Seit Jahren sanierungsbedürftig: das Wien Museum am Karlsplatz

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Kulturpolitik
11/12/2013

Wien Museum größer und schöner am Karlsplatz

Die Standortfrage ist entschieden: Das Wien Museum bleibt am Karlsplatz.

von Werner Rosenberger

Das ist epochal für Wien“, freut sich Wien-Museum-Direktor Wolfgang Kos. Sein Vertrag läuft zwar 2015 aus, ein Nachfolger wird ab 2014 gesucht. Aber sein Haus bleibt – nach jahrelanger Standort-Diskussion– am Karlsplatz. Der Oswald-Haerdtl -Bau „wird um einen modernen zukunftsweisenden Neubau erweitert werden“, sagte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny Dienstagabend. 70 mögliche Standorte seien geprüft worden, die letzte Alternative am Hauptbahnhof sei „weiter offen für eine kulturelle Nutzung“.

Aber das Wien Museum neu sei „der erste große Kulturbau der Stadt Wien im 21. Jahrhundert – mit der bestmöglichen Sichtbarkeit und Zugänglichkeit und einer bestmöglichen grundlegenden Neugestaltung“. Nur hier sei eine „spezifische Spannung zwischen Alt und Neu“ gegeben. „Eine Sanierung, eine Erweiterung und ein Neubau entsprechen auch mehr der Zeit“, sagt Mailath-Pokorny. Er beziffert die Kosten vergleichbarer Projekte mit 50 bis 100 Millionen Euro und legt sich auf ein Budget noch nicht fest. Die nächsten Schritte: die Bestellung des Projektmanagement-Teams und ein städtebaulicher sowie ein architektonischer Wettbewerb 2015.
„Das Thema beim Wien Museum neu ist nicht der Aus- oder Zubau, sondern das Gegenüber“, ist Wilfried Kiehn vom Architekturbüro Kuehn Malvezzi überzeugt. Ein separater Baukörper mit unterirdischer Verbindung könne das Areal insgesamt aufwerten.

Geplant ist ein Ensemble, wobei die Weltkulturerbe-Bewacher und Denkmalschützer keine Gegner sind, versichert Mailath-Pokorny. Außerdem wird die Ausstellungsfläche von derzeit 3000 verdoppelt, wobei es weniger um das Mehr an Fläche geht, so Kos, als um „eine Qualitätsverbesserung und substanzielle Erneuerung“. Das Ziel ist „ein zweites offenes MuseumsQuartier“, sagt Mailath-Pokorny. Wenn die Schmuddel­ecke, dort, wo der Karlsplatz „ein bisschen ausrinnt“, so Kos, attraktiver wird: „Wer weiß, vielleicht wird es 120 Jahre nach der Secession wieder ein Ansichtskartenmotiv vom Karlsplatz geben.“ Ein „städtisches Universalmuseum des 21. Jahrhunderts“ zu kreieren, ist für die Politiker eine noble „Aufgabe der Stadtentwicklung und eine große Chance für Wien“. Nachsatz von Kos: „Aber ohne Mut zu einem starken Statement wird es bei diesem Projekt nicht gehen.“

Stadtgeschichte am Karlsplatz seit 1959

Das Wien Museum am Karlsplatz hat inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert am Buckel. Vor gut 54 Jahren, genaugenommen am 23. April 1959, wurde das Ausstellungshaus neben der Karlskirche feierlich eröffnet. Architekt Oswald Haerdtl zeichnete für die Planung des reduziert modernistisch gehaltenen Baus verantwortlich. Er war der erste und bis in die 1990er-Jahre einzige Museumsneubau der Bundeshauptstadt.

Mit der Errichtung erhielt das "Historische Museum der Stadt Wien" eine fixe Heimstätte. Die Gründung war allerdings bereits Jahrzehnte zuvor, im Jahr 1887, erfolgt. Die städtischen Sammlungen waren damals noch im Rathaus untergebracht. Schon um 1900 wurde überlegt, für ein eigenes Haus am Karlsplatz Geld locker zu machen. Dazu gab es sogar einen äußerst spektakulären Entwurf von Otto Wagner, der allerdings nie realisiert wurde. Die zwei Weltkriege ließ die Sache auf der Prioritätenliste schließlich weit nach unten rutschen.

Erst in den 1950er-Jahren setzte sich der damalige Bürgermeister und spätere Bundespräsident Theodor Körner (SPÖ) nachdrücklich für ein eigenes Stadtmuseum ein. Die Grundsteinlegung erfolgte 1954, wobei die Baukosten mit 39 Mio. Schilling (2,83 Mio. Euro) beziffert wurden. Eine Eintrittskarte war anfangs für fünf Schilling (rund 35 Cent) zu haben. Zur Premiere zeigte man Kupferstiche von Hieronymus Löschenkohl - eine Schau, die anlässlich des 50-jährigen Museumsjubiläums 2009 noch einmal in möglichst originalem Arrangement zu bestaunen war.

Jahrzehntelang schlummerte das Ausstellungshaus, inzwischen denkmalgeschützt, großteils wenig beachtet vor sich hin. 2003 wurde schließlich der jetzige Direktor Wolfgang Kos zum neuen Leiter bestellt. Er nahm sich eine moderne Neupositionierung vor. Tatsächlich konnte die seither unter dem Namen "Wien Museum" firmierende Kulturinstitution ihr Profil schärfen und mit niederschwellig und kreativ aufbereiteten sowie thematisch breit gefächerten Sonderausstellungen punkten - darunter Publikumsmagneten wie "Alt-Wien - Die Stadt, die niemals war" oder "Kampf um die Stadt - Politik, Kunst und Alltag um 1930". Außerdem wurde das Foyer neu gestaltet und der Innenhof ("Atrium") überdacht. Die Übersiedelung von rund einer Million Objekte in das neue Depot in Himberg/NÖ läuft gerade und soll bis Mitte 2014 abgeschlossen sein.

Derlei Erfolge bzw. Verbesserungen konnten aber vor allem in den vergangenen Jahren nicht darüber hinweg täuschen, dass der Haerdtl-Bau immer maroder wurde. So fand das Kontrollamt etwa 2011 mangels Luftzirkulation nicht nur Schimmel in diversen Fensternischen, sondern ortete einen "über einen längeren Zeitraum anstehenden Sanierungsbedarf" infolge verabsäumter Wartungs- und Instandsetzungsmaßnahmen. Außerdem wurde es immer schwieriger, trotz Platzmangels einen den zeitgemäßen Erfordernissen genügenden Museumsbetrieb aufrecht zu erhalten.

Nicht zuletzt deshalb hatte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) bereits vor vier Jahren angekündigt, das Haus am Karlsplatz auf Vordermann zu bringen und durch einen Zubau zu erweitern, oder einen Neubau an einem anderen Standort zu beauftragen - wobei er vor allem zu Beginn der Debatte klar für den Neubau eintrat. Nach langwierigen Debatten und zahlreichen Terminverschiebungen fiel die Entscheidung nun doch auf die Karlsplatz-Variante.

Die Gesichter der Armut

Diese Geschichte hat mehrere gute Anfänge. Etwa diesen: Eine Wiener Fotografin arbeitet in England für den sowjetischen Geheimdienst. Aus Angst, aufzufliegen, vernichtet sie 1951 ihr Werk. Ihr Bruder rettet die Negative und übergibt sie später einem Museum in Schottland. Jetzt sind sie erstmals in Wien zu sehen.

Es könnte auch so beginnen: „Edith Tudor-Hart gilt in England als renommierte Dokumentarfotografin. Doch ich dachte mir immer, dass da etwas Nicht-Englisches an ihrer Fotografie ist“, sagt Duncan Forbes, britischer Fotohistoriker. „Ich machte mich auf die Suche und fand eine komplexe Story.“

Dritter Beginn dieser wahren Geschichte:

Sie zeigte die Slums der Stadt. Kinder in Obststeigen statt in Kinderbetten. Auch das war Wien. „Sie erkannte Fotografie als Waffe. Sie wusste, ein Bild ist mehr wert als tausend Worte. Meine gute Schwester.“

Bilder der Ausstellung im Wien Museum

© Wien Museum

© Wien Museum

Scottish National Portrait Gallery / Archive presented by Wolfgang Suschitzky 2004

Scottish National Portrait Gallery / Archive presented by Wolfgang Suschitzky 2004

Scottish National Portrait Gallery / Archive presented by Wolfgang Suschitzky 2004

Scottish National Portrait Gallery / Archive presented by Wolfgang Suschitzky 2004

Scottish National Portrait Gallery / Archive presented by Wolfgang Suschitzky 2004

Scottish National Portrait Gallery / Archive presented by Wolfgang Suschitzky 2004

Scottish National Portrait Gallery / Archive presented by Wolfgang Suschitzky 2004

Scottish National Portrait Gallery / Archive presented by Wolfgang Suschitzky 2004

Scottish National Portrait Gallery / Archive presented by Wolfgang Suschitzky 2004

Die Rede ist von Edith Tudor-Hart (1908–1973), aus Wien gebürtige Heldin der Arbeiterfotografie und „gute Schwester“ des österreichisch-britischen Kameramannes Wolfgang „Wolf“ Suschitzky. Sie gehörte zu jener Riege politisch engagierter Fotografinnen, die ab den 1920er-Jahren mit sozialkritischer Fotografie die politischen Entwicklungen verfolgten. Sowohl in Österreich, als auch im englischen Exil, wo sie zu einer der bedeutendsten Vertreterinnen der Arbeiterfotografie wurde.

Die Arbeiten der Fotojournalistin sind jetzt erstmals in einer umfassenden Schau in Österreich zu sehen. Nach Barbara Pflaum und Trude Fleischmann ist Tudor-Hart die dritte österreichische Fotografin, der das Wien Museum eine Personale widmet.

Zu der ihr „kleiner Bruder“, der 101-jährige Wolf Suschitzky, der seit 78 Jahren in London lebt, gekommen ist, um über seine Schwester zu berichten. Edith Suschitzky, die sich nach ihrer Heirat 1933 Tudor-Hart nannte, war in Wien seit den 20er-Jahren in der kommunistischen Bewegung aktiv. Sie veröffentlichte Reportagen unter anderem in sozialdemokratischen Illustrierten, die nach dem Bürgerkrieg 1934 verboten wurden. Wegen ihrer kommunistischen Aktivitäten wurde sie verhaftet, nach ihrer Heirat mit dem englischen Arzt Tudor-Hart ging sie nach England. In Österreich war man froh, Kommunisten los zu sein. In England kämpfe sie sich durch, war später Alleinerzieherin eines autistischen Sohnes. Besonders berührend wirken in diesem Zusammenhang die ebenfalls in der Ausstellung gezeigten Fotoreportagen über behinderte Kinder.

INFO: Edith Tudor-Hart: Im Schatten der Diktaturen. In Kooperation mit den National Galleries of Scotland. Kuratoren: Duncan Forbes, Frauke Kreutler. Wien Museum. 4., Karlsplatz. 8 €. Di.–So. u. Feiertag, 10–18 Uhr.

www.wienmuseum.at

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