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Kultur
09/16/2020

Wiener Philharmoniker überlegen "gesamtes Publikum testen zu lassen“

Vorstand Daniel Froschauer und Geschäftsführer Michael Bladerer über das Musizieren in Zeiten der Pandemie, über Verluste – und Visionen fürs Neujahrskonzert.

von Georg Leyrer, Thomas Trenkler

Am Freitag findet das wegen Corona um drei Monte verschobene Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker hinter dem Schloss Schönbrunn statt. Entgegen der Hoffnungen praktisch ohne Publikum – als TV-Event (20.15, ORF2). Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer gesteht im KURIER-Interview ein, im Frühsommer etwas naiv gewesen zu sein: Er dachte, dass im Herbst ganz normal gespielt werden könne. Auch in der Staatsoper und im Musikverein. Zusammen mit Geschäftsführer Michael Bladerer erklärt er die Lage.

KURIER: Die Philharmoniker sind in einer schizophrenen Situation: Im Musikverein machen sie bei Konzerten keine Pause, als Staatsopernorchester hingegen schon. Was ist nun sinnvoller?

Daniel Froschauer: Daran sieht man, dass die verschiedenen Häuser verschiedene Präventionskonzepte haben.

Michael Bladerer: Auch bei den Salzburger Festspielen wurde ohne Pause gespielt.

Froschauer: Die Staatsoper will ja eine Bandbreite an Repertoire anbieten. Die Opern, die man ohne Pause spielen kann, kann man an einer Hand abzählen. Den fünfaktigen „Don Carlos“ ohne Pause – das wäre undenkbar.

Aber zum Beispiel „Falstaff“ und „Das Rheingold“?

Froschauer: Ja, schon. Aber ganz ehrlich: Ein Operndirektor plant drei Jahre im Voraus. Er müsste den gesamten Spielplan auf den Kopf stellen. Das wäre eigentlich gar nicht möglich.

Die Philharmoniker haben doch viele Opern abrufbar.

Froschauer: Selbstverständlich, das ist unsere Aufgabe, das wäre nicht das Problem. Aber die Sänger sind für bestimmte Opern verpflichtet.

Und wenn man notfalls einen Akt auslässt, um mit zweieinhalb Stunden ohne Pause durchzukommen?

Bladerer: Puh! Also künstlerisch … Das trauen wir uns nicht vorzuschlagen. Wir lassen ja auch bei einem Konzert nicht einen Satz aus, um zum Beispiel eine Brahms-Sinfonie kürzer zu machen.

Auch die Philharmoniker spielen mitunter nur einen Satz aus einer Sinfonie.

Froschauer: Vielleicht bei einem Sommernachtskonzert in Schönbrunn. Aber das kann nicht der Normalfall sein.

Haben wir den Normalfall? Erst jüngst gab es im Rahmen einer Operetten-Vorstellung der MUK, der Wiener Musikuniversität, einen Corona-Cluster …

Bladerer: Aber er hat nichts mit uns zu tun. Das war in einem Kellertheater – und die Mitwirkenden dürften nicht getestet gewesen sein. Allein in den vier Wochen bei den Salzburger Festspielen hatten wir 750 Testungen. Wir versuchen, alle Risiken auszuschließen.

Bei der „Elektra“ in der Felsenreitschule saßen die Musiker so eng zusammen wie immer.

Bladerer: Die Oper verlangt 108 Musiker, da hat man keine Alternative. Daher haben wir uns auch immer testen lassen.

Froschauer: Wir sind der Qualität verpflichtet – auch in Corona-Zeiten. Wir lassen uns testen, wir tragen Masken, halten Abstand, aber auf der Bühne oder im Orchestergraben spielen wir wie gewohnt.

Bladerer: Generell regiert die Vorsicht. Auch die Besucher der Staatsoper sind vorsichtig. Sie bringen die Gesundheit mit und wollen sie auch wieder mit nach Hause nehmen.

Oder sie verzichten. Früher musste man jahrelang auf ein Philharmoniker-Abo warten – jetzt kann man Karten für die Konzerte kaufen, die als Ersatz für das abgesagte Abo angeboten werden.

Froschauer: Die Abonnenten sind seit Anfang an wie Familie für uns. Sie haben das Geld zurückerhalten und nun ein Vorkaufsrecht.

Bladerer: Daher kamen noch gar keine Karten in den freien Verkauf!

Froschauer: Und wir haben die neu hinzugekommenen Konzerte mit Herbert Blomstedt noch gar nicht beworben. Wegen des Kartenverkaufs machen wir uns keine Sorgen.

Aber über eine mögliche Verpflichtung, die Zahl der Zuschauer zu reduzieren?

Froschauer: Wenn Sie mich im Frühsommer gefragt hätten, hätte ich gesagt, dass wir im September ganz normal spielen. Ich war so naiv, auch wenn bereits damals viele vor der zweiten Welle gewarnt haben. Ja, die Infektionszahlen sind jetzt nicht gut. Das gilt es zu respektieren. Und die Gesundheit geht vor. Trotzdem hoffen wir, dass es mit den Präventionsmaßnahmen möglich ist, eine Zuschauerzahl zu halten, die sinnvoll ist.

Bladerer: Das wären im Musikverein etwa 1.000, also die Hälfte. Wir sind als Verein, der sich einmietet, Unternehmer. Unter dieser Zahl wäre es ökonomisch kaum mehr vertretbar. Bei 250 Besuchern hätten wir ja nur mehr ein Achtel der Einnahmen.

Das stimmt nicht. Denn die billigen Plätze würden Sie ja dann nicht mehr anbieten.

Bladerer: Ja, die Stehplätze und den Orgelbalkon mit den wirklich günstigen Karten gäbe es nicht. Trotzdem wären die Einnahmen zu gering. Und die Preise anheben: Das würden wir nicht wollen.

Vor 500 Zuhörern würden Sie daher nicht spielen?

Froschauer: Doch, weil wir die gesellschaftliche Verpflichtung haben, das kulturelle Leben aufrechtzuerhalten.

Zudem sind die Philharmoniker ohnedies subventioniert.

Bladerer: Wo? Wie? Die sogenannte „Subvention“ des Sommernachtskonzerts trägt gerade einmal die Kosten für den Aufbau der Bühne und die Tonanlage.

Froschauer: Es ist tatsächlich so: Das Sommernachtskonzert ist das Geschenk der Philharmoniker an die Musikliebhaber in der ganzen Welt. Es hat sich – nach dem Neujahrskonzert – als zweitgrößter TV-Event im Klassikbereich etabliert.

Bladerer: Aber dass wir damit das große Geld verdienen: Das ist nicht der Fall! Wir sind froh, wenn wir die enormen Kosten einigermaßen hereinspielen.

Um die Finanzlage der Philharmoniker muss man sich jetzt aber keine Sorgen machen. Eben weil sie in der Staatsoper angestellt sind.

Bladerer: Ja, da gebe ich Ihnen recht. Aber es sind im letzten halben Jahr 35 Konzerte ausgefallen. Und ob unsere Asien-Tournee stattfinden kann, ist fraglich. Das wären enorme Verluste.

In welcher Höhe?

Bladerer: Wir geben nie Zahlen bekannt.

Zurück zur drohenden Zuschauerbeschränkung: Es müsste, wenn es sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt, eine Unterstützung der öffentlichen Hand geben?

Froschauer: Das würden wir besprechen, wenn es so weit wäre. Aber dazu müsste es vorher eine Meinungsbildung im Orchester geben.

Und wie sieht es mit dem Neujahrskonzert aus?

Froschauer: Wer weiß schon, was dann sein wird? Wir würden es gerne ganz normal spielen – in einem voll besetzten Goldenen Saal und mit Pause. Und wir denken darüber nach, das gesamte Publikum in den Tagen davor testen zu lassen. Das wäre eine Vision – und eine logistische Herausforderung. Aber vielleicht gibt es bis dahin Schnelltests.

Was wäre der Plan B? Ein Konzert nur fürs Fernsehen?

Froschauer: Wollen Sie das wirklich? Die Wiener Philharmoniker haben sich von Anfang an verpflichtet, positiv in die Zukunft zu blicken. Und das tun wir. Auch wenn wir keine Hellseher sind.

In Schönbrunn
Sonst kommen rund 100.000 Besucher. Dieses Mal aber ist der Park gesperrt, nur geladene Gäste sind dabei: Am Freitag gibt es das Sommernachtskonzert. Valery Gergiev dirigiert ein Programm rund um die Liebe, Startenor Jonas Kaufmann singt. Beiwohnen kann man im TV: 20.15 Uhr, ORF2

Im Musikverein
Zusatzkonzerte am 24., 25. und 27. 9. mit Herbert Blomstedt. Der Dirigent betont: „Musik vereint, auch in Corona-Zeiten“. Tickets auch für die weiteren Konzerte beim Musikverein

 

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