"Nestervals Nibelungen“: In den höllischen Paradiesen von Wien
Martin Finnland lässt sich als Roßweiße vom Hippie-Lager „Wallden“ (im Augarten) nach „Donaugold“ schicken – und erlebt dort eine brutale Diktatur der Dekadenz.
Wir schreiben das Jahr 2044. Der Klimawandel hat Österreich versteppen lassen, nach zwei verheerenden Wasserkriegen wurde Wien zur Geisterstadt, in der Banden ihr Unwesen treiben. Aber es gibt zumindest zwei Refugien mit Quellwasser, in denen es sich leben lässt: die abgeschottete Festung „Donaugold“ beim ehemaligen Nordwestbahnhof – und das Zeltlager „Wallden“ am Rand des Augartens.
Bevölkert werden sie von Figuren, die wir aus der Nibelungensage kennen – und zum Teil auch aus „Nestervals Götterdämmerung“. Mitte Dezember 2024 hatte die queere Gruppe rund um Teresa Löfberg und Martin Finnland ihre Interpretation von Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ im NEST, der Neuen Staatsoper im Künstlerhaus, herausgebracht: Sie erzählte vom Auseinanderbrechen der Zivilgesellschaft. Damals schrieb man das Jahr 2038: Wasser wurde zu Wucherpreisen verkauft, Fasold hatte vor, das Luxusresort „Donaugold“ zu errichten.
Mit den Wiener Festwochen beziehungsweise dem Brut als Partner spinnt Nesterval seine Dystopie nun weiter. Die Uraufführungen der beiden Gegenentwürfe, gespeist mit Ideen aus „Schöne Neue Welt“ von Aldous Huxley und „1984“ von George Orwell sowie „Walden“ von Henry David Thoreau, fand am Sonntag statt.
Der Beginn ist da wie dort ähnlich: Die dekadenten Reichen rund um Alberich (Alkis Vlassakakis) und Krimhild (Eva Deutsch) suchen „Heloten“, wie die Leibeigenen in Sparta hießen. Sie sollen den Betrieb aufrechterhalten, als Gegenleistung gibt es Schutz, Wasser und Nährmehl. Einmal im Jahr, zum Opferfest, also heute, lässt man 100 „Helotenanwärter“ ein.
„Liebet und lebet!“
Auch zu der Hippie-Sekte darf eine Hundertschaft: Die „Periöken“ (so hießen die freien Bewohner Spartas) sollen beim Erntedankfest, also heute, die Ideologie „Liebet und lebet“ aufsaugen, um damit die Welt zu besamen.
Da wie dort gibt es zunächst einen Gesundheitscheck. Im Augarten begleitet von salbungsvollen Worten, umwolkt von Patschuli und Haschisch. In der Brut-Halle hingegen wird man herumkommandiert – und geistert mit seinem spacigen Faceshield wie ferngelenkt durchs Labyrinth. Die Stimmung ist beklemmend. Sie führt dazu, dass sich kaum jemand traut, den Mund aufzumachen. Aber Nesterval geht es in den immersiven Spektakeln eigentlich um die Interaktion. Man hat sich selbst ein Bein gestellt.
in der Festung "Donaugold" (im Brut): Diktatur und Dekadenz.
Da wie dort gibt es eine Lernphase. Sie kann auch in „Donaugold“ sehr unterhaltsam sein (etwa bei Laura Athanasiadis als Donner), im idyllischen „Wallden“ aber macht die Recherche ungleich mehr Spaß. Brünhild (Martin Walkner) reicht ein Elixier mit Apfelessig, Fricke (Romy Hrubeš) verpasst allen eine Schminke aus Rote-Rüben-Pulver. Doch dann schickt die entrückte Erda (Christopher Wurmdobler) den Walkür Roßweiße nach „Donaugold“, um nach Waltraude zu suchen. Martin Finnland kommt also an beiden Orten zum Einsatz.
Danach sind die Götter nur mehr mit ihren Intrigen beschäftigt. Auf die Heloten und Periöken wird fast vergessen, sie werden lästig und fortgeschickt.
Für „Wallden“ gilt, obwohl auch die Kommune keine Lösung ist: 4 von 5 KURIER-Wertungssternen
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