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Wiener Festwochen: Nun herrscht wieder Ruhe im Götterstaat

Resümee: Am Sonntag endet das Festival, Intendant Milo Rau jubelt. Aber selbst der Partyabend „Doppelgänger“ beglückte nur wenig
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Genau fünf Wochen hat uns Milo Rau auf Trab gehalten. Und uns gehörig mit seinem Götterkultstaat namens „Republic of Gods“ genervt.

Begonnen hatte er die Wiener Festwochen in bestem Werbesprech mit dem „besten Stück aller Zeiten“. Der von ihm zur „Weltpremiere“ gebrachte Rückblick zum 75-Jahr-Jubiläum des Festivals, angereichert mit viel Ikonenanbetung und Glorifizierung, ging im Weihwasser unter. Man muss ihm das nicht verübeln: Rau hat es zumindest versucht, und er dürfte selbst verzweifelt gewesen sein, weil das Stück aller Stücke, bei den Proben immer wieder umgeschrieben, nur Stückwerk blieb. Aber es wollte sich auch in der Folge kein wirklicher Lauf, keine Euphorie einstellen. Zu viele Produktionen entsprachen nicht dem Niveau der Festwochen, kaum eine löste ein, was man sich erhofft hatte oder erhoffen durfte.

Begeistern konnte am ehesten die spanische Performancekünstlerin Angélica Liddell, die sich in „Seppuku. Die Beerdigung von Mishima oder die Lust am Sterben“ intensiv wie variantenreich mit dem (ritualisierten) Selbstmord – der Tod ist seit jeher ihr Thema – auseinandersetzte. Wohl noch mehr Jubel gab es für Thorsten Lensings hoch poetisches Stück „Tanzende Idioten“, in dem Ursina Lardi als todkranke Frau nach einer imaginierten Reise zum Mond (samt Kater) aus dem Leben verschwindet. Und zu einem Manifest gegen Gewalt geriet die Musiktheaterproduktion „The Day Before“ von Brigitta Muntendorf.

Aber das war’s auch schon mit den echten Highlights. So bleibt nach fünf Wochen, die mitunter zach waren, nicht viel in Erinnerung, vielleicht eine der Performances, vielleicht die Auftritte von Patti Smith, vielleicht die Volkstheater-Produktion „Mythen des Alltags“, vielleicht das „Pfingstspiel“ von Florentina Holzinger als eine mit Schlagzeuggewitter und Cello-Klängen aufgepimpte Stunt-Show: Die Performerin kam als Heiliger Geist hernieder (an der Fassade des Hotels Intercontinental) und zähmte in Ben-Hur-Wagenrennen-Pose einen im Kreis driftenden BMW.

„Das tragische Schicksal der Sonate Nr. 2“ erinnerte an einen Volkshochschulkurs, der „Parsifal“ in der Regie von Susanne Kennedy mit der digitalen Bilderflut von Markus Selg lähmte. Und die Gruppe Nesterval scheiterte mit ihrer viel zu komplex gedachten, von Richard Wagners „Götterdämmerung“ inspirierten Nibelungensagen-Adaption.

Vielleicht ist es doch keine gute Idee, all das zusammenzufischen, das irgendwie mit Religion zu tun hat? Zum Ausklang der Festwochen, die offiziell am 21. Juni enden, hatte Rau zumindest ein Einsehen: Er ließ Party machen.

Mitmachtheater

Allerdings verpflichtete er als MC die deutsch-britische Gruppe Gob Squad, die im September 2025 zur Wiedereröffnung des Burgtheater-Kasinos einen Flop landete. Derart langweilig wie das Mitmachtheater „Turn“ war „Doppelgänger/Doppelganger“ jedoch nicht. Auf Kosten des freudig mitspielenden Publikums durfte man bei der Uraufführung am Donnerstag herzhaft lachen.

Die Frage ist ja recht reizvoll: Kann es nicht sein, dass man unter den mittlerweile 8,3 Milliarden Menschen auf der Welt einen Doppelgänger hat? Und was wäre, wenn dieser just heute und hier in der Vorstellung sitzen würde?

Mithilfe eines Auswahlverfahrens ermittelt ein Ensemblemitglied jemanden im Saal, der alle persönlichen Merkmale erfüllt. Und diese Person ist dann, gleich kostümiert, der Doppelgänger. Erstaunlich, wie verwechselbar man mit einer grauen Perücke wird. Was folgt und in Loops mehrfach durchexerziert wird, ist der immer gleiche Trick: Die Doppelgänger werden zum Spielball oder dürfen ihre Vorbilder zum Spielball werden lassen. Denn entweder wird ihnen über das Headset eingeflüstert, was sie zu sagen haben, oder sie dürfen nachplappern, was ihnen eingeflüstert wird. Dieses digitale Stille-Post-Spiel hat schon seine Reize. Wenn es zum Beispiel den Laien an Schlagfertigkeit mangelt und der Komplize auf der Bühne mit Mimik und Gestik rettende Worte erfleht.

Die Sache nutzt sich allerdings recht bald ab, der Rest ist Klimbim rund um eine recht absurde Geburtstagsparty im durchaus reizvollen Bühnenbild: Nina von Mechow spielt mit Elementen des Spiegelkabinetts, auf deren vorgelagerter Wand (und darüber) das projiziert wird, was drinnen passiert. Doch nicht immer ist das Videobild deckungsgleich – und so gibt es kleine Überraschungen.

Gob Squad bringen auch Artverwandtes zum Doppelgänger-Phänomen unter, etwa das Déjà-vu. Als Running Gag fällt der Satz: „Ich hab das Gefühl, ich war hier schon mal.“ Doch in die Tiefe lotet der mit wummernden Beats, fetziger Musik und einem finalen „(Ghost) Riders in the Sky“ untermalte Abend nie. Aber ein bisschen Partystimmung – „Yippie-yi-yay“ – war zum Schluss des Festivals okay, das Publikum in der nicht ausverkauften Halle G dankte mit Jubel.

Prophetenparade

Und auch Rau jubelte: Er ließ am Freitag mit viel Werbesprech – „dieses Jahr jagte eine Theatergöttin, ein Theatergott den nächsten“ – einen „Besucherrekord“ verkünden. Über 196.000 Menschen seien gezählt worden, fast zwei Drittel davon beim Eröffnungsspektakel auf dem Heldenplatz. Die extrem hoch gegriffene Zahl ist allerdings unbestätigt. Und die angegebene Auslastung sank in den Rau-Jahren kontinuierlich: von 96 auf 93 und nun 91 Prozent. Sei’s drum. Denn Rau kann sich tatsächlich rühmen, „mit der Aufregung um die selbsternannten Propheten Peter Thiel und Braco die gesellschaftspolitischen Debatten des Frühjahrs“ bestimmt zu haben. Ob aber seine Schlussfolgerung, „dass Schönheit und Skandal nach wie vor zusammengehören beim größten Crossover-Festival der Welt“ stimmt? Für die Festwochen 2026 wie für „Doppelgänger“ gilt:

KURIER-Wertung: 3 Sterne (von 5)

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