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Wiener Kulturpolitik: Das Spektakel der Selbstzerfleischung

Veronica Kaup-Hasler muss 45,7 Millionen Euro einsparen. Was droht, zeigte sich rund um die Neubestellung des Schauspielhauses
PK "VORSTELLUNG DER NEUEN KÜNSTLERISCHEN LEITUNG VON SCHAUSPIELHAUS WIEN": KAUP-HASLER (SPÖ)/OSTERTAG

Seit einem Jahr schwebt ein Damoklesschwert über der Wiener Kunstszene. Denn die mittelfristige Finanzplanung sieht für 2027 in der Geschäftsgruppe Kultur und Wissenschaft eine Reduzierung der Mittel von 353,7 Millionen Euro auf deren 308 vor, um 45,7 Millionen oder 13 Prozent weniger. Hinzu kommt eine Inflation von 3,4 Prozent.

Schon längst müssten Vorschläge auf dem Tisch liegen, wo die Kulturstadträtin zu sparen gedenkt. Doch Veronica Kaup-Hasler kommt als Dramaturgin aus der Kunst: Sie wehrt sich mit Händen und Füßen gegen Kürzungen oder Streichungen. Und zog es vor, den Kopf in den Sand zu stecken. Zumindest erweckt sie den Anschein.

Ihre bisherige Taktik im kostenintensiven Bereich der darstellenden Kunst war (auch in Zusammenhang mit dem von ihr geforderten Fair Pay): „Macht weniger! Denn dann kommt Ihr mit dem Geld aus.“ Sie wollte die Häuser erhalten. Das Credo der Sozialdemokraten lautet seit jeher: Wir schließen keine Spielstätten – so wie in Deutschland. Als Sündenfall galt die Aufgabe des Schillertheaters in Berlin 1993.

Doch dieser Ansatz ist geradezu verheerend. Das Teure sind ja nicht die Inszenierungen; ins Geld geht die Infrastruktur. Die Auswirkungen kann man längst sehen, man muss sich nur die dürftigen Spielpläne der mittelgroßen Bühnen anschauen.

Viel öfter zu als offen

Im April bot das Theater Drachengasse im Saal keine einzige Produktion an, im Mai zeigt man nur „Ich sehe Clara“. Und dann beginnt die lange Sommerpause.

Das Theater am Werk in Meidling – man verfügt dort eigentlich über zwei Säle – behilft sich mit Koproduktionen oder Einmietungen. In den vergangenen Tagen fanden die Abschlussvorstellungen der Musical Academy Vienna statt, ab 30. Mai gastiert das Aktionstheater Ensemble mit „Human“. In der zweiten Spielstätte, am Petersplatz, gab es im Mai gerade einmal drei (!) Veranstaltungen, von 2. bis 6. Juni zeigt die Schauspielschule Krauss dort „Morir“. Und die Schauspielschule Ott präsentiert von 10. bis 14. Juni in Meidling „antigone blackbox“. Von da an ist der Laden zu – für vier Monate. Es geht erst ab 21. Oktober weiter: mit vier Vorstellungen „Die Quelle“ von Calle Fuhr.

Ein drittes Beispiel: Das Kosmos Theater zeigte im April die Uraufführung „Was sind wir für Tage“ (elfmal), im Juni mieten sich für vier Vorstellungen die Wiener Festwochen ein. Ab 14. Juni ist auch dieses Theater im Urlaub. Den Mai zumindest rettete Sara Ostertag mit zehn Vorstellungen: Ihr TEATA brachte „Fretten“ zur Uraufführung.

Ostertag sorgte aber nicht nur im Kosmos für Frequenz: Weil das ihr 2025 übertragene Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) unter anderem wegen Feuchtigkeit aufwendig saniert werden muss, kann sie es erst im Herbst wiedereröffnen. Die Regisseurin, die nebenbei für Florentina Holzinger arbeitet (und an deren spektakulärem Biennale-Venedig-Projekt mitgearbeitet hat), wollte aber die neue Marke TEATA bekannt machen.

So gab es diese Saison vier Premieren in Wien: „Das Ende ist nah“ von Amir Gudarzi kam im November 2025 im Schauspielhaus heraus, im Februar folgte im Nestroyhof Hamakom „Lebenswerk“, Ende März im Theater am Werk das „Piksi-Buch“ von Barbi Marković – und schließlich, am 12. Mai, „Fretten“.

Aber selbst mit dem TEATA als quersubventionierender Einspringer sind die Bühnen weit öfter zu als offen. Eine vorausschauende Kulturstadträtin hätte längst sagen müssen: Wir fusionieren Theater, schließen zum Beispiel die Drachengasse, deren Raum ohnedies schwer zu bespielen ist, und ihre Produktionen sind hinkünftig im Kosmos zu sehen. Dies hätte zwar Kündigungen zur Folge (weil nicht zwei komplette Teams für Verwaltung und Technik benötigt werden), aber die künstlerische Vielfalt bleibt gewahrt.

Denn eines ist gewiss: Mit Kosmetik und Vertröstungen auf eine strahlende Zukunft wird es nicht mehr gehen. Es geht viel mehr ans Eingemachte. Die – vom Kulturamt in Abrede gestellte – Idee, in der Not keine Mehrjahresverträge mehr abzuschließen, ist aber der völlig falsche Weg: Die Theatermacher brauchen Planungssicherheit. Das sollte Kaup-Hasler, einst Intendantin, wissen. Und den kleinen Häusern Beträge von 50.000 Euro wegzunehmen, bringt auch nichts, wenn man 45 Millionen einsparen muss. Kaup-Hasler wird, sollte sie die Finanzstadträtin nicht umstimmen können, holzen müssen. Vernünftigerweise auf Basis von Evaluierungen.

Missgunst und Niedertracht

Dass die Nerven blank liegen, zeigte sich kürzlich. Denn Ostertag wurde von Kaup-Hasler als Leiterin des Schauspielhauses ab Sommer 2027 designiert – zusätzlich zum TEATA. Im Widerspruch zu den ethischen Prinzipien, die sich das Haus auferlegt hat, reagierte man frauenfeindlich mit Missgunst. Und das aufgehusste Netzwerk machte mit einem offenen Brief die Mauer: Das gegenwärtige Leitungsteam, das sich durch „reflexive Awareness“ auszeichne, müsse bleiben. Es bestätigte sich wieder Bert Brechts Binsenweisheit: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

Ja, das Leitungsquartett hat nichts grob falsch gemacht: Es begnügte sich eben mit den bescheidenen Zahlen des Vorgängers Thomas Schweigen. In der letzten Saison zählte man knapp 14.000 Besuche bei Eigenveranstaltungen mit Eintritt. Der weit schlechter dotierte Rabenhof von Thomas Gratzer kam fast auf das Fünffache.

Und ja, von Einsparungsmaßnahmen war in der Ausschreibung nicht die Rede. Aber Ostertag interpretierte vielleicht die Zeichen der Zeit richtig? Eine „strukturelle Partnerschaft“ zwischen dem Schauspielhaus und dem TEATA ist jedenfalls keine blöde Idee, auch wenn es sich um verschiedene Trägerorganisationen handelt. Es gilt eben, die Verwaltung zu verschlanken, um mehr Mittel für die Kunst zu haben.

Diese Jury ist kein Feigenblatt

Was sich da an Widerwärtigkeit gegenüber Ostertag auftat, sollte Kaup-Hasler als Warnung dienen: Wenn sie nicht durchargumentierte Gründe für Kürzungen liefert, wird sich die Szene gegenseitig zerfleischen. Und wenn die Stadträtin Selbstreflexion signalisieren will, wird sie eingestehen müssen, dass der Entscheidungsprozess völlig indiskutabel verlaufen ist.

Wie wir wissen, braucht es große Jurys, um versteckte Abhängigkeiten oder persönliche Animositäten von Einzelnen auszugleichen. Das gegenwärtige Schauspielhaus-Quartett wurde daher von einem zehnköpfigen Gremium empfohlen.

Die Jury, die jetzt am Zug war, bestand hingegen nur aus vier Personen: Arne Forke und Eva Kohout sind im Kulturamt der Stadträtin unterstellt. Die Dramaturgin Kathrin Bieligk arbeitete u. a. für Kaup-Hasler (als Mitglied im Kuratorium für Theater, Tanz und Performance). Und Nuran David Calis, Schauspieldirektor des Salzburger Landestheaters, bringt im nächsten Jahr ein Stück von Amir Gudarzi heraus. Ostertag hat eine Nähe zu dem Autor: Sie inszenierte dessen Stück „Das Ende ist nah“ im Schauspielhaus, in Zukunft wird er Hausautor.

Ein solches Jury-Quartett, das eine einstimmige Empfehlung für Ostertag aussprach, kann nicht einmal ein Feigenblatt sein. Mit diesem hat sich Kaup-Hasler jede Blöße gegeben. Das hat mit einem demokratischen Prozedere nichts mehr zu tun, das erinnert an Viktor Orbán.

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