Kultur
05.12.2011

"Zu Noever nach wie vor gutes Verhältnis"

Christoph Thun-Hohenstein, neuer Direktor des Wiener MAK, über nötige Neupositionierung und seine Projekte für das Jubiläumsjahr 2014.

Christoph Thun-Hohenstein tritt morgen die Nachfolge des entlassenen Direktors Peter Noever im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) an.

KURIER: Womit starten Sie?
Christoph Thun-Hohenstein:
Mit einem Grundsatzprojekt. Eine neue Direktion ist ein guter Moment dafür, sich die Frage zu stellen, wie das MAK entstanden ist - und sich gleichzeitig zu überlegen: Was heißt angewandte Kunst heute? In einer ersten Phase bis Weihnachten wollen wir von der interessierten Öffentlichkeit dazu Meinungen einholen. Und in einer zweiten Phase im Rahmen einer Arbeitsausstellung im Jänner/Februar 2012 das Ganze nochmal auf den Tisch legen. Auf 1400 wird ausgebreitet, was dieses Museum ist und was es in Zukunft sein will.

Klingt fast so, als wird das MAK so etwas wie eine Social-Museum-Plattform.
Gerade im Social Web ist noch viel zu tun. Es ist kein Geheimnis, dass heute die Erstbekanntschaft mit einem Museum online geschlossen wird. Auch Softwareentwicklungen sind ja neue Arten von angewandter Kunst.

Wird das Haus gänzlich neu positioniert?

Zu einem gewissen Grad, weil das Konzept angewandte Kunst eine enorme Neupositionierung erfahren hat. Die historischen Komponenten müssen auch betreut werden, zumal es da gewichtige Sammlungen gibt.

So ein Prozess der Selbsterkenntnis ist sehr jubiläumstauglich. Das 150-Jahr-Jubiläum des MAK steht 2014 an.
Sie haben mich durchschaut: Das alles geschieht natürlich auch in Vorbereitung auf das 150-Jahr-Jubiläum. Die Jubiläumsprojekte werden im Dezember 2013 beginnen, weil 1863 der Beschluss fiel, ein Museum für Kunst und Industrie zu gründen. Wir werden historische Positionen wie Hoffmann und Loos in Kooperation mit einem noch zu findenden Partner in einer wirklich großen Ausstellung durcharbeiten. Ich denke da durchaus an 3000 Ausstellungsfläche. Der zweite Teil ist in die Zukunft gerichtet: Einmal groß aufzuarbeiten, was das Museum leisten kann, um zu einem positiven Wandel in sozialer, ökologischer, kultureller Hinsicht beizutragen, ist ein weiteres Jubiläumsprojekt.

Ihr Vorgänger Peter Noever führte einen Kampf gegen die Diktatur der Besucherzahlen. Was ist Ihre Zielsetzung?
Ziel ist es, möglichst gute Ausstellungen zu machen. Und das Museum so interessant zu machen, dass sich das herumspricht.

Aber die 200.000 Besucher-Marke zu knacken wäre doch etwas fürs erste Jahr.
Das wäre natürlich schön, aber für mich steht die inhaltliche Arbeit im Vordergrund. Wir setzen relativ breit an. Etwa bei einer großen Ausstellung im kommenden Jahr mit der Frage, "Was ist die Aufgabe von Design im 21. Jahrhundert?"

Was geschieht mit Erbstücken der Ära Noever wie dem MAK Center in Los Angeles und mit den Aktivitäten im Bereich Gegenwartskunst?
Das MAK Center steht nicht zur Disposition - es wäre ein Fehler, einen so wichtigen Baustein aufzugeben. In der Ausstellung, die wir als Ersatz für die Helmut-Lang-Schau geplant haben, werden wir auch den Stellenwert des Schindler Hauses in L. A. betonen. Zur Frage, wie es mit der Gegenwartskunst weitergeht, werden wir im Herbst Überlegungen erarbeiten. Es soll keinen Bruch mit dem, was das MAK bisher in diesem Bereich gemacht hat, geben. Aber die Frage, wie sich Gegenwartskunst in die Weiterentwicklung der Gesellschaft einbringen kann, ist ein wichtiges Thema.

Helmut Lang hat im KURIER signalisiert, dass er gerne eine Schau im MAK machen würde.
Wir sind in Kontakt für ein künftiges Ausstellungsprojekt, das aber anders konzipiert wäre als das, das jetzt abgesagt wurde.

Ihre MUMOK-Kollegin Karola Kraus hat zum Amtsantritt 2,7 Millionen Euro für Umbauten bekommen - hat Ministerin Claudia Schmied Ihnen auch so etwas in Aussicht gestellt?
Ich habe im Herbst einen Termin bei ihr. Und hoffe natürlich sehr, dass es möglich sein wird, für Investitionen in den ersten Jahren zusätzliches Geld zu bekommen - in vergleichbaren Maßstäben zum MUMOK.

Im Herbst wird der Rechnungshof-Rohbericht über die Ära Noever erwartet.
Die Dinge, die zu prüfen sind, müssen geprüft werden, und die Schlussfolgerungen, die man treffen muss, muss man treffen. Ich habe zu Peter Noever nach wie vor ein gutes Verhältnis. Ich bin da sehr pragmatisch, weil mein Blick angesichts der Dinge, die im Museum zu tun sind, sehr stark in die Zukunft gerichtet ist. Aber klar ist auch, dass dieses Thema bereinigt und abgeschlossen werden muss.

Personell hat es ja keinen ganz klaren Bruch gegeben - Noevers Stellvertreterin ist auch Ihre. Bleiben da nicht unüberwindbare Gräben im Haus?
Ich glaube, dass ich eine integrative Kraft bin und dass es mir gelingen muss, die Gräben zu überwinden - weil es ja auch keine Alternativen gibt. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass das ein tolles Team ist, das man neu motivieren muss. Es wird ein Leitungsgremium aus 10 bis 20 Leuten geben, das sich regelmäßig trifft und in dem Probleme ausgesprochen werden.

Klingt so, als würde das MAK-Management per Zeitmaschine plötzlich ins 21. Jahrhundert transferiert.
Das sind Vorschusslorbeeren, derer ich mich erst würdig erweisen muss. Aber klar ist, dass das gemacht werden muss, und zwar eher rasch als langsam.

Thun-Hohenstein: Diplomat der Kunst

Direktor Der studierte Jurist und Kunsthistoriker Christoph Thun-Hohenstein (51) leitete von 1999-2007 das Kulturforum in New York. Danach setzte er als Chef der Wiener Förderagentur Departure Initiativen im Bereich der Kreativwirtschaft.
Das MAK 1864 als Museum für Kunst und Industrie eröffnet, unterstand das MAK von 1986 bis 2011 Peter Noever. Die 1994 gegründete Dependance in Los Angeles betreut drei Häuser des austro-amerikanischen Architekten Rudolph Schindler.