Kultur
05.12.2018

Woher Forscher wissen, dass Bruegel zensiert wurde

Hightech enthüllt: Die Werke von Pieter Bruegel dem Älteren wurden übermalt.

Der Ort des Geschehens: die Restaurierwerkstatt der Gemäldegalerie im Kunsthistorischen Museum (KHM). Elke Oberthaler öffnet die neue Homepage insidebruegel.net, klickt auf Pieter Bruegels Bild „Kampf zwischen Karneval und Fasten“ aus 1559 und sagt: „Schauen Sie! Hier liegt eine tote Frau!“ Bei normalem Licht unsichtbar, hat die Restauratorin die übermalte Figur unter Röntgenlicht entdeckt.

Dass Kunstwerke so manches Geheimnis preisgeben, wenn man die Wellenlänge des Lichts verändert, ist schon lange bekannt. Bereits 2012 begann das KHM daher, die zwölf hauseigenen Bruegel-Tafeln in der Restaurierwerkstätte mithilfe neuester technologischer, nicht invasiver Untersuchungsmethoden zu erforschen. Infrarotreflektografie, Auflichtaufnahmen, Streiflicht, UV-Fluoreszenz heißen die Methoden, mit denen Bruegels Bildern bisher ihre Geheimnisse entlockt wurden. Kooperationspartner dabei ist niemand geringerer als die Getty Foundation aus den USA.

Foto-Roboter

Jetzt hat das KHM aber noch eins draufgesetzt und Georg Kartnig von der Technischen Universität ( TU) Wien gebeten, ein computergestütztes Kamera-Positionierungssystem zu entwickeln. Der Foto-Roboter kann mit unterschiedlichen Kameras bestückt werden – so lassen sich Infrarotaufnahmen oder Röntgenaufnahmen in bisher unerreichter Präzession erstellen. Bis zu 200 Einzelaufnahmen pro Werk ermöglichen es, regelrecht in Bruegels Bilder einzutauchen – und das „in wahnsinnig hoher Auflösung“, sagte Kartnig über das weltweit einzigartige System.

Zurück in der Restaurationswerkstätte hat sich Oberthaler wieder in „Kampf zwischen Karneval und Fasten“ vertieft und auf die Suche nach weiteren verborgenen Figuren gemacht. Zwei Wickelkinder, die ein bettelndes Ehepaar vor der Kirchtür abgelegt hat, um seiner Not Nachdruck zu verleihen, sind ebenso verschwunden, wie ein Krüppel am rechten Rand und eine Leiche mit aufgedunsenem Bauch.

Bruegel habe so „krass“ und unverblümt gearbeitet, dass es manchem Nachgeborenen zu weit ging, sagt Oberthaler, die an der Universität für angewandte Kunst Restaurierung und Konservierung studiert hat. Daraufhin habe man Bruegel einfach zensiert – die expliziten Darstellungen von Toten und religiösen Symbolen in besonders provokanten Kontexten sowie übergroße Scham-Kapsel bei Männern wurden übermalt. Von wem? „Wissen wir nicht“, sagt die Restauratorin, sie ist aber sicher, dass es etwa 100 Jahre später passiert sein muss.

Auch der Meister selbst nahm unter Röntgenlicht nachvollziehbare Änderungen vor. So stapften im Vordergrund von „Die Jäger im Schnee“ aus 1565 ursprünglich nicht drei, sondern nur zwei Jäger durch das weltbekannte winterliche Weiß.

Gratis zugänglich

Damit viele Menschen und auch andere Forscher etwas von den neuen Erkenntnissen haben, ist alles in eine Open-Access-Homepage eingeflossen: Dort können dem Turmbau zu Babel, dem Selbstmord Sauls, der Bauernhochzeit und den neun anderen Werken die makrofotografischen und infrarotreflektografischen Aufnahmen gegenübergestellt werden. Und das alles mit wenigen Mausklicks.

Stefan Weppelmann, der Direktor der Gemäldegalerie, spricht von „Digitalisaten, die einen ganz neuen Zugang zu den Werken ermöglichen“, und Oberthaler ergänzt: „Das wird die Bruegel-Forschung beflügeln.“

Apropos Bruegel-Forschung: Am Donnerstag kommen Experten der niederländischen Malerei nach Wien, um die neuen Forschungsergebnisse auf dem Symposium „Bruegel. The Hand of the Master. Materials and Techniques of Pieter Bruegel the Elder“ zu diskutieren.

Info: http://www.insidebruegel.net