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Wiener Staatsoper
10/19/2013

Wenn Operndirektoren gehen

Die bedeutendsten Chefs des Hauses verließen es im Streit.

von Georg Markus

Kaum eine Institution hat eine so große Tradition, ihre Direktoren mit lauter Begleitmusik aus dem Haus zu jagen wie die Wiener Staatsoper. Herbert von Karajan und Karl Böhm gingen gleich zwei Mal – und immer im Streit. Ziemlich unsanft auch die Abschiede von Richard Strauss, Clemens Krauss und Mahler – auch wenn die Gründe sehr unterschiedlich waren.
Karajans Abgang Nr. 1 erfolgte 1962, weil Unterrichtsminister Drimmel hinter seinem Rücken mit dem Bühnenpersonal einen neuen Vertrag ausgehandelt hatte. Der Maestro tobte und ging. Ließ sich aber von Publikum und Ensemble überreden, an den Ort seiner Triumphe zurückzukehren. Er blieb unter der Bedingung, dass man ihm Festwochenchef Egon Hilbert als Co-Direktor zur Seite stellen würde. Um zwei Jahre später wieder zu gehen – diesmal weil man ihm Hilbert zur Seite gestellt hatte.

Publikum muss gehen

Die beiden konnten nicht miteinander, was darin gipfelte, dass Karajan von Hilbert verlangte, sich nicht länger Staatsoperndirektor zu nennen, sondern „Direktor der Staatsoper“. Nicht genug damit, schickte Karajan am 5. November 1963 das festlich gekleidete Publikum einer Bohème-Premiere nach Hause. Der Grund: ein Streik des Bühnenpersonals, da Karajan den österreichischen Souffleur durch einen Italiener ersetzen ließ. Karajan ging, nun für immer. Mit der legendär gewordenen Erklärung: „In Wien hat jeder Operndirektor eineinhalb Millionen Mitdirektoren, die ihm alle sagen, wie die Oper geführt werden muss.“

Karajans Vorgänger Karl Böhm ging zum ersten Mal 1945: Unfreiwillig – wegen seiner Nähe zum Naziregime. Er hatte dem „Kampfbund für deutsche Kultur“ angehört, dessen Ziel es war, „die Berufung von Künstlern jüdischer Abstammung abzulehnen“.

Zerstörte Oper

Dass Böhms erste Ära als Operndirektor de facto nur 16 Monate dauerte, liegt daran, dass im Juni 1944 alle Theater kriegsbedingt geschlossen wurden. Nach Zerstörung der Staatsoper durch amerikanische Bombentreffer im März 1945 spielte man Opern im Theater an der Wien und an der Volksoper – ohne Böhm, der von den Alliierten wegen seiner Nazi-Kontakte gesperrt war.

Am 5. November 1955 wurde die Staatsoper mit einer Fidelio-Festvorstellung wiedereröffnet. Und Böhm war wieder da. Als Dirigent – und als Direktor des Hauses.

Doch auch seine zweite Amtszeit war kurz. Diesmal, weil der als „Häferl“ bekannte Böhm keine Kritik vertrug, am wenigsten den Vorwurf, allzu oft auf Gastspielreisen zu gehen, statt sich um die Wiener Oper zu kümmern.

Ausgepfiffen

Als er im Februar 1956 nach einer Tournee mit dem Chicago Symphony Orchestra in Wien ankam und zu seinem langen Auslandsaufenthalt befragt wurde, antwortete er schnippisch: „Ich denke nicht daran, meine Karriere der Wiener Oper zu opfern.“ Die Aussage führte dazu, dass Böhm in der nächsten Vorstellung ausgepfiffen wurde. Was ihn so erzürnte, dass er zurücktrat. Der Skandal eskalierte, als er bei seinem Abgang sagte, dass „der Pöbel die Herrschaft über die Wiener Oper übernommen“ hätte. Später erklärte er noch, dass er ohnehin nie Operndirektor werden wollte: „Ich kenne die Wiener und weiß, dass sie Weltmeister im Intrigieren sind. Sie haben ja auch Mahler und Karajan aus der Stadt vertrieben.“

„Weniger intrigieren“

Böhm dirigierte nach seiner Direktionszeit noch oft an der Staatsoper. Und sagte, als man ihn zum Ehrenmitglied ernannte: „Liebt eure Oper wie bisher – aber intrigierts ein bisserl weniger!“

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Skandale um abtretende Operndirektoren mit politischem Hintergrund. Der Dirigent Clemens Krauss, seit 1929 Opernchef, verkündete 1934, nach der Ermordung von Kanzler Dollfuß, statt der Wiener die Berliner Oper zu übernehmen. In Wien buhte man ihn deshalb aus, da er nach Nazi-Deutschland ging, wo man den Mord bejubelt (und in Auftrag gegeben) hatte.

Eher selten in Wien

Ähnlich wie Böhm zeigte sich auch Direktor Richard Strauss selten in Wien und wie Karajan war auch er mit seinem Co-Direktor, Franz Schalk, zerstritten. Als Strauss 1924 Schalks Entlassung forderte, dessen Vertrag aber verlängert wurde, zog er die Konsequenz und ging.

Das alles war nichts gegen den Abgang Gustav Mahlers, gegen den es eine beispiellose (teilweise antisemitische) Kampagne gab. Mahler hatte sich, ehe er 1897 Operndirektor wurde, katholisch taufen lassen, was nichts daran änderte, dass er das Wiener Publikum spaltete. Er wurde geliebt und gehasst – dazwischen gab es nichts. Mahler schuf die ersten modernen Inszenierungen, holte Stars wie Selma Kurz und Leo Slezak.

Der Anfang vom Ende seiner zehnjährigen Direktionszeit kam, als die k. k. Zensurbehörde 1905 die Zulassung des Textbuches zu Richard Strauss’ Oper Salome „aus sittlichen Gründen“ untersagte. Mahler erklärte den Rücktritt, der jedoch von der vorgesetzten Behörde nicht angenommen wurde. Trotz umjubelter Vorstellungen – unter anderem mit Enrico Caruso als Gast – begann jetzt die Hetzkampagne gegen Mahler. „Alternde, zurückgesetzte Sänger schürten die Revolution“, erklärte Marcel Prawy. „Ein Teil der Presse kritisierte Mahlers Gastspiele, deutschnationale Kreise verlangten mehr deutsche Novitäten“ (obwohl bei Mahler ohnehin Wagner-Opern an vorderster Stelle standen).

Orden im Schreibtisch

Im Sommer 1907 demissionierte Mahler zum zweiten Mal – und wurde diesmal erhört. Prominenz von Stefan Zweig über Schnitzler bis Klimt versuchte ihn zum Widerruf zu bewegen, doch er war nicht mehr bereit dazu. Am 15. Oktober 1907 dirigierte er zum letzten Mal, ließ seine Orden in der Schublade des Direktionsschreibtisches und fuhr in die USA. „Ich gehe“, raunte er einem Freund zu, „weil ich das Gesindel nicht mehr ertrage“.

„In Wien“, hatte er einmal gemeint, „muss man erst gestorben sein, damit einen die Leute hochleben lassen.“ So war’s auch: Heute wird Mahler als einer der bedeutendsten Direktoren der Operngeschichte gefeiert.

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„Es war ganz anders“

Der KURIER bringt Auszügeaus dem eben erschienenen Buch „Es war ganz anders“,in dem Georg Markus nachweist,dass viele Geschichten, die wiraus der Geschichte kennen,durch jüngere und jüngste Erkenntnisse neu geschrieben werden müssen. 303 Seiten, zahlreiche Abbildungen, € 24,95. Amalthea Verlag,Wien. Erhältlich im Buchhandel oder – handsigniert vom Autor– im kurierclub.at

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