Woody Allen: Ganz Paris träumt von der Liebe

Genial in Paris: Owen Wilson zweifelt als typische Woody-Allen-Figur an seinen Fähigkeiten als Schriftsteller
Foto: Filmladen

"Midnight in Paris" führt in das Paris der 20er-Jahre + "Tournée" zeigt erotisch-bizarre Burlesque-Shows + "Captain America" kämpft gegen Nazis

Woody Allen ist in Hochform: Seine Nostalgie-Romanze mit dem Paris der 20er-Jahre ist geistreich, witzig - und fast schon optimistisch. Zum Glück bleibt uns immer noch Paris. Denn Woody Allens letzter Film aus London war eine bittere Angelegenheit. In Paris jedoch, der Stadt der Liebe, fand der Stadtneurotiker wieder zu seiner Hochform. "Midnight in Paris" ist komisch, melancholisch, klug - und ein großes Sehvergnügen.

Zudem war überhaupt nicht abzusehen, dass ausgerechnet der blonde Texaner Owen Wilson einen vortrefflichen Doppelgänger von Woody Allen abgeben würde. Umso herrlicher der Effekt: Mit der Leidensmiene von Woody Allen in der Stimme, debattiert sich Wilson als Amerikaner Gil in Paris wortreich durch die Mühen seiner Zweierbeziehung. Wie sich nämlich herausstellt, verbindet ihn mit seiner Verlobten eher weniger als mehr. Zumal Gil, der fettes Geld mit dem Verfassen von Hollywood-Drehbüchern verdient, von einer Karriere als Schriftsteller träumt und damit auf wenig Gegenliebe stößt.

Dieses allseits bekannte Setting vom Möchtegern-Künstler heitert Woody Allen mit einer flockigen Zeitreise auf, die Gil jede Mitternacht unternimmt. Eine mysteriöse Kutsche fährt vor und entführt den verwirrten Amerikaner in das Paris der 20er-Jahre. Dort begegnet er allen seinen literarischen Heroen: Auf einer wilden Party tanzen da Scott F. Fitzgerald und seine Frau Zelda zu den Klängen von Cole Porter. Die Surrealisten Man Ray, Luis Buñuel und Salvador Dalí stolpern durchs Bild und sehen dabei verblüffend echt aus. Kathy Bates gibt mit ergrauter Kurzhaarfrisur eine patente Gertrude Stein. Und besonders witzig macht sich Corey Stoll als Ernest Hemingway: mit genialer Humorlosigkeit säuft er Unmengen von Alkohol und tut bei jedem Glas Schnaps, als müsse er dem Tod ins Auge blicken.
Gil ist begeistert. Wie schön ist doch die Vergangenheit. Gertrude Stein liest seinen Roman und findet ihn gut. Und die Geliebte von Picasso macht ihm schöne Augen.

Woody Allen inszeniert seinen rauschenden Kostümball der 20er-Jahre mit geschliffenem Wortwitz und romantischer Gier. Seine alten Themen wie die Angst vor dem Tod, die kurzfristige Erlösung durch die Liebe, aber auch das Wissen um Vergeblichkeit werden leichtfüßig in die Vergangenheit geschickt, um geläutert in die Gegenwart zurück zu kehren. Was letztlich zählt, ist das Jetzt: Paris im Regen. Für Woody Allen ein geradezu optimistisches Ende.

KURIER-Wertung: ***** von *****

INFO: KOMÖDIE, USA 2011. 94 Min. Von Woody Allen. Mit Owen Wilson, R. McAdams.

"Tournée" - Dralle Damen, bizarre Erotik

Sie sind echte "New Burlesque"-Tänzerinnen und sie sehen nicht aus wie Dita von Teese. Auch nicht wie Christina Aguilera in dem aalglatten Film "New Burlesque". Weder sind sie besonders schlank, noch besonders jung. Sie heißen "Dirty Martini" oder "Kitten on the Keys". Sie sind Frauen mit Kurven, Bäuchen und Busen. Und sie sind sehr sexy.

Die Tänzerinnen - alles Laiendarstellerinnen - spielen eine amerikanische New-Burlesque-Truppe, die durch das französische Hinterland tingelt und dort ihre erotisch-bizarren Shows präsentiert. Begleitet von ihrem französischen Manager Joachim Zand, einem abgewrackten TV-Produzenten, der hektisch Kette raucht und in sein Handy brüllt.

Star-Schauspieler Mathieu Amalric führte Regie und spielt selbst mit geradezu körperlicher Hingabe den glücklosen Impresario Zand. Dabei entwickelt er bei seinem Spiel eine nervöse Energie, die sich immer wieder an der Widerständigkeit der Amerikanerinnen entzündet. Die drallen Damen sind allesamt großartig und bilden das Herzstück des Films.

Sie tragen grelle Schminke, führen ein loses Mundwerk und zwicken sich zwischendurch auch gerne mal einen Knaben im Klo auf. Hinter den frechen Fassaden aber verbergen sich verletzliche Geschöpfe, denen sich der Film mit großer Zärtlichkeit nähert.

Amalric changiert furios zwischen dem Blick hinter die Kulissen seiner Truppe und dem Porträt eines Menschen, der in erster Linie an sich selbst zu scheitern droht. Als überforderter Tourmanager treibt er die Tänzerinnen durch die Provinz und klaut in jedem Kaffeehaus eine Handvoll Zucker, um seinen Energiespiegel zu halten. Atemlos trifft er seine Kinder, klappert Termine ab und lässt sich k.o. schlagen.

Virtuos erzählt Amalric von einer großen Leidenschaft - zum Theater, zur Bühne, zum Entertainment. Er macht das hervorragend - als Schauspieler und als Regisseur.

KURIER-Wertung: ***** von *****

INFO: DRAMA, F 2010. 111 Min. Von Mathieu Amalric. Mit M. Colclasure.

"Crazy, Stupid, Love" - Die Kunst, Frauen im Dutzend aufzureißen

Ein Mann weint laut auf der Herrentoilette. Seine Arbeitskollegen sind fassungslos. Wahrscheinlich hat er Krebs!
Aber nein, kein Krebs. Er weint nur, weil sich seine Frau scheiden lassen will. Große Erleichterung. Das ganze Büro applaudiert.
Aber für Cal Weaver (Steve Carell) hat der Leidensweg erst begonnen. Jeden Abend muss der ausquartierte Ehemann einsam in der Bar sitzen und beobachten, wie ein anderer Mann die Frauen im Dutzend aufreißt.
Kein Wunder - es ist Ryan Gosling als Jacob Palmer, ausgestattet mit dem Model-Körper eines Barbie-Puppen-Ken. Von ihm kann man viel lernen - und Palmer erweist sich als großzügiger Lehrmeister. Im Nu verwandelt er den Bürohengst Cal in einen veritablen Yuppie-Aufreißer im Designer-Outfit. Prompt gehen die Frauen reihenweise in die Knie. Und auch die Ex-Ehefrau wird wieder hellhörig.
Die klassische Wiederverheiratungskomödie verzahnt sich mit Motiven aus dem Familienmelodram, mit viel sentimentalem Geschwätz von echten Lebensmenschen. Und versinkt am Ende trotz trockener Witze und einem tollen Cast allzu sehr in Rührseligkeit.

KURIER-Wertung: **** von *****

INFO: KOMÖDIE, USA 2011. 118 Min. Von Glenn Ficarra, John Requa. Mit Steve Carell, Ryan Gosling, Julianne Moore.

"Captain America: The First Avenger" - Mit Schild, Charme und Body

Als Blockbuster von klassischer Qualität erweist sich ein Neuzugang im Genre der Superhelden: "Captain America", eine US-Comic-Figur, die ursprünglich im Kampf gegen die Nazis zum Einsatz kam, feiert in der jüngsten Realverfilmung ein gelungenes Comeback. Stimmungsvoll taucht die Story in das Amerika der 40er Jahre ein, wo ein emigrierter Wissenschaftler - ein herrlicher Stanley Tucci mit typisch deutschem Akzent à la Hollywood - an der Erfindung eines Superhelden bastelt. Mit dem Satz "Do you want to kill Nazis?" rekrutiert er den jungen Steve Rogers, einen zarten, aber todesmutigen Knaben für seine Transformation. Gerade noch klein und untergewichtig, entsteigt Rogers der Versuchsmaschine als blonder Bodybuilder "Captain America". Mit seiner Sonderausstattung - einem Spezialschild - bringt er die Nazis zur Strecke.

Tolle Ausstattung - wie die Versuchslabore - einfallsreiche Actioneinlagen und eine halbironische Liebesgeschichte verknüpfen sich zu einem vergnüglichen Unterhaltungspaket. Da braucht man sich vor den Fortsetzungen (noch) nicht zu fürchten.

KURIER-Wertung: **** von *****

INFO: ACTION, USA 2011. 124 Min. Von Joe Johnston. Mit Chris Evans.

"Homies" - Jimi Blue Ochsenknecht als Oberschichtsburschi

Jimi Blue Ochsenknecht als Oberschichtsburschi muss sich erst vom Griff der Krawatte befreien, ehe er zum tollen Rapper mit sozialem Tiefgang aufsteigen kann. Naives Jugenddrama von geradezu rührender Amateurhaftigkeit. - as Wenn das Samenkorn nicht stirbt Tiefpunkt des Films ist, wenn der Vater mit seiner Tochter im Bordell Sex hat, damit der Zuhälter sie gehen lässt. Tiefpunkt eines wirren rumänischen Dramas, bei dem man nur den Abspann herbeisehnt. Wirklich schlimm.

KURIER-Wertung: ** von *****

"Auf brennender Erde" - Melodrama mit starkem Hang zur Telenovela

Am Anfang ist noch alles schön rätselhaft: Charlize Theron steht nackt am Fenster in Oregon. Ein Trailer verbrennt in der Wüste von New Mexiko.
Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Guillermo Arriaga, langjähriger Drehbuchautor des mexikanischen Regisseurs Alejandro Iñárritu ("21 Grams", "Babel"), hat nun erstmals eines seiner zur Überfrachtung neigenden Drehbücher selbst verfilmt. Nicht zu seinem Vorteil.

Auf mehreren zeitlichen Ebenen verknüpft Arriaga die Schicksale zweier Familien an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Über Generationen hinweg entfaltet er das Drama von Liebe, Hass, Schuld und Sühne mit dem Melodramen-Potenzial einer Telenovela. Bald wird auch das Rätsel aufgelöst, ausbuchstabiert und - völlig zu Tode erklärt.

KURIER-Wertung: *** von *****

INFO: DRAMA, USA/Arg 2008. 107 Min. Von Guillermo Arriaga. Mit Charlize Theron, John Corbett.

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