Kultur
30.11.2018

Wiederentdeckt: Wiener Reportagen aus der Zwischenkriegszeit

Else Feldmann berichtete von 1923 bis 1934 für die Arbeiter-Zeitung über die Armut in der Stadt.

Im 21. Wiener Bezirk gab es die Else-Feldmann-Gasse. Ab 1988. Aber 2010 wurde sie aufgelassen, umgewidmet.
Zu diesem Zeitpunkt wurden die ersten Bücher der  1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordeten Wienerin wiederveröffentlicht („Der Leib der Mutter“, „Martha und Antonia“, „Travestie der Liebe“).
Aber heuer sollte die große Wiederentdeckung Else Feldmanns als Autorin wahrhaftiger, aufrüttelnder Sozialreportagen aus dem Wien der Zwischenkriegszeit gefeiert werden. „Flüchtiges Glück“ heißt die Sammlung.

Kinderköche

Ihr journalistischer Einsatz galt vor allem den  Kindern, die mit ihren Eltern in Kellerlöchern hausten und mangels Sonne alle rachitisch (und später verkrüppelt) waren:
Man soll sie gefälligst in Schönbrunn unterbringen und auf den sonnigen Wiesen spielen lassen!
Der berühmte Peter Altenberg hat – es war etwa zu dieser Zeit – im Kaffeehaus seine Skizze über die kleine Rosamunde gedichtet: Sie will einen blauen Ballon und bekommt  zehn, 20, 30 Luftballons und lässt sie fliegen.
Feldmann (Bild oben) berichtete von Kindern, die Luftballons nicht geschenkt bekommen, sondern verkaufen müssen, um Geld fürs Essen zu haben. Von Kindern, die einen Job im nächsten Wirtshaus suchten, weil die Eltern sie nicht mehr ernähren konnten. Der Wirt fragte:
„Hast du schon wo gekocht?“ – „Ja, in meiner Puppenküche.“

Erschrecken

Altenbergs Rosamunde gehörte einer anderen Welt an. Fabriksarbeiter, z.B. in Spinnereien, verdienten ums Jahr 1930 pro Woche 20 Schilling. Überstunden sind da bereits eingerechnet. Krankenkassenbeiträge werden noch abgezogen.
Ein paar warme Schuhe kostete 30 Schilling.
70 von 100 Kindern waren krank.
Else Feldmann wusste aus eigener Erfahrung, worüber sie schrieb. Aufgewachsen  in den Armenvierteln als eines von sieben Kindern jüdischer Eltern taucht ihr Name erstmals 1912 als Autorin eines Zeitungsartikels auf, 1916 wurde ihr Theaterstück „Der Schrei, den niemand hört“ aufgeführt.
Ab 1923 schrieb Feldmann fast ausschließlich für die Arbeiter-Zeitung – einerseits Fortsetzungsromane, andererseits Berichte aus Gefängnissen, Krankenhäusern, Wärmestuben ... ihr Motto, von Karl Marx geborgt, lautete:
„Das Volk muss vor sich selbst erschrecken.“
1934 wurde Sozialdemokratie samt Presse verboten. Es existiert nur noch die Meldung über Else Feldmann: Mit Transport Nr. 27 wurde sie in von NS-Truppen besetzte polnische Gebiete „verschickt“. Und das Städtische Wohnungsamt  notierte nach ihrem Tod: Sie sei „als Jüdin ausgemietet“ worden.
Die Peter-Altenberg-Gasse in Wien-Döbling existiert seit 1929.