Kultur
19.11.2018

Zeitberater Geißler: "Wir machen immer Dinge mehr auf einmal"

Weil jede Minute zählt, versucht der Mensch, immer mehr in sie hineinzustopfen

Dass der Anruf vom KURIER 45 Minuten später kam als ausgemacht, stört Karlheinz Geißler nicht im Geringsten: „Ich habe keine Uhr – ich rechne nicht in Minuten und Stunden, sondern teile meinen Tag in Vor- und Nachmittag ein.“ Eine ziemlich grobe Vermessung der Zeit.

Doch kann man so sein Leben heute gestalten? Die Frage amüsiert Geißler, der sich seit 30 Jahren mit dem Thema Zeit beschäftigt und seither ohne Uhr lebt: „Wenn Sie einen Chef haben, der über Ihre Zeit bestimmt, ist es natürlich schwierig.“ Er selbst zieht es vor, nach der inneren Uhr zu leben: „Ich merke ja, wann ich müde oder fit bin. Entsprechend strukturiere ich meinen Tag.“ Ein Luxus, den sich heute wenige leisten können, denn die Arbeitswelt gibt den Takt vor. Aus einem simplen Grund, wie Zeitberater Geißler erläutert: „Die Uhrzeit können Sie in Geld verrechnen.“

Weil aber jede Minute Geld kostet, versuchen wir, immer mehr in diese Zeit zu stopfen. „Wir verdienen nicht mehr Geld, weil wir schneller werden, sondern weil wir in der Zeit mehr auf einmal machen.“ Als Beispiel nennt er die Autoindustrie: „Galt früher ein Wagen als besonders gut, wenn er viele PS hatte, so ist heute entscheidend, dass er gut ausgestattet ist, damit man seine Zeit noch sinnvoll nutzen, wenn man etwa im Stau steht“, weiß der Autor (Buch: „Time ist honey. Vom klugen Umgang mit der Zeit", oekom Verlag, 15,50 Euro).

Die Wirtschaft verdient also nicht durch mehr Schnelligkeit, sondern Vergleichzeitigung. Die Folge: Jeder ist aufgefordert, sich selbst zu optimieren und effizient zu sein – nicht nur im Job, sondern auch im Privaten: „Gesetzgeber und Arbeitswelt geben immer weniger konkrete Zeiten vor, in denen ich etwas tun kann oder muss, die Organisation unserer Zeit wird also elastischer.“

Was das konkret bedeutet? „Die Ladenöffnungszeiten gibt es z.B. nicht mehr, denn der Sonntag ist der Haupteinkaufstag im Internet geworden.“ Auch im Job müssen heute nicht mehr alle zur gleichen Zeit anwesend sein – 61 Prozent der österreichischen Arbeitnehmer haben eine Modell mit Kern- und Gleitzeit.

Ist das jetzt gut oder schlecht? „Weder noch“, meint Geißler. „Es ist anders.“ Die Flexibilität hat Vorteile, wenn ich nicht um 7  Uhr in der Firma sein muss, sondern ausschlafen kann. Allerdings: „Es ist unsere Aufgabe zu entscheiden, was wir mit unserer Zeit tun – ob wir via Smartphone berufliche Mails beantworten oder privat Kochrezepte suchen. Dieses ständige ,Entscheidenmüssen‘ verursacht Stress und führt langfristig ins Burn-out.“

Der Mensch braucht Ventile, um dem Verdichtungsdruck zu entkommen. „Entweder kurze Pausen wie Yogastunden, die heute viele Firmen anbieten, oder längere Auszeiten wie Sabbaticals.“ Von dieser Verdichtung lebt eine ganze Industrie: „Wellness-Tage und Entschleunigungswochen sind ein Trend, von dem das Tourismusland Österreich wiederum besonders profitiert.“