Experimentalphysiker auf der Bühne: Bunsenbrenner und Krapfen

© KURIER/Gilbert Novy

Science-Kabarett
03/10/2017

Werner Gruber: Wissenschaft gegen "alternative Fakten"

Ex-"Science Buster" Werner Gruber startet im Wiener Rabenhof sein Solo-Programm "Grubers Universum". Dass Politiker wie Trump und Erdogan auch ein Problem für die Wissenschaft sind, berichtet er abseits der Bühne. Mit Video.

von Peter Temel, Paul Batruel, Gilbert Novy

"Für mich als Genussmensch ist die Fastenzeit wie die Vorhölle", sagt Physiker Werner Gruber beim Probenbesuch im Wiener Rabenhof Theater. Der Premierentitel seiner neuen Solo-Vortragsreihe "Grubers Universum" (ab heute, 10. März) hört sich auch an wie ein Kontrastprogramm zum Fasten. In "Die Physik des Schweinsbratens" erklärt er jene Tricks, mit denen der Braten knusprig und zugleich saftig werden soll.

Zwei Jahre nach seiner Magenbypass-Operation, die Gruber letztlich um 35 Kilogramm erleichtert hat, müsse er zwar Disziplin halten, "könnte aber wieder relativ normal essen". Aber der Schweinsbraten selbst, für Gruber ein "wunderbares Essen", mache glücklicherweise nicht dick. "Problematisch sind eher die Semmelknödel", sagt Gruber. "Ich habe mir überlegt, im Programm auch über die Physik des Knödels zu sprechen, aber aufgrund meines persönlichen Abnehmprogramms lasse ich die Semmelknödel raus."

Auf den Faschingskrapfen wollte er aber nicht verzichten, der sei "physikalisch hochinteressant" (siehe Video). Beim Zusammendrücken zeige er sich elastisch, beim starken Zusammendrücken hingegen verformt er sich dauerhaft. Das Hauptproblem ist aber: "Dass wir im Inneren eine Flüssigkeit haben, die nicht komprimierbar ist. Jetzt ist die große Frage, wie isst man einen Krapfen so, dass man sich nicht anpatzt."

Das längere Interview lesen Sie weiter unten

Auch für ein weniger flüssiges, sondern eher feuriges Experiment dient der Krapfen als Ausgangsbasis,. "Ich bin sehr stolz, dass das von den Behörden abgenommen wurde. Es gibt eine mächtige, sehr lang anhaltende Stichflamme. Ich muss sagen, das gab es auch bei den Science Busters nicht."

Im zweiten Rabenhof-Seminar des Frühjahrsemesters wird Gruber dann "Star Trek" und "Star Wars" im wissenschaftlichen Duell gegeneinander antreten lassen. Er verspricht "ein Laserschwert, das tatsächlich funktioniert".

Kein Spin-off

Auch wenn Gruber schon im Dreiergespann mit Kabarettist Martin Puntigam und dem verstorbenen Physikerkollegen Heinz Oberhummer sein Wissen über "Star Wars" und seine kulinarischen Künste gezeigt hat, so sieht er seine Auftrittsreihe nun nicht als Spin-off-Programm. Gruber: "Die Science Busters sind eine erfolgreiche Truppe, die jetzt mit neuen Wissenschaftlern, also mit frischem Blut, quer durch die Lande zieht. Mein Problem war, dass ich diese Tourneetätigkeit zeitlich nicht mitmachen konnte. Deshalb hab ich gesagt: Viel Spaß, aber man kann nicht halb dort und halb dort sein".

Herztod

Schon vor seinem Ausstieg konnte Gruber längere Zeit nicht mit den Science Busters auftreten. Es war – nach einer kalten Lungenentzündung vor zwölf Jahren – "das zweite Mal, dass ich tot war", sagt Gruber. Bei einem plötzlichen Herztod nach einem Auftritt konnte er im September 2015 erfolgreich reanimiert werden, auch durch die Ersthilfe seines damaligen Kollegen Puntigam.

Seitdem trägt Gruber einen implantierten Defibrillator. Auch den Umgang mit diesem sieht er gewissermaßen als Experiment. Als "Beta-Tester" prüfe er die Auswirkung der Strahlenbelastung auf den Körper. Warum gerade er das Gerät teste? Gruber: "Wer hat schon zu Hause einen Tesla-Transformator?"

(Peter Temel)

Lesen Sie im Folgenden das ganze Interview mit Werner Gruber:

Science first" statt "America first

KURIER: Warum starten Sie jetzt "Grubers Universum" im Rabenhof Theater?

Werner Gruber: Ich habe ja schon neben meiner Tätigkeit für die "Science Busters" öffentliche Vorträge im Planetarium der Stadt Wien (Gruber ist dort Direktor, Anm.), an der Kuffner-Sternwarte und an der Urania Sternwarte, und für verschiedene andere Institutionen gehalten, und daher stellte sich die Frage: Warum nicht einmal in einem Theaterumfeld? Ich betrachte das aber weniger als Theaterinszenierung, für mich ist das mehr ein Vortrag, der durchaus amüsant sein kann und spektakuläre Experimente bietet. Wenn die Leute sagen "Herr Gruber, lustig war’s", sag ich: "Wichtig ist, dass ihr was g’lernt habt’s."

Welche neuen Sachen gibt es zu sehen?
In diesem Semester bin ich experimentell hochgerüstet. Einige Dinge gab es vor den Science Busters und nach den Science Busters. Wir beginnen mit dem Schweinsbraten, der die Damen und Herren immer sehr interessiert hat. Thematisch gibt es immer neue Dinge: Von den neu entdeckten Planeten rund um Trappist-1 bis zur Rieselhilfe. Bei „Star Trek“ versus „Star Wars“ werden wir auf der Bühne ein Laserschwert haben, das tatsächlich funktionieren wird. Zum Start gibt es auch ein Experiment, bei dem ich sehr stolz bin, dass es von der Behörde abgenommen wurde. Eine mächtige, beeindruckende, sehr lang anhaltende Stichflamme. Ich muss sagen, das gab es auch bei den Science Busters nicht.

Was ist mehr Fantasy - "Star Wars" oder "Star Trek"?
Beide Serien haben ihre Vor- und Nachteile. Im "Star Trek"-Universum haben wir mehr künstliche Intelligenz, während wir in "Star Wars" die Roboter R2-D2 und C-3PO haben, die eher mit menschlichen Zügen rüberkommen, während in "Star Trek" zum Beispiel Data tatsächlich das große Problem hat: Ich bin eine Maschine, möchte aber ein Mensch sein. Da haben wir mehr den Kantschen Gedanken der Rationalität und das Problem der Entscheidungsfindung.
"Star Wars" ist eher ein episches Märchen, das viel weniger von der Technik betroffen ist. Da tauchen hochspannende Dinge auf wie das Laserschwert - Lichtsäbel wäre die korrekte Übersetzung -, das zwar eine zentrale Rolle hat, aber nie erklärt wird. In "Star Trek" versucht man diese Dinge sehr wohl erklären. Bei "Star Wars" gibt es dafür wiederum einen Planeten mit zwei Sonnen, das sind schon sehr spannende Sachen.

Wagen Sie eine Prognose, wann das Beamen von kompletten Körpern möglich sein wird?
Einzelne Elementarteilchen können wir seit 1964 schon beamen. Es gibt mittlerweile drei verschiedene Verfahren. Zurzeit würde ein Mensch das nicht von Dauer erleben, da bringe ich nicht einmal einen Zehennagel dazu, transportiert zu werden. Zwischen Theorie und Praxis ist ein großer Unterschied. Umgekehrt bin ich in einer Zeit aufgewachsen, als James T. Kirk der einzige war mit einem Handy („Scotty, beam me up!“) und heute ist es ein Allerweltsprodukt. Vor zwanzig Jahren hat man auch gesagt: Boah, die Entwicklung dieses Kommunikators müsste Milliarden kosten. Heute würde ich sagen: Ja stimmt, aber er bringt auch Milliarden an Gewinn.
Technologisch und naturwissenschaftlich gibt es kein großes Problem, die Basistechniken haben wir. Jetzt geht’s einfach darum, das schnell zu machen. Und da kann sich in den nächsten Jahren sehr viel tun.

Forscher in den USA zeigen sich aber besorgt über den Umgang des neuen US-Präsidenten mit der Wissenschaft. Sehen Sie tatsächlich Gefahren für den wissenschaftlichen Fortschritt?
Es ist so, dass Donald Trump Wissenschaftlern, die staatlich beschäftigt sind, verbieten will, ohne Rücksprache Interviews zu geben. Das bedeutet, dass die Wissenschaft der Öffentlichkeit nicht frei kommunizieren kann, was sie macht. Gerade das wäre aber einerseits für Sponsoring wichtig, aber auch in dem Sinne: Wie sollt ihr euer Leben verändern? Das betrifft zum Beispiel den Klimawandel. Wir wissen, dass Trump ein heftiger Gegner der Theorie vom Klimawandel ist, aus sehr starken wirtschaftlichen Gründen. Er hat sogar staatliche Webseiten zu dem Thema sperren lassen. Wenn Wissenschaftler nicht in der Lage sind, frei ihre Arbeit zu liefern, sind wir schon ein bisschen von der Demokratie weg. Denn Demokratie bedeutet auch Meinungsfreiheit und gerade in der Wissenschaft ist es wichtig, dass Themen, die auch kontroversiell sind, diskutiert werden. Trump hat hier etwas gemacht, das wir eigentlich nur von Diktaturen gewohnt sind. Das ist eine schwere inhaltliche Problematik.

In Zeiten, in denen Politiker „alternative Fakten“ präsentieren wollen, wie kann da gerade die Wissenschaft reagieren?
Die „alternativen Fakten“ sind ein schönes Schlagwort geworden, aber ganz ehrlich, gelogen wurde immer schon. 1992 gab es eine großartige Studie der EU, wo ganz klar gezeigt werden konnte, dass Homöopathie nicht funktioniert. Trotzdem gibt es noch genug Leute, die daran glauben. Wer wirklich daran glauben will, oder wer davon lebt, den werde ich nicht einfach vom Gegenteil überzeugen können. Was ich machen kann, ist, die Personen dazu zu bringen, Fragen zu stellen. Zum Beispiel mit der Frage? Hast du schon von den Fällen gehört, in denen es nicht funktioniert hat?
Wir von den Wiener Volkshochschulen haben bei unserem "Science Day" ein klares Zeichen gesetzt: Unter dem Motto „Science First“ haben wir gezeigt, wie wichtig Wissenschaftskommunikation ist. Wir haben zwei zusätzliche Vorträge hereingenommen. Einen über den Klimawandel, damit wir den Herrschaften in den USA erklären, was mit dem Klimawandel tatsächlich los ist. Wir haben aber auch ein anderes Land, das derzeit problematisch ist – die Evolutionstheorie wurde in der Türkei in den Schulbüchern verboten, das muss man einmal sich auf der Zunge zergehen lassen. Deshalb haben wir auch einen Vortrag von einem ausgewiesenen Spezialisten – Erich Eder – auf Türkisch übersetzen lassen, damit die Herrschaften in der Türkei wissen: Es gibt auch etwas anderes als den Herrn Erdogan.

Wie betrachten Sie das, was gerade in der Türkei passiert?
Man soll ja nicht Öl ins Feuer schütten. Aber das, was jetzt in der Türkei abläuft, erinnert mich an das, was wir hier in Österreich 1938 hatten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass türkische Politiker umgekehrt Ländern wie Deutschland derzeit Nazi-Praktiken vorwerfen.
Wobei, was die Nazis den Amerikanern und Engländern vorgeworfen haben, ist genau dasselbe. Ganz ehrlich: Ich habe kürzlich ein sehr interessantes Interview gehört, mit der Grundaussage: Wir müssen in Europa auf eines aufpassen. Wir wissen, was die Türkei macht. Nur jedes Statement aus dem Ausland, das darauf hinweist, kann dafür sorgen, dass die Position von Erdogan wiederum gestärkt wird. Weil er den Feind von außen braucht, um sich im Inneren als „starker Mann“ zu präsentieren.

Sehen Sie Gefahren für die Demokratie auch in Europa?
Problematisch ist, dass es in Europa Tendenzen gibt, zu sagen: Mir san mir. Donald Trump sagt: America First. Und es gibt ja genug Politiker in verschiedenen Ländern, die sagen: Auch wir müssen „first“ sein. Das Problem ist: Es gibt die Spieltheorie. In dieser kann man sich ausrechnen, wie Individuen, aber auch Staaten miteinander interagieren. Wenn ich in der Lage bin, dass wir nur ein einziges Mal miteinander spielen, dann kann ich es mir leisten, zu betrügen. Weil sich der andere nicht rächen kann. Das sind zum Beispiel die klassischen Touristenlokale, wo man einmal vorbeikommt, und das bekommt, was juristisch gerade noch korrekt ist und den Hygienebestimmungen entspricht, aber das war’s schon. Der kommt nie mal wieder. Am nächsten Tag kommt der nächste Tourist. Wenn ich aber ein Beisl ums Eck habe, wo ich Stammkunden habe, dann darf ich die nicht betrügen, mit denen muss ich gemeinsam etwas erarbeiten. Da geht’s um Kooperation, weil man öfter zusammenarbeiten will. America first, oder was auch immer first macht dann keinen Sinn. Das ist genau das, was die EU auszeichnet. Wenn ich dann höre, dass Politiker in Frankreich die EU nicht brauchen, wenn die Engländer raus wollen, dann kommen wir genau zu der Situation: Jeder betrügt den anderen. Und das finde ich einfach wahnsinnig schade. Und ich weiß schon: Wir haben kulturelle, soziale und gesetzliche Unterschiede, und wir dürfen nicht vergessen, Europa hat sich zweitausend Jahre lang gegenseitig den Schädel eingeschlagen, das sind noch Ressentiments übrig. Ich persönlich glaube aber, dass wir das mit Respekt und Vernunft sehr wohl in den Griff bekommen.

In einem KURIER-Interview haben Sie den Standpunkt vertreten, man muss den Klimawandel über einen längeren Zeitraum betrachten und der Anteil des Menschen an der Erdwärmungen beträgt nur zwei, drei Prozent. Glauben Sie nicht, dass sich manche sich dadurch eher darin bestätigt sehen, sich zurücklehnen zu können?
Ich wurde dafür viel gescholten. Aber das Problem bei dem Interview ist, dass zwei, drei Formulierungen in der Kürze falsch verstanden wurden. Übrig blieb nur: Wir brauchen uns keine Sorgen um den Klimawandel machen. Dabei ging es mir nur darum, zu zeigen, dass das, was in China und Indien an gesellschaftlichem Wandel passiert, wesentlich mehr Auswirkungen hat. Dort leben 2,5 Milliarden Menschen und in Europa rund 800 Millionen. Wir haben natürlich das Problem, dass die wissenschaftliche Exaktheit massiv hinterherhinkt. Ich bin kein Klimawandel-Leugner, ich sage schon: Das haben wir. Dass wir nur auf zwei bis drei Prozent des Phänomens einen Einfluss haben, kann trotzdem wahnsinnig viel sein und das haben wir auch in den letzten Jahren gesehen. Und jetzt sind wir genau da, dass viele Damen und Herren die Exaktheit vermissen lassen. Wir wissen, dass es wärmer wird und dass die Polkappen abschmelzen, und dass dieses Abschmelzen eine Erhöhung des Meeresspiegels um fünf Zentimeter bewirkt. Jetzt könnte man sagen, da gibt es aber Studien, die zeigen: Ganz Mikronesien wird unter Wasser stehen. Und ich werde sagen: Ja, das stimmt auch. Aber nicht aufgrund des Schmelzwassers. Sondern, wenn es zu einer gewissen Erderwärmung kommt, die wir auch tatsächlich haben, führt das dazu, dass das gesamte Meerwasser um zum Beispiel ein halbes Grad oder ein Grad wärmer wird. Und jetzt kommt das Gemeine: Das wärmere Wasser hat ein größeres Volumen – und das macht dann diese zwanzig bis dreißig Meter aus. Das heißt, es ist physikalisch ein anderer Effekt. Und da kommt bei mir der Volksbildner heraus, der sagt: Wir müssen in der Sprache ein bisschen exakter sein. Aber das heißt nicht, dass ich am Klimawandel zweifle. Die Zahl, dass der Mensch nur zu rund zwei Prozent mit dabei ist, kommt von der US-Behörde NOAA. Und selbst da sagt Trump, diese Zahl sei ihm zu hoch.

Die Sinnhaftigkeit von Klima-Abkommen würden Sie also nicht in Frage stellen?
Nein. Ich bin keiner, der den Klimawandel leugnet. Nein, das haben wir. Wir haben aber sehr wohl offene Fragen: Wie kam es zu dieser hundertjährigen Zwischeneiszeit zwischen 1800 und 1900, das ist bis heute noch nicht ganz beantwortet. Wenn wir keine Fragen zum Klimawandel hätten, bräuchten wir viele Wissenschaftler nicht mehr. Es ist wahrscheinlich ungefähr ein Drittel aller Wissenschaftler aus dem Bereich der Erdwissenschaften, Meteorologie, Geodynamik, Geophysik mit dem Klimawandel beschäftigt. Es gibt zum Beispiel das Problem: Es wäre zu erwarten, dass der Golfstrom aufgrund der Erwärmung langsamer wird. Tut er aber nicht, obwohl er das seit zwanzig Jahren tun sollte. Wir wissen also nicht genau, wie er funktioniert. Und das macht uns im Moment große Sorge.

Thema Wissenschaftspolik: Sie stehen Sie generell zur Studienplatzbeschränkung und zur Studienplatzfinanzierung, die bis zum Juni 2017 laut dem überarbeiteten Regierungsprogramm ausgearbeitet werden soll?
Die Studienplatzbeschränkung halte ich persönlich für nicht besonders sinnvoll. Denn viele Damen und Herren glauben immer: Ja, die besten Köpfe sollen studieren. Ich finde, es sollte jeder studieren, der glaubt, er sollte das machen. Das Problem ist, und das glauben immer viele, dass Studenten, die mangelhaft studieren, dem Staat etwas kosten. Aber die einzigen, denen das etwas kostet, sind der Herr Papa und die Frau Mama, die den Studenten durchfüttern müssen. Denn die Ressourcen auf der Universität sind zwar beschränkt, aber es ist vollkommen egal, ob in einem Hörsaal 30 oder 300 Personen sitzen. Die Ressourcenbeschränkung habe ich in Übungen, Praktika und Proseminaren, aber dort kommen ohnehin nur jene rein, die gewisse Prüfungen bestanden haben. Ich bin der Meinung, die Leute sollen selber draufkommen, ob sie für dieses oder jenes Studium nicht geeignet sind. Und nach einem Semester ist noch nichts verhaut. Wenn ich aber von vornherein sage: Du darfst das nicht studieren, dann wird er ein Leben lang traurig sein und sagen: Eigentlich hätte ich das gerne machen wollen, und hatte nie die Chance, das zu zeigen. Ich halte diese Studienplatzbeschränkung für massiv schädigend. Es sorgt weder dafür, dass die Studenten besser werden, noch dafür, dass die Ressourcen an der Universität besser werden.

Dass die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik, Anm.) gefördert werden, stimmt Sie das dann wieder versöhnlich? Oder gehen dann andere geisteswissenschaftliche Fächer ein bisschen unter?
Das Problem ist, dass ich seit Jahrzehnten höre, dass die MINT-Fächer gefördert werden sollen. Aber es nützt die beste Förderung nichts, wenn die meisten Physiklehrer, die in der Hauptschule oder an der NMS unterrichten, niemals in ihrem Leben eine Prüfung in diesem Bereich gemacht haben. Wenn ich Hauptschullehrer bin, und für Deutsch und Geschichte ausgebildet worden bin, dann kann es passieren, dass an der Schule mein Direktor sagt: Tut mir leid, ich brauche keinen Deutsch- und Geschichtelehrer, du unterrichtest ab morgen Physik. Das stimmt mich bedenklich. Was bringt die Förderung, oder wenn die Schüler ein besseres Labor haben, wenn ich nicht die Lehrer habe, die fachlich kompetent sind. Wir brauchen bessere Fachkompetenz der Lehrer, da hilft die ganze Fachdidaktik nichts.

Machen Sie sich Sorgen um die Schulbildung?
Ich warne davor, dass die Direktoren ihre Lehrer autonom aussuchen können. Jetzt stellen wir uns vor, ich bin ein Direktor einer beliebigen Partei. Wenn zehn Lehreranwärter gleich qualifiziert sind, wen werde ich nehmen? Ich werde jemanden aussuchen, mit dem ich ideologisch-politisch eher im Gleichklang sein. Was wird passieren? Ich sage es bewusst überspitzt: Wir müssen damit rechnen, in zehn Jahren radikale Schulen zu haben. Radikal Grüne Schulen, radikale Moslemschulen, radikale FPÖ-Schulen, radikale sozialdemokratische Schulen, in denen der Lehrkörper aus einer Partei besteht.

Technischer Fortschritt bringt auch Automatisierung. Sehen Sie zur Erhaltung von Arbeitsplätzen die von der SPÖ vorgeschlagene Maschinensteuer als gangbaren Weg?
Die Maschinensteuer ist durchaus ein altes Thema der Sozialdemokratie, das seit Kurzem wieder aufgebracht wird. Ich glaube, wir müssen uns tatsächlich überlegen, wie es mit der Arbeitsplatzsituation weitergeht. Aber dafür bin ich nicht der Fachmann. Was ich sehe ist, dass auf der einen Seite sehr viel Arbeit neu entsteht, andere Branchen dafür wegbrechen. Die Jobs, die jetzt wegbrechen, sind Jobs mit einer relativ schlechten Ausbildung. Was wir derzeit händeringend suchen, sind Top-Programmierer, Mathematiker, Naturwissenschaftler, Techniker. Aber auch im Sozialbereich, Pfleger und Pflegerinnen, Kindergärtnerinnen, das sind ganz wichtige Bereiche.
Ich sage: Maschinensteuer: Ja. Aber viel eleganter würden wir das ganze Problem lösen, wenn unser Bildungssystem diesen Spagat bewältigen würde. Dass jemand, der einen Job hat, der keine hohe Ausbildung erfordert, nach zehn Jahren sagen kann: Ok, Meinen Job gibt es nicht mehr, aber ich kann aufgrund meiner Fertigkeiten durch ein verbessertes Bildungssystem relativ schnell eine Umschulung machen und neu in einen Beruf einsteigen. Das würde ich persönlich für das Beste halten.

Sie sind eingetragenes SPÖ-Parteimitglied. Wie sehen Sie bisher die Performance von Bundeskanzler Christian Kern?
Ich habe durchaus schon einige Bundeskanzler erlebt. In der Sozialdemokratie hatten wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten das Thema: Wie präsentiere ich etwas? Und da glaube ich, dass Kern hier momentan eine tolle Performance bringt. Faymann hat in der EU-Politik im Hintergrund vieles weitergebracht, war aber nicht in der Lage, das in der Öffentlichkeit zu verkaufen. Er ist kein Rhetoriker. Kern ist in der Lage, jemandem von der Straße zu erklären, wie man Dinge angehen kann. Wichtig ist, dass man jetzt einmal weiß, wohin es gehen soll. Gemessen wirst du aber auch an deinen Taten. Die Worte waren gut, die Taten werden wir uns in den nächsten Monaten ansehen.

Könnten Sie sich selbst vorstellen, in die Politik zu gehen?
Ich bin in der Politik. Denn alleine dadurch, dass wir hier über Politik reden und es in den Medien präsentiert wird, ist es ein politisches Statement. Ob ich auch in einer gewählten Funktion auftreten will? Ich wurde schon des Öfteren gefragt. Würde aber einmal sagen: Nein. Ich bin Physiker. Es ist zwar so, dass ich viele Politiker - nicht nur aus der sozialdemokratischen Partei - kenne, dass ich mich für Politik interessiere, weil ich denke, dass man als Physiker nicht nur die Formeln sieht, sondern auch die Einbettung in die Gesellschaft. Aber im Moment ist ein politisches Amt nicht Teil meiner Lebensplanung.

Sie tragen seit ihrem Herzstillstand im September 2015 einen Herzschrittmacher?
Ich habe einen implantierten Defibrillator. Patienten mit einem Herzstilland sind da relativ sensibel, weil es einen Unterschied bedeutet. Patienten mit Herzstilland ohne Ursache fühlen sich besser als jene mit Herzinfarkt, weil da am Herzen wirklich etwas beschädigt wird. Bei mir gab es keine Beschädigung. Ich kann meinen Defi mit meinem iPad auslesen und den Status feststellen. Ich bin einer der wenigen, der sich das selbst anschauen kann. Weil ich mit eigenen Geräten arbeite, die mich einer Exposition mit elektromagnetischer Strahlenbelastung ausliefern, um nachzuschauen, ob das einen Einfluss hat. Ich bin Beta-Tester für dieses Gerät.

Warum testen gerade Sie einen Defibrillator?
Der Punkt ist der: Wer hat schon zuhause einen Tesla-Transformator? Und den braucht man dazu. Wir testen Sachen aus, weil die Firma, die diesen Defi herstellt, noch nicht ausreichend Erfahrungswerte hat. Das heißt nicht, dass es für mich gefährlich werden könnte, sondern es könnte nur sein, dass sich der Defi automatisch ein- oder ausschaltet.

Haben Sie auch weiterhin keine Erinnerung an den Tag, an dem Sie einen plötzlichen Herzstillstand hatten?
Ich bin in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt worden, da bekommt man massive Drogen, das ist ungefähr das, was sich manche Damen und Herren am Karlsplatz wünschen. Die wirken so, dass auch auf das Kurzzeitgedächtnis zugriffen wird, und dieses wird gelöscht. Meine letzte Erinnerung war, dass ich das Frühstück zubereitet habe. Das war aber nicht das erste Mal, dass ich tot war. Wenn man stirbt, kann man das sogar aktiv bewusst erleben, das habe ich schon vor zwölf Jahren tatsächlich erlebt. Damals war es eine kalte Lungenentzündung.

Inwieweit hat der zwischenzeitliche Herztod Ihr Leben verändert?
Nach eineinhalb Wochen im AKH habe ich mit meinen Ärzten darüber gesprochen, was sich ändern muss. Das Rauchen hatte ich ohnehin schon vor Jahren aufgegeben. Auch Alkohol ist kein Thema. Ich hatte eine Magenbypassoperation, da geht das nicht, oder nur sehr problematisch. Der Arzt hat gesagt: Aufgrund der Operation nehmen Sie außerdem automatisch ab. Gut, Herr Gruber, viel Spaß! Es kam nur mein Einwand: Weniger Arbeiten? Der Arzt: Herr Gruber, wenn Ihnen die Arbeit Spaß macht und Sie sie nicht als belastend empfinden, feel free! Von dieser Warte aus hat sich also wenig geändert. Was sich sehr wohl geändert hat: Ich fahre nicht alles mit der U-Bahn, sondern gehe manche Strecken im zügigen Tempo. Das sind Kleinigkeiten. Vielleicht denkt man ein bisschen mehr nach. Normalerweise ist das ein sehr privates Thema. Aber ich weiß schon, dass ich eine Person mit einer bestimmten Bekanntheit bin. Daher waren gleich einige Pressesprecher von diversen Institutionen bei mir, um abzuklären, wie man das kommuniziert. Meine Familie war dadurch sehr wohl etwas überfordert. Ansonsten hat sich meine Lebenseinstellung nicht verändert. Ich glaube sagen zu können, dass ich jeden Tag so lebe, wie ich meinen letzten Tag leben würde. Ich könnte auf ein sehr erfülltes Leben zurückblicken. Wer hätte sich vor 20 Jahren gedacht, dass Leute freiwillig mit Bezahlen in den Rabenhof kommen um sich erklären zu lassen, wie man einen Schweinsbraten macht und noch dazu physikalisch erklärt?

Lässt sich der Erfolg auch so messen, dass Leute sagen: Ich habe mich für ein naturwissenschaftliches Studium interessiert, weil ich in einer Vorstellung war?
Es sprechen mich immer wieder junge Leute an: „Herr Gruber, ich habe jetzt mein Physikstudium abgeschlossen, und Sie waren der Grund, warum ich angefangen habe.“ Das ist der Moment, wo man dann sagt: Mehr kannst du nicht erreichen. Damit weiß ich: Ich habe gelebt, um etwas zu verändern und habe Einfluss auf Menschen. Wenn man versucht, das positiv wirken zu lassen, ist das nicht so schlecht.

Wissenschaftler marschieren gegen Trump

Analog zu der Protestbewegung "Women's March on Washington" hat sich in den USA die parteilose Bewegung "March for Science" gebildet, die sich gegen Wissenschaftsfeindlichkeit einsetzt. Für den 22. April 2017 sind Märsche in Washington und vielen anderen Städten der Welt geplant. Auch in Österreich vernetzen sich derzeit Interessenten aus der Wissenschaftsszene, um einen "March for Science - Vienna" abzuhalten.

Die Veranstalter schreiben auf Facebook: "In Zeiten, in denen Halbwahrheiten und Lügen 'alternative Fakten' genannt werden, in denen durch das Leugnen wissenschaftlich erwiesener Tatsachen mit der Zukunft unseres Planeten gespielt wird, wollen wir auch in Wien ein Zeichen setzen." Auch der Physiker Werner Gruber kann sich vorstellen, die Aktion zu unterstützen.

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