Interview: Hugh Jackman

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Interview
07/20/2013

"Wolverine": Kralle gegen Samurai-Schwert

Hugh Jackman über Wolverine in Japan, rabiate Windmaschinen und seine Liebe zur Vielseitigkeit.

von Brigitte Schokarth

Bereits zum sechsten Mal schlüpft Hugh Jackman in die Rolle des Comic-Helden mit Adamant-Krallen und Selbstheilungskräften, wenn am 25. Juli „The Wolverine – Wege des Kriegers“ in den österreichischen Kinos anläuft. Diesmal verschlägt es den Mutanten nach Japan, wo er nicht nur gegen Samurai kämpft, sondern – plötzlich mit Sterblichkeit konfrontiert – auch gegen den Lebensüberdruss. Im KURIER-Interview erzählt Jackman, wie gefährlich er lebte, um Wolverine diesmal noch realistischer zu porträtieren.

Wird eine körperlich so anstrengende Rolle mit dem Jahren leichter oder schwerer?
Schwerer. Und zwar nicht nur, weil ich älter werde. Ich habe diesen eigenartigen Antrieb, dass ich es jedes Mal etwas besser machen will. Ich will dafür besser trainiert sein, besser in Form sein, will tiefer in den Charakter eindringen, ihn einfach weiter treiben. Das ist wahrscheinlich eine gute Sache, macht es aber natürlich schwieriger.

Diesmal sehen Sie ja fast aus wie ein Athlet . . .
Die Vorbereitungen auf The Wolverine waren diesmal einem Athleten-Training tatsächlich nicht unähnlich. Man trainiert so ernsthaft und isst, wie es ein Athlet machen würde. Ich mache mir keine Illusionen darüber, dass ich einer bin, aber man muss diese geistige Einstellung haben. Nur so kann man sich über eine lange Zeit dazu verpflichten, täglich einem rigorosen Regime zu folgen. Das ist einfach notwendig, wenn man 44 ist und versucht, in Form zu kommen. Aber ich habe das nicht gemacht, weil ich cool aussehen will, sondern weil ich glaube, dass es für den Charakter essenziell wichtig ist, animalistisch, wild und fast brutal zu wirken. Also habe ich schon 18 Monate vor Drehstart mit dem Training angefangen.

Wie haben Sie trainiert? Und stimmt es, dass Sie sogar dehydriert haben?
Ich war drei Stunden täglich im Fitnessstudio. Dazu ein oder zwei Stunden - näher zum Start der Dreharbeiten hin waren es immer zwei - für das Martial-Arts Training. Das mit dem Dehydrieren stimmt, das ist ein alter Bodybuilder-Trick. Der ist sehr ungesund, also bitte nicht nachmachen. Dabei trinkt man sechs Tage bevor man dehydriert jeden Tag mehr und mehr Wasser. Am letzten Tag habe ich 18 Liter getrunken. Um es banal zusagen, damit trainiert man den Körper darauf, dauernd pinkeln gehen zu müssen. Da muss man dann jede Stunde aufs Clo. Und in dem Moment, wo man mit dem Trinken aufhört, macht der Körper mit dem Pinkeln weiter, also dehydriert man in den 24 Stunden danach sehr, sehr schnell. Da kann man bis zu fünf Kilo verlieren. Und weil das Wassergewicht ist, geht es vor allem von deinem Gesicht und den Extremitäten weg, macht, dass die Muskeln besser rauskommen und man drahtig aussieht.

Ist das nicht extrem? Man kann sogar sterben, weil man zu viel Wasser trinkt.
Ja, das habe ich auch gehört. Aber erst nachher. Und ja, es ist schon extrem. Aber ich wollte, dass man die Venen sieht, diesen animalistischen Look, wie er auf dem Poster zu sehen ist. Das Dehydrieren gibt einem diesen Look. Und ich habe es ja auch nur einmal für eine Schlüsselszene gemacht. Nämlich für die, in der Wolverine endlich wieder seine Kraft zurückbekommt, nachdem er davor die ganze Zeit seine Identität verleugnet hat.

Würden Sie auch privat trainieren, um fit zu bleiben?
Nein. Ich habe den Part bekommen, als ich 30 und sehr dünn war. Ich habe damals in einem Fitnessstudio gearbeitet und all die Typen, die reinkamen und Gewichte gestemmt haben, haben sich immer über mich lustig gemacht. Und ich habe mich über sie lustig gemacht. Ich sagte immer: "Wenn ihr für mich einen überzeugenden Grund findet, regelmäßig 155 Kilo zu stemmen, werde ich das machen. Aber im Moment kommt mir das lächerlich vor." Ich mache das wirklich nur, um Wolverine spielen zu können.

Es gibt eine Kampfszene auf dem Dach eines Zuges, der mit 300 km/h fährt, bei der Sie sich verletzt haben. Was ist da passiert?
Es war drei Wochen nach dem Start der Dreharbeiten. Das war der haarigste Stunt, den ich dafür gemacht habe. Schon im allerersten Take lag ich auf dem Dach des Zuges, sie drehten Windmaschinen auf und schwupps war ich weggeblasen. Diese Windmaschinen waren so stark, dass ich mich nicht auf diesem Dach halten konnte. Wir mussten eine Vorrichtung erfinden, die mich drauf hielt, wenn die Maschinen an waren. Und dann gibt es eine Szene, wo ich aus dem Zug geschleudert werde und gegen die Zugswand knalle. Die drehten wir auch mit diesen Windmaschinen. Dabei war zwar der Aufprall gut abgefedert, aber einmal wurde mein Körper durch die Kraft der Windmaschinen in die Gegenrichtung zu meinem Kopf geschleudert und mein Nacken blieb kurz stecken. Da dachte ich für eine Sekunde lang, jetzt ist es vorbei. Aber dafür ging ich an diesem Tag früher nach Hause. Meine Frau war sehr beunruhigt, als ich schon um 16.00 Uhr heim kam, sagte: "Was ist denn los?". Ich nur: "Och, gar nichts!" Das habe ich schon sehr früh gelernt: Erzähle deiner Frau niemals, dass du einen gefährlichen Stunt oder eine Liebesszene drehst.

Der Film bringt Wolverine nach Japan. Als Produzent haben sie das forciert, weil sie ein großer Japan-Fan sind. Was mögen Sie an diesem Land?
Ich fand immer, dass es für die Handlung großartig wäre, diesen Wolverine-Charakter, diesen antiautoritären Einzelgänger, der alle Institutionen verachtet, der japanischen Kultur mit all ihren strikten Regeln rund um Ehre, Tradition und Ethik gegenüber zu stellen. Für mich war Japan immer schon faszinierend. Ich war bisher elf Mal dort. Sieben Mal davon um Filme zu promoten, das zählt vielleicht nicht, weil da keine Zeit ist, in die Kultur einzutauchen. Aber ich war auch schon auf Urlaub dort - mit meiner Familie und mit Freunden. Als ich 40 wurde mit elf meiner australischen Freunde aus der High School. Wir hatten uns mit 18 geschworen, zum 40er nach Japan zu fahren. Warum, ist eine viel zu lange Story. Aber jedes Mal, wenn ich dort bin, fühle ich mich so erfrischt. Ich liebe das Charisma dieses Landes. Das ist so geheimnisvoll und anders - einfach berauschend.

Sie interessieren sich sehr für Philosophie. Haben Sie sich in Vorbereitung auf den Film auch mit den japanischen Philosophien beschäftigt?
Ich habe natürlich ein bisschen über Zen und Shinto gelesen, aber nicht allzu viel. Was ich nicht weiß, erzählt mir mein Sohn, weil der ist da voll hinein gekippt. Aber ich liebe einfach den japanischen Lebensstil, die Art, wie sie das Leben sehen und ihre Liebe zum Detail. Ich finde es immer so inspirierend, wenn man bei Japanern in einen Raum kommt und sieht: Die brauchen ein Zehntel von dem Platz und den Dingen, die wir brauchen, um glücklich, versorgt und effizient zu sein. Ich finde auch ihre Hingabe an die Familie und ihr Land bewundernswert.

Nachdem Ihre Kinder jetzt alt genug sind, Ihre Filme zu sehen: Was halten sie davon, einen Superhelden zum Vater zu haben?
Ich habe gehört wie mein Sohn - er ist jetzt 13 - mit einem Freund geplaudert hat. Sein Freund war offenbar ein bisschen beeindruckt. Er sagte, könnte dein Dad vielleicht was für mich unterschreiben? Und mein Sohn sagte: "Hör zu: Mein Vater ist so gar nicht wie Wolverine. Er ist nicht annähernd so cool, nicht annähernd so zäh und hart. Aber mein Sohn stand trotzdem während der Ferien um 6.15 Uhr auf, um mit mir zu kommen und den Film zu sehen. Denn ich konnte ihn nur um 7 Uhr sehen, weil ich danach Interviews angesetzt hatte. Also ist er - auch wenn er sich immer so cool gibt und sagt, mir doch egal - doch interessiert. Ich habe zwar nichts gesagt, aber heimlich war ich davon schon begeistert. Ich war auch klug genug, ihn nicht gleich nach dem Screening zu fragen, was er davon hält. Ich hab das dann am Abend in der Küche gemacht, weil er gerne kocht. Und er sagte "fantastisch" - zwar kurz und knapp, aber immerhin. Das war das einzige Mal, dass er mir je ein Kompliment gemacht hat.

Also protzt er vor seinen Freunden nicht mit Ihnen?
Doch! Ich habe gehört, wie er zu einem Mädchen, das ihm gefiel, gesagt hat: "Du weißt, mein Vater ist Wolverine." Das ist schon eigenartig, wenn man seinem Sohn so Schützenhilfe geben muss.

Wie war es, mit den unerfahrenen Schauspielerinnen Tao Okamoto und Rila Fukushima zusammenzuarbeiten?
Ich war bei den Auditions dabei. Und als die beiden den Job bekamen, begann der Casting-Director zu weinen, weil das der Traum jedes Casting-Directors ist, für einen Hollywood-Blockbuster ein unbekanntes Gesicht zu finden. Dass Regisseur James Mangold gleich zwei Schlüsselrollen, zwei wirklich große Rollen, an Leute vergeben hat, die mehr als unerfahren waren - alle Achtung. Tao hatte noch nie zuvor gespielt und Rila vielleicht ein oder zwei Mal, aber nie in einem Film. Aber sie waren bei der Audition bei Weitem die Besten. Das passiert sehr selten und es war eine sehr mutige Entscheidung von James, sie zu nehmen. Aber eine, die sich bezahlt gemacht hat. Sie waren perfekt für die Rolle, und ich bin stolz, mit ihnen gearbeitet zu habe. Das gilt übrigens auch für Hiroyuki Sanada.

Der ist hat ja schon jede Menge Erfahrung.
Der ist eine Legende, hat schon 60 Filme gemacht, ist aber unglaublich bescheiden geblieben. Er zeigt für jeden am Set genau den gleichen, ehrlichen Respekt. Ich habe erlebt, wie er am Ende eines langen Drehtages jedem einzelnen von 200 Statisten die Hand geschüttelt und sich für ihre Arbeit bedankt hat. Ich meine, sie sagen über mich, dass ich ein netter Typ bin. Aber ich kann mich nicht erinnern, je am Ende eines Tages 200 Statisten die Hand geschüttelt zu haben.

Sie gehen von "Wolverine" zu Dramen wie "Australia", zu Musicals wie "Les Miserables" und wieder zurück zu Wolverine. Erstaunt es Sie, dass Sie The Wolverine jetzt schon zum sechsten Mal spielen und sich trotzdem von Kategorisierungen als Action-Held fern halten konnten?
Natürlich. Aber Gott sei Dank habe ich im Moment wirklich die Wahl. So sehr ich diese Wolverine-Rolle liebe, wenn ich das Gefühl hätte, sie würde mich davon abhalten, andere Dinge tun zu können, würde ich sie sofort aufgeben. Ich habe schon oft in meinem Leben aus diesem Grund Entscheidungen getroffen: Als ich zum ersten Mal in Australien Musicals spielte, merkte ich schnell, dass ich deshalb keine Auditions für Filme mehr bekomme. Alle sagten, der ist ein Performer, kein Schauspieler. Schon damals haben sie mir zu ersten Mal das Musical "The Boy From Oz" angeboten. Das habe ich aber abgelehnt, weil ich dachte, ich muss das stoppen, sonst kriege ich nie wieder einen Film. Ich bin erst viel später darauf zurückgekommen. Ich habe aber nie die Erfahrung gemacht, dass mich Wolverine von irgendetwas abhält. Ich weiß schon, dass das der erfolgreichste Charakter ist, den ich je gespielt habe. Und auch der, der mich so bekannt gemacht hat. Aber seit ich damit angefangen habe, habe ich trotzdem immer so viele verschiedene Sachen machen können: Ich habe mit Woody Allen und Darren Aronofsky gearbeitet, ich habe die Oscars moderiert, ich habe am Broadway gesungen und getanzt. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich wegen Wolverine keine anderen Chancen mehr habe.

Das Forbes-Magazin bezeichnet Sie als den einflussreichsten Schauspieler der Welt. Was bedeutet Ihnen das?
Das bedeutet, dass ich einen guten PR-Agenten habe. Ich zeige diesen Artikel bei mir zu Hause recht häufig herum, aber das scheint da keinen Unterschied zu machen. Ich habe sogar T-Shirts für meine Kinder gedruckt, aber das kümmert niemanden. Aber ernsthaft: Mich hat das sehr überrascht. Wenn es überhaupt einen Wert hat, dann den, dass ich bei meinen Rollen eine größere Auswahlmöglichkeit habe, dass ich eben hoffentlich nicht nur als Action-Held gesehen werde. Und dass ich jemand bin, mit dem die Regisseure gerne arbeiten wollen. Aber das ist es auch schon. Sicher ist, dass ich mich nicht fühle, wie der einflussreichste Schauspieler auf diesem Planeten.

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