Kultur
06.12.2018

Wie sich die "Jugend von heute" informiert

Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier im Interview über den Medienkonsum der unter 30-Jährigen.

Was schauen die da bloß den ganzen Tag?

Jugendliche, die auf Bildschirme starren – damit hat sich eine neue österreichische Studie mit dem Titel „Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im VOD-Zeitalter“ beschäftigt (VOD steht für Video-on-Demand; nähere Infos zur Studie finden Sie am Ende des Textes).

Die angestarrten Bildschirme haben auch hierzulande immer seltener die Form eines klassischen „Fernsehkastls“. Stattdessen bevorzugen die unter 30-Jährigen Video-on-Demand-Plattformen wie YouTube, Netflix oder Amazon Prime Video: Fast ein Drittel der Jungen nutzt diese Angebote „sehr häufig“, während es bei den über 60-Jährigen nur 2,1 Prozent sind.

Auch der Nachrichtenkonsum ist bei der jungen Generation ein anderer: Als Informationsquelle dienen häufig soziale Netzwerke und immer seltener traditionelle Formate.

„Die Jungen surfen durch die Medienlandschaft und wenn sie etwas sehen, was sie gerade interessiert, schauen sie sich das genauer an. Das läuft nicht nach einem festen Ritual ab“, erklärt Jugendkulturforscher und Studienautor Bernhard Heinzlmaier.

KURIER: Die unter 30-Jährigen informieren sich anders, haben laut Studie aber keine großen Wissenslücken, die sie vom Rest der Bevölkerung unterscheiden würden. Sorgen wir uns zu Unrecht um die „Jugend von heute“?

Bernhard Heinzlmaier: Das ist prinzipiell der große Mythos, dass die Jungen blöder sind als die Alten oder weniger wissen. Die Alten wissen ja genauso wenig. Wir haben schon Studien gemacht, wo die Leute – auch Erwachsene – nicht einmal gewusst haben, wer der Bundeskanzler oder der Bundespräsident ist.

Anstelle des klassischen Fernsehens tritt vor allem bei Jungen Videokonsum. Die Clips werden tendenziell kürzer. Wieso?

Wir haben nicht mehr diese Monotonietoleranz, wir brauchen mehr Abwechslung und stärkere Stimuli. Die amerikanische Pädagogin Katherine Hayles sagt, dass die Menschen heute im Modus der „Hyper Attention“ leben. Diese Zeit ist nicht darauf ausgelegt, sich mit einer Sache tiefergehend zu beschäftigen. Das beeinflusst natürlich die Art und Weise, wie man Medieninformationen auf- und wahrnimmt. Das heißt, man ist bereit, sich 20 Sekunden lang ein Video anzuschauen. Aber wenn das dann drei oder fünf Minuten dauert, ist kein Mensch mehr dabei.

Das ist die Rezeptionskultur unserer Zeit und wenn man gehört werden will, dann muss man sich dem anpassen. Es muss kürzer und prägnanter werden, es muss mehr Bilder geben. Es geht nicht mehr so stark um Argumente, sondern darum, Emotionen anzusprechen. Laut Hayles funktionieren 80 % der jungen Menschen nach dieser „Hyper Attention“.

Und das bleibt auch mit zunehmendem Alter so?

Das bleibt. Hayles hat festgestellt, dass das mit der Struktur des Gehirns zusammenhängt.

Also wird die Menschheit oberflächlicher?

Ja, was aber super ist. Wir haben nicht mehr dieses Detailwissen, dafür haben wir einen Überblick. Das heißt, es wird darauf ankommen, überall ein bisschen zu wissen und das in Verbindung zu bringen. Das ist schon in unserer Gegenwart so und in der Zukunft wird das noch viel stärker sein.

Niedrigere Bildungsschichten halten – das geht auch aus der Studie hervor – eher am traditionellen Fernsehen fest. Wieso?

Aktiver Medienkonsum hängt mit höherer Bildung zusammen. Sich einem vorgegebenen Rahmen zu unterwerfen, sich berieseln zu lassen, hat wiederum mehr mit einer niedrigen Bildung zu tun oder mit dem Grad der Passivierung. Menschen, die weniger gebildet sind, haben auch nicht so hohe Ansprüche und sind nicht in dem Ausmaß individualisiert.

58,3 % der Teilnehmer aus der Telefonumfrage zeigen sich besorgt über den Videokonsum von Kindern und Jugendlichen. Teilen Sie diese Sorge?

Das sind halt neue Medien und das ist eine neue Situation. Wenn man sich anschaut, wie lang der Buchdruck diese Welt beherrscht hat – das hat sich über 400 Jahre gezogen. Jetzt ändert sich das ganz schnell und deswegen glaubt man, das muss schlecht sein. Früher hatte man Sorge, wenn Frauen romantische Romane gelesen haben, dass das zur Abwendung von der Realität führt, im schlimmsten Fall zu Melancholie und Selbstmord. Heute sagt man, es gibt nichts Besseres, als wenn Kinder Romane lesen. Aber das kann doch genau dieselbe Realitätsflucht sein wie bei jemandem, der sich fünf Episoden von „Game of Thrones“ anschaut. Gehört halt auch zum Eltern-Image dazu, dass man besorgt ist. Ich bin es nicht.

Zur Studie
„Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im VOD-Zeitalter“ ist ein Projekt des Instituts für Jugendkulturforschung Wien mit Mag. Wolfgang Tomaschitz/FH Campus Wien im Auftrag der RTR  (Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH). Die quantitativen Daten stammen aus einer Telefonbefragung, die qualitativen aus mehreren Fokusgruppen, die im Frühjahr 2018 abgehalten wurden.

Zur Person
Bernhard Heinzlmaier ist Vorsitzender des Instituts für Jugendkulturforschung und einer der Studienautoren. Er leitet das Marktforschungunternehmen tfactory in Hamburg.