Kultur
07.01.2018

Wien als Metropole für junge Autoren

Wien war und ist eine Stadt der Literatur. Was aber macht sie so attraktiv für Autoren? Vier junge Schreiber erzählen was für sie den Reiz der Stadt ausmacht und inwiefern sie Einfluss auf ihre Arbeit hat.

Milena Michiko Flašar wurde 1980 in St. Pölten geboren, lebt und arbeitet aber seit Jahren in Wien. Sie wurde vielfach ausgezeichnet. Im Februar erscheint ihr neuer Roman „Herr Katõ spielt Familie“ (Verlag Wagenbach), ein nachdenkliches Buch über unerfüllte Träume, Wendepunkte und Glücksmomente.

Was bedeutet Schreiben für Sie?
Milena Michiko Flašar:In erster Linie Mitgefühl. Oder der Versuch, durch das Erzählen einer Geschichte die darin vorkommenden Personen in ihrer Lebendigkeit zu erfassen.

Wie beeinflusst die Stadt Ihre Kreativität?
Als Autorin bin ich ein „Schwamm“. Egal wo ich bin, sauge ich auf, was der Ort an Impulsen für mich bereithält. Wien als konkreter Ort taucht zwar in meinen Arbeiten – bis auf einen einzigen Text über einen grantelnden Museumsaufseher – nicht auf. Dazu ist mir die Stadt vielleicht zu nah und vertraut. Mir liegt es mehr, die Dinge aus der Ferne zu betrachten, wie bei „Herr Katõ spielt Familie“, das in Japan spielt.

Welche Vorteile hat das Leben in der Stadt für Sie als Autorin?
Sehr inspirierend finde ich das Zusammenkommen von vielen unterschiedlichen Menschen und Geschichten, auch dass sie sich notgedrungen aneinanderreiben, was eine wunderbare Chance beinhaltet: einander zu begegnen und Spielregeln für ein friedliches Miteinander zu entwickeln.

Ein Satz, der Ihr Wien beschreibt?
Wien – das ist das Ankommen am Schwechater Flughafen, etwa nach einer Lesereise, und man ist traurig, weil es nun ein Ende hat, das Herumfahren, ein kleines bisschen freut man sich dann doch, und vielleicht ist Wien am ehesten gerade dieses „kleine Bisschen“.
www.milenaflasar.com

Max Haberich ist 1984 in den USA geboren, in München aufgewachsen, hat in England studiert und lebt seit 2014 als Übersetzer und Autor in Wien. Im März 2017 ist seine viel beachtete Arthur-Schnitzler-Biografie bei K & S erschienen. Im Dezember wird sein erster Roman „Ziegel und Elfenbein“ erscheinen, der Einblick in die dunkle Welt von Cambridge gibt.

Was hat Sie nach Wien gezogen?
Max Haberich: Arthur Schnitzler, einer der unterschätztesten Autoren des
20. Jahrhunderts, der sehr eng mit seiner Heimatstadt verbunden war. 2014 bekam ich ein Stipendium, um eine Biografie über ihn vor Ort zu schreiben. Ein Glücksfall, denn ich bin begeistert von der Stadt.

Was mögen Sie an der Stadt besonders?
Sie hat menschliche Größe und sie ist eine Weltstadt, allerdings nicht so hektisch wie London oder New York. Und die große Wertschätzung für Musik, Theater, Kunst und Literatur, damit spricht sie künstlerische Menschen an. Der Grundgedanke lautet: leben und leben lassen.

Inwiefern beeinflusst Wien Ihr kreatives Schaffen?
Nach vielen Jahren in England ist es für mich unerlässlich, in der deutschsprachigen Welt zu leben. Es prägt auch meinen Schreibstil, wenn ich jeden Tag Deutsch spreche. In Wien wirkt die reiche literarische Tradition nach wie vor sehr stimulierend.

Wo und wie schreiben Sie am liebsten?
Allein an meinem Schreibtisch, bei völliger Ruhe – ich mag es, wenn man nur das Kratzen des Füllers auf Papier hört.
www.kremayr-scheriau.at

Maximilian Kaiser ist vor sechs Monaten vom Land nach Wien gezogen. Der 18-Jährige lebt in einer WG in der Leopoldstadt und betreibt seinen eigenen Literaturblog. Sein Genre sind Horrorgeschichten.

Was fasziniert Sie an Horror?
Maximilian Kaiser: Ich bin in der Schule auf H. P. Lovecrafts Horrorliteratur gestoßen und war sofort davon gebannt. Diese Geschichten waren es, die mich zum Schreiben gebracht haben. Ich mag düstere Stimmungen, weil die so facettenreich sind.

Ihr aktueller Text „Flecken am Stoff, Fetzen im Kopf“ ist ein wunderschön poetisch-schauriges Gedicht. Sie bezeichnen es als Experiment, warum?
Ursprünglich hätte es eigentlich rein romantisch, melancholisch sein sollen. Aber dann war ich beim Nick-Cave-Konzert in der Stadthalle und nach dem Heimweg durch die stillen Straßen Wiens hat sich die Stimmung in diesem Gedicht geändert. Ich habe die lyrischen Strukturen aufgebrochen, der Text wirkt dadurch chaotischer und passt besser zur inhaltlichen Situation.

Wie beeinflusst Wien Ihre Kreativität?
Die Stadt bringt mich auf ganz andere Gedanken und Ideen, sie macht mich neugierig. Ich spiele gerne mit dem Kontrast zwischen Stadt und Land. Und, was ganz wichtig ist: Ich habe hier viele literarische Freunde kennengelernt.

Was macht Wien für junge Literaturen so interessant?
Die Stadt ist ein Brennpunkt des modernen Lebens. Sie ist für mich ein Ort, wo man sich gut entfalten und weiterentwickeln kann.
kaisermaximilian.blogspot.co.at

Constantin Schwab ist eigentlich Berliner, der über Kärnten nach Wien zum Studieren gefunden hat. Der 29-Jährige hat bereits literarisch in Anthologien und Literaturzeitschriften publiziert und ist Preisträger beim Wiener Werkstattpreis.

Herr Schwab, wie würden Sie sich selbst bezeichnen – als Blogger oder Autor?
Constantin Schwab: Autor. Denn ich bin eher ein Anti-Blogger, weil ich im Netz nur für mich schreibe. Mein Blog ist als Selbstexperiment entstanden, aus Neugier am Format und aus Frust am Moment. Für mich ist er eine Übungsfläche und ein Gedankenhort.

Was ist der Unterschied zwischen Blog und Print?
Bei Printpublikationen gibt es immer eine Kontrollinstanz, beim Bloggen kann man ins Netz stellen, was man möchte. Ein Blog ist eine gute Anlaufstelle für einsame Texte, die sonst nirgendwohin passen. Vielleicht passen aber meine gesammelten Blogbeiträge auch mal in Buch?!

Was macht Wien für junge Schreiber so interessant?
Du hast hier immer die Möglichkeit, etwas zu entdecken. Wien ist die Stadt der Kaffeehausliteraten und auch wenn es heute nicht mehr funktioniert, den ganzen Tag zerknittert über einem Verlängerten zu brüten, Zeitung zu lesen, ein paar Worte zu schreiben, um bewundert zu werden, ist das Bild immer noch unendlich charmant und anziehend.

Wo leben Sie?
Seit drei Jahren im 16. Bezirk, Ecke Yppenplatz. Das klingt hip, ist aber vor allem leistbar. Die Besonderheit der Gegend ist ihr Widerspruch: Sie bildet ein grelles System an Stilbrüchen, indem sich Balkan-Flair, Bobo-Eltern, Bio-Markt und Bodenhaltung wild vermengen.

Wo arbeiten Sie am liebsten?
In den 29 Quadratmetern meiner Altbauhöhle im 16. Bezirk, auf meinem gelben Holzstuhl sitzend über den Schreibtisch gebeugt.
whoisconstantin.blogspot.co.at