Kultur | Zugabe
22.06.2018

Die Lichtgestalt: „Wir sollten uns öfter dem Erlebnis des Lebens aussetzen“

Die Sopranistin Marlis Petersen über Energienaustausch und das wahre Sein in der Scheinwelt von Kunst und Kultur.

Sie singt an den größten Häusern der Welt und bei den bedeutendsten Festivals, feiert bei Publikum und Kritik regelmäßig Triumphe und geht auch abseits der Klassikwelt konsequent ihren eigenen Weg. Dazu gehört auch das Nachdenken und Sein und Schein in einer „Branche, die sehr mit sich selbst beschäftigt ist“. Die Sopranistin Marlis Petersen über Bodenhaftung und das Abheben, die Qualität des Sehens und Hörens, die Zukunft des Musiktheaters, den Austausch von Energien und das wahre Sein in der Scheinwelt von Kunst und Kultur.

„Für mich ist Musiktheater, ist Musik mein Leben“, sagt Marlis Petersen. Aber: „Machen wir uns doch nichts vor. Wir sind – wenn es hoch her geht – wahrscheinlich nur 20 Prozent der Menschheit, die diese Zauberwelt erleben und leben können.“ Doch was kann Musiktheater heute überhaupt leisten? „Es sollte uns vor allem etwas zu sagen habe. Die Oper sollte kein Museum sein, auch wenn ihr oft etwas Museales anhaftet. Dagegen müssen wir als Interpreten angehen“ so die begnadete Singschauspielerin.

Petersen weiter: „Unsere Gesellschaft hat heute sehr viele Sorgen. Da kann die Musik eine Möglichkeit sein, diese Sorgen zu entsorgen. Nicht unbedingt in realer Hinsicht, aber in spiritueller. Viele Opern verhandeln die zentralen Themen des menschlichen Daseins. Liebe, Hass, Krieg, Ängste, Träume, Hoffnungen, Sehnsüchte – sie sind ja da. Und die Musik kann vielleicht als geistiger Katalysator dienen, zur Schärfung der Sinne.“ Nachsatz: „Natürlich hat das auch etwas mit einem Aussteigen aus dem Alltag zu tun.“

Seelenpaket

Doch wie stellt sich die so wandelbare Künstlerin eigentlich den „idealen Opernabend“ vor? „Wenn es so einen überhaupt gibt! Aber im Ernst: Jeder Abend hat seine eigene Energie, ist einzigartig. Im Idealfall findet ein großer Energieaustausch zwischen allen Beteiligten, also auch dem Publikum, statt. Man steckt in eine Rolle viel Energie hinein, bekommt aber auch sehr viel Energie zurück. Man steht mit beiden Beinen auf dem Boden und hebt gleichzeitig ab. Und das Ergebnis ist dann vielleicht ein großes Seelenpaket. Denn die Kunst gibt unserem Alltag Seele.“

Reisen

Seele, das ist ein gutes Stichwort im Zusammenhang mit Marlis Petersen. „Ich habe eine unendliche Liebe zum Leben, zu allem, was uns umgibt. Wenn man mit offenen Augen, offenen Ohren und offenem Herzen durch das Leben und auch in die Musik hinein geht, kann etwas Großes passieren. Wir haben in unserer von Technik, Lärm und vor allem Oberflächlichkeit geprägten Welt leider viel an Bewusst-Sein verlernt. Sich berühren lassen, sich verführen lassen, sich auf eine Reise ins Licht mitnehmen lassen – all das macht für mich das Leben und das Musiktheater aus. Wir sollten uns überhaupt öfter ganz bewusst dem Erlebnis des Lebens aussetzen.“

Wahrhaftigkeit

Petersen weiter:„Natürlich ist die Opernwelt auch eine Scheinwelt. Doch wer sagt uns, dass hinter dem Schein nicht auch das wahre Sein stehen kann? Dass wir nicht zu einer anderen Ebene der Wahrhaftigkeit, zu einer anderen Dimension des Denkens finden können? Ich glaube, unsere Welt hätte das dringend nötig.“

Und wie sieht die Künstlerin die Zukunft des Musiktheaters? Lachend: „Meine eigene führt mich zum Saisonauftakt im Theater an der Wien als Händels ,Alcina’ zurück in die Barockwelt, dabei ist längst schon mein Debüt als Richard Strauss’ ,Salome’ fixiert. Und was Musiktheater generell angeht: Ich denke, solange die Menschen noch etwas fühlen können, wird das Bedürfnis dafür immer da sein. Wir träumen schließlich alle gern.“

MarlisPetersen
Die Sopranistin wurde in Sindelfingen/Deutschland geboren und studierte Gesang an der Musikhochschule in Stuttgart. Dazu kam eine Jazz,-und Steptanzausbildung. Nach einem ersten Engagement an den Städtischen Bühnen Nürnberg wechselte sie als Ensemblemitglied an die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf, seit 2003 ist sie freischaffend. Petersens Repertoire reicht vom Barock bis in die Gegenwart. Sie hat in zahlreichen Uraufführungen mitgewirkt, liebt das moderne Musiktheater und hat eine enge Bindung zum Theater an der Wien.