das Boot“, in der Stadlober unter der Regie des österreichischen Regisseurs Andreas Prohaska („Das finstere Tal“) den Mann für alles spielt. Als Hindrich Laudrup verteilt der 36-Jährige einerseits Kondome, damit sich die Soldaten bei ihrer letzten Nacht an Land im Freudenhaus von La Rochelle keine Geschlechtskrankheit holen. Andererseits serviert er als Koch zur See den Offizieren Speis, Trank und den einen oder anderen passenden wie unpassenden Ratschlag. Wer dabei einen Robert Stadlober mit österreichischem Dialekt erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr „berlinert“ es.

Herr Stadlober, Sie hätten in der Serie „Das Boot“ ursprünglich einen österreichischen Soldaten mit Kärntner Dialekt spielen sollen. Warum wurde daraus nichts?
Robert Stadlober: Nachdem wir schon einen Bayern und einen Steirer an Bord der U-612 hatten, wäre ein Kärntner dem Publikum ab München aufwärts wohl nur noch schwer vermittelbar gewesen. Es geht dabei ja um die Kriegsmarine. Und dort gehen eher Leute hin, die einen gewissen Bezug zum Wasser haben, einen, der über den Ossiacher See hinaus geht (lacht). Übrigens gab es zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte, also nach dem Jahr 1938, keine österreichischen Soldaten mehr. Alles und jeder war Teil des Deutschen Reichs.

Wie war die Zusammenarbeit mit Regisseur Andreas Prohaska?
Spannend in dem Sinne, dass ich solche großen Produktionen gar nicht so gewohnt bin. Und es toll war zu sehen, wie Andreas Prohaska in dem ganzen technischen Irrsinn noch den Instinkt und das Gefühl für das Herz einer solchen Unternehmung behält, für die Schauspielerei.

Wie ist es, wenn man mit so vielen anderen Schauspielern auf so einem engen Raum dreht?
Grauenhaft. Aber der U-Boot-Krieg war auch grauenhaft. Darum war es wohl der Sache dienlich.

 

Was war bei den Dreharbeiten die größte Herausforderung?
Das wochenlange Zusammengesperrt sein auf engstem Raum. Und der Umstand, dass man jeden Morgen das eigene Spiegelbild mit Hakenkreuzen sieht, ist auch keine schöne Erfahrung.

Derzeit (seit 14. September) sind Sie in „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ im Kino zu sehen. Worum geht es?
Das ist ein Film über die gescheiterte Entstehung eines Films. Nach dem riesigen, unerwarteten Erfolg der Dreigroschenoper 1928 wurde Brecht und Weill die Verfilmung ihres Stoffes angeboten. Da sich aber die politischen Verhältnisse in Deutschland innerhalb eines Jahres derart verschärft hatten, verschärften Brecht, Weill und ihre Leute im Drehbuch die Kritik am sie umgebenden System. Da wiederum wollte die Produktionsfirma, die Nero Film, nicht mitziehen und verklagte Brecht und Weill. Was die beiden als Beweis über den uneingeschränkten Zugriff des Kapitals auf die Ästhetik nutzten. In unserem Film sieht man nun sowohl diese Geschichte als auch den Film, der nie entstehen durfte, nach dem Original Drehbuchentwurf. Die erste Werktreue Verfilmung des Dreigroschenfilms, sozusagen.

Sie spielen darin Kurt Weill. Welchen Bezug haben Sie zum Komponisten?
Kurt Weill steht für mich fast als Symbol des künstlerischen Reichtums Europas vor dem Deutschen Reich. Es wird ja viel darüber gesprochen, dass wir in ähnlichen Zeiten leben, wie Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Der Unterschied ist, glaube ich, vor allem ein ästhetischer: Diese unheimliche Fülle an künstlerischen Ausdrucksformen gegen die Dummheit und die Gewalt, die fehlt heute. Dann hat das Morden und Vertreiben in den 30er- und 40er Jahren eine Wunde geschlagen, die bis heute nicht verheilt ist und wahrscheinlich für Generationen nicht verheilen wird. Kurt Weill im speziellen hat ja so etwas wie kritische Popkultur vorweggenommen, indem er in seiner Musik Unterhaltung mit einer Haltung zur Welt, die ihn umgab, verschmolzen hat.

Können Sie mit Weills Kompositionen etwas anfangen?
Natürlich. Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny ist ein unerreichtes Meisterwerk. Und sein Lied Speak Low. Unglaublich, im Exil 1943 in den USA entstanden und innerhalb eines Jahres zum Jazz-Standard avanciert. Was für eine Leichtigkeit in der Melodie, trotz allem was ihm widerfahren war. Komponiert hat er bis an sein Lebensende, Deutsch hat er nie mehr gesprochen.

Sie sind ja selbst immer wieder musikalisch im Einsatz, haben lange Zeit in der Band Gary gespielt. Wann kann man Sie wieder einmal auf der Bühne sehen?
Wir bereiten gerade ein neues Album vor. Wenn das fertig ist, touren wir wieder.

Mit dem Label , dass Sie vor Jahren mit Bernhard Kern in Wien gegründet haben, haben Sie in den Nullerjahren maßgeblich die österreichische Indieszene mitgestaltet? Sind Sie bei Siluh noch aktiv?
Im besten Fall als Berater. Nein im Ernst, es war eine sehr erfüllende und lehrreiche Zeit, aber für mich eine der Lehren aus dieser Zeit, Organisation ist nicht meine Stärke. Irgendwann stand ich Bernhard Kern mit meinem Chaos mehr im Weg, als das ich geholfen hätte. Jetzt macht er das Label allein und ich finde Siluh seitdem besser den je.

Wie beurteilen Sie – von Berlin aus – die Entwicklung der österreichischen Musikszene der vergangenen Jahre? Hat man mit diesem aktuellen Hype rechnen können? Was lief vor allem in den Nullerjahren falsch?
Falsch lief erst einmal gar nichts, es lief einfach anders. Es war alles einfach sehr eingespielt auf die immer gleichen Strukturen und dadurch war natürlich das, was rauskam, immer sehr ähnlich und irgendwie kurz gedacht. Dann kam ein Haufen junger Menschen, die über Jahre mit unglaublicher Leidenschaft und mit viel Selbstausbeutung an einer utopischen Phantasie von Popkultur gearbeitet haben, die ohne Grenzen in jedwede Richtung funktionieren könnte. Bis zu einem gewissen Grad wurde das dann auch erreicht. Und jetzt wird halt die Ernte eingefahren. Ob das dann immer alles in den richtigen Scheunen landet, um im Bild zu bleiben, sei mal dahin gestellt. Aber es bleibt festzuhalten: So eine Aufmerksamkeit, so eine Wertschätzung für Popkultur, daran haben wir gearbeitet, dass wurde erreicht und es ist in weiten Teilen großartig, was daraus entstand und entsteht.

Wie beurteilen Sie als Schauspieler, der bislang hauptsächlich im Fernsehen, im Kino und zuletzt auch vorrangig in nichtkommerziellen Produktionen zu sehen war, den aktuellen Serienhype, den aktuellen Markt für Schauspieler?
In erster Linie gab es als Schauspieler wohl selten so viele kreative Möglichkeiten, in einem kommerziellen Rahmen. Das finde ich erstmal gut. Denn man arbeitet ja nicht ohne Gage, weil man keine will, sondern weil man für Dinge, die man künstlerisch für richtig hält, die man tun will, oft keine bekommt. Wenn ein Serienhype das für ein paar Jahre oder mehr ändert, begrüße ich das erstmal. Wie lang aber die kreative Freiheit in Verbund mit der monetären anhält, bleibt abzuwarten.

Quantität ist aber oft das Gegenteil von Qualität? Wie beurteilen Sie als Schauspieler, aber auch als Konsument, die aktuelle Situation im Film- und Serienbereich?
Wie gesagt, so lange so viel Geld in kreative Prozesse geschaufelt wird, freu ich mich. Aber wir alle wissen, kein Markt ist selbstlos. Irgendwas muss hinten rausschauen und ob sich die momentane Fülle der Produktionen für die Geldgeber lohnt, entscheidet in erster Linie das Publikum. Zu wünschen wäre es.

Immer weniger Menschen gehen ins Kino. Sind nur die Serien daran schuld oder liegt es auch am Kino selbst?
Ich habe oft das Gefühl, das Kino bleibt zumindest im deutschsprachigen Raum hinter seinen Möglichkeiten zurück. Kino ist eben der Ort fürs Übergroße, für Themen, die nicht auf dem Tablet funktionieren. Kino hat die Möglichkeit zu überfordern, denn aus dem Saal geht man weniger leicht als in die Küche. Die großen Kinomomente sind doch die, wenn man mit einem Mal einiges im Leben anders sieht. Das kann nur das Kino, aber das muss sich Kino auch trauen - eine übergroße Behauptung aufstellen.

Sie tauchen zwischen den einzelnen Engagements immer wieder unter. So hat es zumindest den Eindruck. Was macht Robert Stadlober, wenn er „untertaucht“?
Dinge, über die er eben nicht in Zeitungen spricht.

Sie leben seit Jahren in Berlin. Welche Vor- und Nachteile hat das - beruflich?
Das hat vor allem persönliche. Es gibt momentan in Europa wohl keine Stadt, in der so viele Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen zusammenleben und das zum großen Teil auch noch gern. Ich bin hier ja auch aufgewachsen und habe in allen anderen Städten, in denen ich gelebt habe, die Selbstverständlichkeit des Miteinanders verschiedenster Kulturen vermisst. Und Berlin war bislang immer für alle leistbar. Aber das ändert sich ja leider gerade.

Gab es in Österreich vielleicht zu wenig Interesse an Ihrer Person seitens der Filmbranche?
Das weiß ich nicht und würde ich mir auch nicht anmaßen zu behaupten. Anderen wird da noch viel weniger Interesse entgegengebracht. Aber ich will nicht verheimlichen, dass ich durchaus gerne mehr in Österreich arbeiten würde.

Sie äußern sich gerne zu politischen Themen, zur aktuellen politischen Lage. Wie beurteilen Sie den Aufstieg der AfD in Deutschland, den zunehmenden Hass gegenüber Fremden in Europa? Die Vorfälle in Chemnitz?
Wer sich von höchster politischer Position aus versucht abzuschotten, braucht sich nicht wundern, wenn das weiter unten in der gesellschaftlichen Hackordnung nachgemacht wird. Den Menschen müsste klargemacht werden, wie absurd ihr Heimat-Begriff ist. Dass die Heimat nicht am Gartenzaun aufhört, sondern das unsere Heimat, wenn wir weiter in relativem Überfluss leben wollen, nur die gesamte Welt sein kann. Und auch schon lange ist. Die Felder auf denen wir unseren Reichtum anbauen, liegen eben auch in Asien, Afrika und Lateinamerika. Seit ich eine Tochter habe, fällt es mir noch leichter, vermeintlich naiv zu sagen, es ist genug für alle da, verteilt es endlich gerecht! Dann wird es auch keine sogenannten Flüchtlingskrisen mehr geben. Dann können die, die wollen in Ruhe an ihrem Gartenzaun bleiben und die anderen, die vielleicht mehr von der Welt sehen wollen, können dies auch einfach tun und den anderen erzählen, wie schön es da draußen ist. Wird das nicht getan, wird die Krise zum Dauerzustand. Und dabei werden uns die AfD oder FPÖ am wenigsten helfen können.

Welche Zukunft wünschen Sie sich für Ihre Tochter?
Eine, in der Herkunft nicht mehr darüber bestimmt, wie ein Leben gelingt.

Zur Person:
Robert Stadlober wurde mit Filmen wie „Sonnenallee“ (1999) oder „Crazy“  (2000) einem breiten Publikum bekannt und als Jungstar des deutschen  Films gefeiert. Der 1982  im kärntnerischen Friesach geborene  Wahl-Berliner    sucht sich seine Rollen stets  nach eigenem Gefallen und nicht nach Ruhm oder Bezahlung aus.    So ist er immer wieder auch in  Low-Budget-Produktionen zu sehen. Abseits der Schauspielerei  interessiert sich  der 36-Jährige für Musik:   Er betreibt gemeinsam mit Bernhard Kern das Plattenlabel Siluh  und ist selbst in der Band Gary aktiv.

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