Kultur 07.12.2011

Wie eine Träne im Ozean - Von Manès Sperber

© Bild: apa

Mehr als tausend eng bedruckte Seiten. Diese Roman-Trilogie wiegt aber auch inhaltlich schwer: Es geht um das Geschehen von 1930 bis 1945.

Diese Roman-Trilogie wiegt schwer: mehr als tausend eng bedruckte Seiten. Aber sie wiegt auch inhaltlich viel, umfasst nicht nur das Zeitgeschehen von 1930 bis 1945, beschreibt nicht nur den Einfluss der totalitären Staaten oder die fatale Entwicklung der kommunistischen Parteien bis hin zum stalinistischen Terror. Sperber erzählt dies alles, mitreißend, kaum Atem schöpfend, fundiert und selbst erlebt, aber er schafft mehr, etwas Magisches: Obwohl der Handlungsrahmen vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges angelegt ist, schreibt er zugleich über ein Jahrhundert, über eine Epoche der Hoffnung und der Zivilisation und deren Untergang. In kaum einem anderen literarischen Werk spürt man derart stark den Abschied von der alten Welt, von Humanismus und Menschheitsidealen.
Drei Romane mit verschlungenen Wegen und zahlreichen Charakteren. Denis Faber, genannt Donjo, gehört zu den Schlüsselfiguren. Der erste Teil der Trilogie, "Der verbrannte Dornbusch", schildert seine langsame Ablösung von den Prinzipien und Zielen der Kommunistischen Partei, deren glühendster Vertreter er anfangs ist.

"Doch wo der Mut nur einen Grund hat, hat die Feigheit zehntausend mal zehntausend Gründe."
© Bild: apa

Im Auftrag der KP reist er von Berlin nach Wien, Budapest, Moskau, Norwegen und schließlich Prag. Doch die Kommunistische Partei liegt am Boden, ihre Doktrinen ziehen nicht mehr. Donjo erkennt die Machtlosigkeit des politischen Handelns und die Gräuel der stalinistischen Säuberungen - er bricht mit seinen Genossen. "Tiefer als der Abgrund" heißt der zweite Roman, der Donjo Fabers Verzweiflung und Heimatlosigkeit porträtiert. Er hat sowohl die Partei wie das vom Nationalsozialismus regierte Deutschland verlassen und lebt in Paris. Hier trifft er wieder auf seinen Mentor, den Universitätsprofessor und apolitischen Querkopf Erich von Stetten. Die Streitgespräche zwischen diesen beiden zählten schon im "Verbrannten Dornbusch" zu den Höhepunkten Sperber`scher Dichtkunst. Niedergeschlagen und enttäuscht schließt sich Faber der französischen Armee an, muss aber, nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich, in den Untergrund gehen. Hier öffnet sich ihm mit der Sorge um einen Waisenjungen Hoffnung und Sinn - wenn nicht auf weltpolitischer, so doch auf privater Ebene. Der dritte Teil schließlich, "Die verlorene Bucht", zeigt Fabers letzten Versuch, für das einzutreten, was ihm wichtig und richtig erscheint. Einige seiner alten Parteigenossen überzeugen ihn, sich einer Partisanengruppe in Jugoslawien anzuschließen. Aber sie werden verraten: Donjos Einheit wird überrascht und ermordet. Einzig Faber kann sich retten, wird Zeugnis ablegen für die Zukunft.

Dies sind nur die groben Konturen, aus denen "Wie eine Träne im Ozean" besteht. Sperber schreibt in seinem Vorwort: "Dieser trilogische Roman hat nur scheinbar ein Ende, ihm fehlt überdies die tröstliche Moral. Wie so viele andere Schriftsteller vor ihm, hat der Autor seinen Lesern nur eines angeboten - mit ihm seine Einsamkeit teilen." Manès Sperber ließ viele an dieser unglaublichen und prall gefüllten Einsamkeit teilnehmen. 1949 und 1952 erschienen die Romane zuerst auf Französisch, die deutsche Ausgabe fand erst 1961 ihren Weg zu den Leserinnen und Lesern. Und erst in den frühen 1980er-Jahren avancierte "Wie eine Träne im Ozean" zu einem Kultbuch. 1983 wurde dem österreichisch-ungarischen Autor der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen, ein Jahr später starb er knapp 80-jährig. Seitdem wird Sperber wieder weniger gelesen - zu Unrecht: Wer sich auf die 1035 Seiten der Trilogie eingelassen hat, wird sie nie wieder vergessen.

Erstellt am 07.12.2011