© Kompakt

Interview
07/09/2013

Wolfgang Voigt über 20 Jahre Kompakt

Das Kölner Label Kompakt hat die Erfolgsgeschichte von Techno maßgeblich mitgeschrieben.

von Marco Weise

Wenn Wolfgang Voigt das Wort "Wir" in den Mund nimmt, dann meint er damit seine Freunde, die zugleich auch seine Geschäftspartner sind, und deren Namen man als Kenner und Liebhaber von elektronischer Musik mit leuchtenden Augen ausspricht: Michael Mayer, Jürgen Paape, Reinhard Voigt, Tobias Thomas und Jörg Burger. Gemeinsam sind sie eine Techno-Familie, die für einen Namen steht: Kompakt, ein Label, dass die deutsche Techno-Landschaft nachhaltig geprägt hat - und noch immer prägt.

Begonnen hat alles vor 20 Jahren: Am 1. März 1993 gründeten Wolfgang Voigt, sein Bruder Reinhard, Jörg Burger und Jürgen Paape den Plattenladen Delirium. Wolfgang Voigt, einer von drei Kompakt-Inhabern, im KURIER-Interview über die Anfangsjahre: "Wir haben als kleiner, wilder, halbkompetenter Plattenladen angefangen und uns kontinuierlich weiterentwickelt. Wir sind durch den Techno-Boom in den 1990er Jahren sukzessive bekannter und erfolgreicher geworden. Erfreulicherweise nicht über Nacht, sondern es war eine konstante und ruhige Entwicklung. Daneben wurden Labels gegründet und viele Partys gefeiert. Man war ja vor allen Dingen Musiker, Künstler, Nacht-Mensch und überhaupt nicht mit dem Musikbusiness vertraut."

1998 wurde der Plattenladen in Kompakt umbenannt und das gleichnamige Label gegründet. "Irgendwann kam dann ein Verlag und ein Vertrieb dazu. Das Wissen dafür hatten wir anfangs nicht. Wir haben uns das alles via Learning by Doing beigebracht. Wir haben uns immer irgendwie durchgewuselt und dabei sicher auch Fehler gemacht", sagt Wolfgang Voigt.

Im Jahr 2013 vereint das Kompakt-Label unzählige Sublabels - unter anderem Immer, K2, KOMP3, Kompakt Extra, Kompakt Klassiks, Profan, Total, Speicher und Kompakt Pop. Auf letzterem veröffentlichen Musiker wie Gui Borrato ihre poppigen und gesangsintensiven Techno-Tracks. Bei Speicher_Produktionen handelt es sich hingegen um "die rustikale, deftige DJ-Spielart: Zwei Stücke, die keinerlei Kompromisse eingehen und ausschließlich für den Club gedacht sind", erklärt Voigt.

Mittlerweile gibt es bereits mehr als 70 Speicher-Platten. Ist nach der 100. Schluss?
Wolfgang Voigt: Nein, dafür sehe ich keinen Grund. Solange die Leute, die dafür zuständig sind, Bock haben, das weiter zu machen und sich das Ganze nicht tot läuft, wird es weitere Speicher-Veröffentlichungen geben. Für mich gibt es da momentan keine Grenzen in Sachen Katalog-Nummer.

Wie unterscheidet sich das Label Kompakt von anderen Techno-Labels?
Wir haben uns immer als Pop-affines Techno-Label verstanden. Wir haben vor der Techno-Ära in den 90er Jahren viel 80er Jahre Pop gehört und das hat uns sehr geprägt. Ebenso wie andere Spielarten elektronischer Musik: Ambient bei einem, Indie-Pop beim anderen. Wir haben uns von vorneherein dazu entschlossen, alle unterschiedlichen Strömungen elektronischer Musik auf dem Label zu vereinen. Wir haben entgegen der damals üblichen Labelpolitik, die sehr genuin, sehr monothematisch war – jedes Label hatte einen speziellen Sound, einen Look -, dazu entschlossen, poppiger und bunter zu sein. Wir wollten nicht nur schwarze Cover haben, sondern uns auch optisch von anderen Labels unterscheiden.

Viele Kompakt-Veröffentlichungen gibt es ausschließlich auf Vinyl. Wie geht das Label mit dem Thema Download um?
Es ist in der Tat so, das Vinyl-Veröffentlichungen nur mehr in kleinen Stückzahlen und als hochwertiges Sammlervinyl funktionieren. Das sind dann künstlerisch wertvolle Platten im Luxusformat, die in wirklich streng limitierter Auflage erscheinen. Dann gibt es noch die klassische Massen-Techno-Platte, das Tool, der gute alte Techno-Fastfood, wie wir ihn immer mochten. Diesen gibt es hingegen nicht mehr so häufig auf Vinyl, weil sich das oft finanziell nicht mehr rentiert - der Markt und die Nachfrage haben sich ja geändert. Allgemein gilt aber nach wie vor bei uns: Vinyl ist die Königsklasse und wird - im Falle des Falles - zuerst veröffentlicht. Einige Wochen später folgt das digitale File. Diese Abfolge hat sich mehr oder weniger als bestes Modell etabliert.

Wie stehen Sie persönlich zu digitalen Veröffentlichungen?
Es ist eine Frage der persönlichen Vorlieben und des Geschmacks. Die Frage ob Schallplatte oder MP3 muss jeder für sich selbst beantworten. Ich mag und kaufe zum Beispiel nur Tonträger: Musik, die ich nicht anfassen kann, interessiert mich nicht. Ich möchte Cover kaufen. Zur MP3 habe ich kein Verhältnis. Was man als Unternehmen aber unterscheiden muss, ist der Unterschied zwischen einem legalen und einem illegalen Download.

Haben Sie in den 20 Jahren als Label-Chef jemals ans Aufhören gedacht?
Wenn man 20 Jahre im Geschäft ist, gibt es natürlich Phasen, in denen man Durchhänger hat und einen Punkt erreicht, an dem es keinen Spaß mehr macht. Aber erfreulicherweise ist die Firma Kompakt so aufgestellt, dass man in gewissen Situationen auch etwas leiser treten kann. Ich habe mich ja seit einigen Jahren von der Spitze zurückgezogen und kümmere mich jetzt um andere Sachen bei Kompakt. Zum Beispiel um die Zusammenstellung der Compilation Pop Ambient.

Ist die darauf zu hörende Musik so etwas wie ein Ausgleich, eine Art persönliches Entspannungs-Training?
Das könnte man irgendwie so sehen. Denn die Musik ist in ihrer Wirkung ja sehr entspannend. Aber Ambient-Musik hat für mich nichts mit Esoterik, Meditation und Räucherstäbchen zu tun. Trotzdem habe ich nichts dagegen, wenn sich Menschen bei dieser Musik entspannen und eine Pop-Ambient-CD in irgendeinem Massagestudio läuft.

Bekommt das Label irgendwelche Förderungen?
Diese Förderkultur war uns am Anfang ein wenig suspekt. Wir wollten immer unabhängig sein, was uns bis heute auch gelungen ist. Für uns war es immer wichtig, dass sich die Veröffentlichungen und Konzerte selbst finanzieren – über Eintritt und Plattenverkäufe. In den jüngeren Jahren hat sich meine Einstellung, mein Zugang zur Förderkultur etwas verändert. Besonders bei meinem Steckenpferd, der Ambient-Musik, wäre vieles ohne Fördergelder nicht möglich. Und wenn sich Veranstaltungen nicht über Eintritts-Gelder finanzieren lassen, dann nehmen wir dafür eben Geld aus den ohnehin vorhandenen Kulturtöpfen. Kompakt steht für den "Sound of Cologne", den man über die Grenzen hinweg schätzt und auch Techno-Touristen anlockt.

Sollte Ihnen die Stadt eine Art Verdienstmedaille überreichen?
Das wäre schön. Eine Straße sollte übrigens auch bald mal nach mir benannt werden. Oder ein Kompakt-Denkmal auf der Kölner Domplatte wäre auch sehr fein (lacht). Nein, Scherz beiseite. Man hat ja einen gewissen Bekanntheitsgrat und der Name Kompakt steht für eine bestimmte Musik, die man weltweit kennt. Da kommt es schon mal vor, dass sich manche Menschen in Köln mit unseren Lorbeeren schmücken. Aber das sehen wir nicht so eng. Und irgendwie ist man ja auch stolz, wenn man in diversen Reiseführern erwähnt wird. Da weiß man wenigstens, dass man etwas erreicht hat.

Wie schätzen Sie die derzeitigen Entwicklungen am Musikmarkt ein?
Es ist ein Blindflug. Ständig ändern sich Richtung und Schwerpunkte. Da lässt sich gerade auf Modelle der digitalen Vermarktung ein, kommen schon wieder neue Möglichkeiten auf einen zu. Stichwort: Streaming-Dienste. Ich persönlich kümmere mich nicht mehr um diesen Teil der Musikvermarktung, da kennen sich andere im Unternehmen besser aus als ich. Für mich sind manche Dinge in Bezug auf den ideellen Wert der Musik bedenklich: Hier eine Schaufel voll beliebiger Musik, dort eine Flatrate. Diese ganze „All you can eat“-Mentalität in der Musik lehne ich total ab.

Der Kompakt-Sound

Die Bedeutung von Kompakt für die deutsche Techno-Landschaft kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Das Label hat sich vor allem mit seinen Produktionen im Minimal-Techno-Bereich international einen Namen gemacht. Es auf darauf zu beschränken, wäre aber falsch, denn mittlerweile haben die Kölner unzählige Sublabels gegründet, unter denen von Elektro-Pop über Autoren-Techno bis hin zu Ambient so gut wie alle Fächer der elektronischen Musik abgedeckt werden.

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