Kultur
15.01.2018

Wo Tanzstadel und Museum in Dialog treten

In der Ausstellung "Folklore" stellt die Frage nach der Rolle von Ritualen in der Kunst neu.

Menschen legen ihre Hände an den Felsen, halten Kreuze darüber, immer und immer wieder: Der eingebuchtete Stein an der Via Dolorosa in Jerusalem gilt vielen Gläubigen als "Handabdruck Jesu" und als Möglichkeit, ihrem Erlöser nahe zu kommen.

In Harun Farockis Film "Übertragung", der in der Schau "Folklore" im Museum der Moderne am Salzburger Mönchsberg läuft (bis 15.4.), steht das Ritual selbst unter Beobachtung: Ist es der Rest einer archaischen Frömmigkeit, die der moderne Mensch längst hinter sich gelassen hat? Oder ist nicht auch das Bildermachen, das Filmen und Fotografieren, eine "Übertragung", der Kunstbetrachter eine gewisse magische Wirkung zuschreiben?

Die Schau mit dem Untertitel "eine Kontroverse mit Werken aus dem Sammlungen" schickt sich an, die Fransigkeit von scheinbar so gegenläufigen Begriffen wie "Folklore" und Moderne" darzustellen. Galt doch Kunst in der Moderne als von Kitsch gereinigt, als magischer Schlüssel zu höheren Sphären durch die massenhafte Verfügbarkeit von Bildern obsolet: "An die Stelle ihrer Fundierung aufs Ritual tritt ihre Fundierung auf eine andere Praxis, nämlich ihre Fundierung auf Politik" – diesen Satz Walter Benjamins können Kunstgeschichte-Studierende herunterleiern wie andere das Vaterunser.

Dialektsprachen

Die Kirchgänger in Tiroler Dörfern, die das Künstlerduo Norbert Brunner und Michael Schuster 1979 und 1999 in nun ausgestellten Foto- und Tonaufnahmen dokumentierten, beteten allerdings in einem stark differenzierten Dialekt. Und auch die Kunst näherte sich dem Volkstümlichen stets in vielfältiger Weise: Der Fotograf Michael Mauracher etwa brachte sich in den 1980ern selbst dazu, seine Heimatregion, das Zillertal, mit distanziertem Blick zu sehen, und sah die Reibungsflächen zwischen modernen Entwicklungen – Tankstellen, Großraum-Tanzstadel – und der rustikalen Re-Inszenierung des ländlichen Raums.

Lois Weinbergers Werk "Home Voodoo I", für das der Künstler 2004 einen Schneemann einem seltsamen Ritual unterzog und ihn z.B. mit Lourdeswasser besprengte, balanciert zwischen einer Persiflage auf Volksfrömmigkeit undder Erkenntnis, dass zeitgenössische Performance-Kunst oft nicht viel anders agiert.

Dass Modernes und Volkstümliches ineinander greift und von einem Metier ins andere kippt, ist dieser Tage immer wieder zu erleben – nicht zuletzt in politischen Inszenierungen. Die Salzburger Schau hilft, ein waches Auge dafür zu trainieren – und sie tut es allein mit einem klugem Arrangement der Sammlung, ohne große Thesen und Erklärtexte.