Kultur
21.11.2017

Akademietheater: Flüchtlingskrise als Gesellschaftssatire

"Willkommen bei den Hartmanns" im Akademietheater: Viel Jubel für Film-Dramatisierung.

Dramatisierungen von Romanen oder Filmen im Theater sind oft problematisch. Und zwar deshalb, weil das Theater streng genommen keine Chance hat. Filme liefern verdichtete Nachbildungen von Leben, unschlagbar suggestivkräftig. Romane wieder vertrauen auf das Hirn des Lesers als Regisseur, das Bilder entwirft, welche immer stärker sind als die außerhalb des Kopfes.

Das einzige, was Theater tun kann: Auf seine Stärken setzen. Es ist eine Wundermaschine, die aus Luft, Text und dem Talent von Schauspielern Welten erzeugt.

Und genau das tut Peter Wittenbergs Inszenierung von "Willkommen bei den Hartmanns" im Akademietheater. Und deshalb ist dieser Abend zunächst einfach ein wunderbares Stück Theater, bei dem alles zum Einsatz kommt, was die Bühne zu bieten hat: Furiose Schauspieler, Filmzuspielungen, Spiel aus dem Publikum, ein riesiges aufblasbares Sofa, ein brennendes Häuschen, Tanz, Musik, Turnübungen.

"Willkommen bei den Hartmanns" ist im Original eine deutsche Filmkomödie von Simon Verhoeven (hier im KURIER-Interview): Eine spießige, dysfunktionale Familie nimmt einen Flüchtling auf, der, nur durch seine Anwesenheit, das Leben aller Familienmitglieder zum Besseren wendet – und im letzten Moment vor der Abschiebung gerettet wird.

Satire und Kabarett

Angelika Hager – Autorin der "Polly-Adler"-Kolumnen in der KURIER-FREIZEIT – machte aus dem Text ein Theaterstück. Hagers Version ist schärfer und schroffer, stellenweise ist sie ziemlich brutale Gesellschafts-Satire. Gezeigt wird, wie verlogen der Umgang mit dem Thema Flüchtlingen bei allen Beteiligten ist.

Hager, erfolgreiche Autorin von Kabarett-Programmen, hat den Text auch mit Kabarettistischem angereichert, es gibt, natürlich, eine Sebastian-Kurz-Parodie, es gibt viele bissige Anspielungen auf aktuelle Politik, und geschont wird niemand, weder Rechte, noch selbst ernannte Gutmenschen.

Hier liegt die einzige Schwäche des Abends: Weil es im ersten Teil soviel Aktuelles zu beblödeln gilt, kommt die eigentliche Handlung nur langsam in Gang, nach der Pause geht dann die Zeit aus und die Geschichte beginnt zu hudeln.

Großartig sind wie immer am Burgtheater die Schauspieler: Markus Hering als von Alters-Angst gepeinigter Arzt, Alexandra Henkel als seine trinkende, gelangweilte Frau, Alina Fritsch als Tochter auf Selbstsuche, Simon Jensen als karrieregeiler Sohn, Valentin Postlmayr als wohlstandsverwahrloster Enkel, Sven Dolinski als türkischer Jungarzt, Dietmar König als schnöseliger Schönheitschirurg, Sabine Haupt als hysterische Ausdruckstänzerin, Petra Morzé in mehreren köstlichen Rollen, Michael Masula als stalkender Nazi und Dirk Nocker als Flüchtlingshelfer.

Allen voran aber ist David Wurawa als Flüchtling Diallo zu nennen: Sein Spiel ist großartig, zurückgenommen, sehr subtil, ebenso komisch wie berührend.

Fazit: Ein witziger, böser, sehr entlarvender, stellenweise ein wenig derber Abend. Der größere Teil des Publikums war begeistert.