Kultur
04.06.2018

Westlicht: Ein Fotoschatz und viele Rätsel

Eine Schau zeigt das auf wundersame Weise entdeckte Werk von Vivian Maier (1926 – 2009)

Die Geschichte klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Eine Frau, die zeitlebens als Kindermädchen ihr Geld verdiente, entpuppt sich nach ihrem Tod als eine Jahrhundertfotografin, deren umfassendes Werk es mit den bekannten Größen der „Street Photography“ wie Lee Friedlander, Robert Frank oder Garry Winogrand aufnehmen kann. Rund 150.000 Negative umfasst ihr Nachlass, dessen größter Teil 2007 von einem Immobilienunternehmer und Sammler auf einer Provinz-Auktion um 380 US-Dollar erworben wurde – versteigert, weil Vivian Maier, die 2009 ohne Nachkommen im Alter von 83 Jahren verstarb, offenbar nicht mehr in der Lage gewesen war, die Miete für eine Lagerbox zu bezahlen.

Goldgräberglück

Die Ausstellung im Wiener Fotomuseum Westlicht, die dieses Werk nun erstmals in Österreich präsentiert, berührt zentrale Fragen nach dem Umgang mit Fotografie, die heute, 11 Jahre nach Maiers Entdeckung, noch an Brisanz gewonnen haben.Natürlich sind da zunächst die Bilder selbst, teils in Farbe, großteils aber in schwarzweiß und im quadratischen Format, was Maiers Rolleiflex-Kamera geschuldet ist: In Bauchhöhe gehalten, ermöglichte dieser Apparat, den Maier oft bei Spaziergängen mit Kindern mit sich führte, die unauffällige Beobachtung von Straßenszenen.

Alles, was die „Street Photography“ stilistisch auszeichnet – gekippte Horizontlinien, angeschnittene Figuren und Gesichter, Bewegungsunschärfen, ein Sinn für absurde, witzige Konstellationen sowie eine Portion Voyeurismus – findet sich in Maiers Bildern wieder. Die Fotografin setzte dazu gern sich selbst mithilfe spiegelnder Flächen – Schaufenster, Konvexspiegel zur Ladenüberwachung, zufällig gefundene Scherben – ins Bild.

Doch hätte diese Frau, die da meist in altmodischen Klamotten aus den Bildern schaut, dieselben Bilder ausgewählt, die wir jetzt zu sehen bekommen? Wer präsentiert Vivian Maier, wer profitiert vom Hype um ihre Entdeckung? Die Fragen um Deutungshoheiten, Urheberschaft und Authentizität, die diese Schau aufwirft, sind mindestens so spannend wie die Bilder selbst.

Nie öffentlich gezeigt

Maier selbst, so heißt es, machte selbst kaum Abzüge ihrer Aufnahmen. Der Unternehmer John Maloof, der große Teile des Nachlasses 2007 erwarb, arbeitete seinerseits mit der renommierten Howard Greenberg Galerie zusammen, um Maiers Werk zu promoten. Maloof war auch Co-Regisseur der Doku „Finding Vivian Maier“, die 2015 sogar für einen Oscar nominiert war. Personen, die die fotografierende Nanny einst als Kinder betreut hatte, deren Eltern und andere Zeitzeugen kamen darin zu Wort – und entwarfen ein wenig schmeichelhaftes Bild: Maier sei ein Messie gewesen, habe krankhaft zurückgezogen gelebt und eine Faszination fürs Morbide gehabt, hieß es da. Solche Attribute hätte man Fotojournalisten wie Arthur Fellig alias „Weegee“ (1899 – 1968), dessen Blick nicht minder voyeuristisch war, wohl kaum umgehängt. Die Historikerin Pamela Bannos, die 2017 eine alternative Maier-Biografie veröffentlichte, schrieb: „Nachdem ich mehr als 20.000 Negative und Abzüge angeschaut hatte, sah ich eine völlig andere Fotografin als jene, die Maloof zeigt.“

Mehrere Copyright-Prozesse verkomplizieren das Erbe zusätzlich: Denn Maloof und eine Handvoll anderer Sammler sind zwar im Besitz von Maiers Filmrollen und Negativen, können rechtlich gesehen aber nicht über Reproduktion, Verkauf und Publikation bestimmen.

Mangels Nachkommen bestellte ein US-Gericht einen Nachlassverwalter für Maier. Und während Maloof, der seinerseits einen in Frankreich lebenden Cousin zweiten Grades ausfindig gemacht hatte, sich mit dem Erben und dem Nachlassverwalter arrangierte, verkaufte ein anderer Sammler seine Schätze an Galerien außerhalb der USA. Zu guter Letzt tauchte ein zweiter Cousin auf, der ebenfalls Ansprüche anmeldete: Bis alle Konflikte gelöst sind, wird noch Zeit vergehen.

Instagram von 1950?

Einstweilen kann das Wiener Publikum Vivian Maier in der Maloof-Version bestaunen: Es ist ein Werk, das beim Fan klassischer „Street Photography “ so ziemlich jeden vorstellbaren Nostalgie-Reflex bedient und zugleich post-photographisch anmutet. Denn wenngleich auf manchen Fotografien Stars wie Kirk Douglas und Audrey Hepburn, alte Kino-Vordächer und Chevrolets aus den 1950er Jahren zu sehen sind, fehlt den Bildern jede Patina, jede Materialität.

Die Idee, dass die ganze Maier-Story ein gigantisches Konstrukt sein könnte, drängt sich in Fake-News-Zeiten zumindest als Denkmöglichkeit auf (wenngleich vieles dagegen spricht).

Ebenso nahe liegt die Frage, ob Maier heute mit Handykamera und Instagram-Account durch die Straßen ziehen würde. In diesem Fall würde es wohl keine Nachlass-Auktion, keine Prozesse und kein potenzielles Millionengeschäft mit den Abzügen der mythenumrankten Negative geben, sondern bloß einen Speichercrash. Man kann auf die Wichtigkeit von Backups gar nicht oft genug verweisen.