© Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kritik
03/01/2020

"Zigeunerbaron" in Wien: Wie ein bitterböses Stück von Brecht

Kritik: Die Operette von Johann Strauß an der Wiener Volksoper versucht die Quadratur des Kreises.

von Peter Jarolin

Mit dem „Zigeunerbaron“ ist das bekanntlich so eine Sache. Ja, da reiht sich musikalisch Hit an Hit, Ohrwurm an Ohrwurm. Die Handlung jedoch ist – höflich formuliert – hanebüchen und in Zeiten der auch übertriebenen politischen Korrektheit überaus problematisch. Zwar sind die Zigeuner die Guten; an Klischees inklusive einer Kriegsverherrlichung mangelt es allerdings nicht.

Was also tun mit dieser 1885 uraufgeführten Mixtur aus Operette und Oper, dieser Geschichte rund um die Zigeunerin Saffi, ihren Sándor Bárinkay, den hinterhältigen Schweinezüchter Kálmán Zsupán und dem Kampf um falsche Titel und echte Schätze? Macht man daraus eine naive, folkloristisch-kitschige und politische Untertöne vermeidende Ausstattungsrevue? Oder doch ein Sozialdrama von heutiger, gesellschaftskritischer Relevanz? Oder versucht man die so sprichwörtliche Quadratur des Kreises?

Regisseur Peter Lund, der dem Haus am Gürtel schon viele Erfolge beschert hat, wagt sich an der Volksoper an Letzteres. Er greift dabei zu einem altbekannten Trick. Als Theater auf dem Theater wird dieser „Zigeunerbaron“ präsentiert. Ein Impresario (überzeugend auch als Conte Carnero: Boris Eder) einer vazierenden Theatergruppe kündigt das Spiel an, stellt die Protagonisten vor, kann zuletzt auch das aufgesetzte Happy-End rechtfertigen.

Moritat

Mit dieser Klammer kreiert Lund in dem zwischen düster und grell changierenden Einheitsbühnenbild (u. a.: Burgruine, Metzgerei, Bergwerk) von Ulrike Reinhard eine bitterböse Moritat, die näher an Bert Brecht denn an Operettenseligkeit angesiedelt ist. Da ist nichts mit herzigen Schweinchen, Sentimentalität oder gar „Zigeuner-Romantik“. Da ist auch dank der Video-Projektionen (Andreas Ivancsics) ein teils grotesk überzeichnetes Endzeitszenario (sehr uneinheitlich die Kostüme von Daria Kornysheva) angesagt.

Längen

Was hier etwas fehlt? Tempo, Witz und Sentiment! Das liegt weniger an der Inszenierung, als vielmehr an der musikalischen Seite. Denn Dirigent Alfred Eschwé – sonst immer ein Garant für meisterhafte Klänge – lässt es am Pult des guten Orchesters zwar oft ordentlich krachen, zieht diesen Strauß aber allzu sehr in die Länge. Da kann auch der von Thomas Böttcher exzellent einstudierte, zum Herumstehen verpflichtete Chor wenig ausrichten.

Und die Sänger? Kristiane Kaiser gibt eine eindringliche, in den Höhen nicht immer ganz gefestigte Saffi, die zu berühren vermag. Lucian Krasznec ist trotz nicht allzu großer Stimme ein sympathischer Bárinkay, der tenorale Defizite durch unglaubliche Spielfreude wettmacht.

Kurt Rydl glänzt als hier abgefeimter Zsupán allein schon aufgrund seiner Wortdeutlichkeit und Bühnenpräsenz. Ebenso auf der Habenseite: David Sitka als optisch überzeichneter Ottokar und Anita Götz als herrliche „Tussi“-Arsena.

Regula Rosin ist eine solide Mirabella; Marco Di Sapia ist ein guter Homonay. Martina Mikelić gibt eine immerhin ordentliche Czipra. Ein Sonderlob verdient der Kinderchor, der bei der Ehrenrettung des „Zigeunerbaron“ viel zu tun hat. Triumphe aber sehen leider anders aus.

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